"Wem die Jugend eine Marter ist, dem ist das Alter Erlösung", so hieß es in einem famosen FAZ-Artikel zur Rückkehr Morrisseys im Jahre 2004. Setzt man diesen Zeitpunkt als Beginn des Alterswerkes Morrisseys an - immerhin feiert der Mann in diesem Jahr seinen 50. Geburtstag - ist Years Of Refusal das dritte Album in der Reihe der "Alterswerke". Und es ist, soviel sei vorab verraten, fantastisch geraten. Keine Spur von Altersmilde, geradeaus und rockend wie vielleicht zuletzt auf Your Arsenal.
Der alte Mann und der Rock, das scheint überhaupt das Thema der Platte zu sein. Bereits im Opener Something Is Squeezing My Skull wird klar wohin die Reise geht. Die Band (inzwischen anscheinend sehr gut eingespielt) galoppiert dem Meister fast davon, selten war eine Einstiegsnummer auf Morrissey-Alben schneller, kompakter und rockender als dieser Track. Könnte sich gut als Konzert-Opener machen. (8 von 10 möglichen Punkten)
Weiter geht's mit Mama Lay Softly On The Riverbed, einer mit Marschrhythmus unterlegtem Midtempo-Nummer mit großartiger Dramatikkurve. (8/10)
Black Cloud greift eines der Morrissey-Themen schlechthin auf: Die unerwiderte Liebe. Das Ganze in knapp 3 Minuten, der nächste kompakte Rocker auf dem Album. (7/10)
Anschließend folgt mit I'm Throwing My Arms Around Paris weder eine Liebeserklärung an Frau Hilton noch an die französische Hauptstadt, wie man vielleicht im ersten Moment denken könnte. Es geht vielmehr erneut um eine unerwiderte Liebe, denn "only stone and steel accept my love". Ein wirklich schöner Popsong, der als erste Single des Albums veröffentlicht werden wird. (8/10)
All You Need Is Me ist bereits vom letztjährigen Best-Of-Album bekannt. Ein Uptempo-Popsong, sehr typisch Morrissey, sehr eingängig, sehr gut. Andere Künstler würden wahrscheinlich ihren linken Arm für so eine fantastische Hookline geben. (8/10)
Nun machen wir eine kleine Reise nach Südamerika und lauschen dem Mariachi-Instrumentarium: When Last I Spoke To Carol, großartiger Song, nix zu meckern. (9/10)
That's How People Grow Up klingt wie eine Variation von You Have Killed Me gekreuzt mit First Of The Gang To Die. Guter Song, zweifelsohne, aber für meinen Geschmack nur ein Abklatsch der genannten. Zu sehr auf Single-Hit gebürstet, hier gibt es erstmals Punktabzug. Wenn auch nur geringfügigen, denn ein "schlechter" Morrissey-Song ist immer noch tausend Mal besser als ein guter von (hier Indie-Kapelle Deiner Wahl einfügen). (6/10)
Ähnlich verhält es sich mit One Day Goodbye Will Be Farewell, auch nicht schlecht, aber auch nicht mehr als solides Mittelmaß. (7/10)
Es folgt der Super-Trennungssong für alle Ex-Verliebten, unglücklich verheirateten oder frisch geschiedenen: It's Not Your Birthday Anymore. Ein wirklich schöner Song mit einer erneut tollen dramatischen Steigerung, sehr schön instrumentiert. (8/10)
You Were Good In Your Time hätte von Stimmung und Arrangement sehr gut auf Ringleader Of The Tormentors gepaßt. Wobei er mich andererseits auch an Late Night, Maudlin Street vom Viva Hate-Album erinnert, aber leider nicht dessen Klasse erreicht. Guter Rausschmeißer für das letzte Bier in Ritas Hafenbar. Überraschendes, leicht noisiges Ende mit Elektro-Spielereien. (6/10)
Sorry Doesn't Help, naja, manchmal vielleicht doch. Ein feiner Song, Midtempo, wieder sehr typisch Morrissey. (7.5/10)
Zum Abschluß die bislang beste Morrissey-Hymne der Neuzeit, ein zukünftiger Klassiker: I'm OK By Myself. Textlich wohl die beste Zusammenfassung des morrisseyschen Misantrophentums, musikalisch eine Offenbarung, großartig gerockt, perfekt gesteigert und in einem fast punkrockigen Stakkato-Finish gipfelnd. Ganz großer Song, das Ding will ich unbedingt live hören. (11/10)
Fazit: Ich freu mich auf den Juni in Berlin, um die Songs live erleben zu dürfen. Für das neue Morrissey-Album hatte ich das Beste gehofft und bin nicht enttäuscht wurden. Tolles Album.