NIN. Die waren ja schon immer bekannt für düstere Soundkollagen, verstörende Texte und ein unbehagliches Ambiente. Bzw. eigentlich nur der, Trent Reznor ist ja das einzig feste Mitglied. Wie auch immer. Der typische NIN-Sound bleibt auch beim neuesten Werk erhalten. Allerdings klingt das ganze wieder lärmiger, bedrohlicher, härter als beim für Nägels-Verhältnisse relativ "soften" With Teeth.
Hyperpower! leitet das Album wunderbar ein - in einer Minute und 42 Sekunden von Null auf Hundert, von trockenen Drum-Beats zu einem Crescendo aus verzerrten Gitarren und infernalischem Geschrei. Wer nach dem Opener ein ganzes Album in diesem Stil erwartet, wird erstmal enttäuscht. The Beginning of the End, welches sogar ein bisschen an das Vorgängeralbum erinnert, leitet die Grundstimmung ein, die sich durch das gesamte Album zieht. "We face our consequence / this is the beginning of the end". Thema ist eine Zukunftsvision aus dem Jahr 2022, auch als Year Zero ("Jahr Null") bekannt. In dieser Zeit hat die amerikanische Regierung die völlige Kontrolle übernommen. Drogen im Trinkwasser machen den durchschnittlichen amerikanischen Bürger willenlos. Wer sich nicht daran hält, wird aufgesucht und verschleppt. Widerstand scheint zwecklos. Von den Songtexten allein wird die Story allerdings nicht erzählt. Rund um Year Zero hat Trent Reznor eine eigene alternative Realität aufgebaut. Wer ein bisschen recherchiert, wird zahlreiche Websites finden, die aus der Zukunft zu stammen scheinen und ein erschreckendes Bild des Amerikas im Jahr Null nach und nach vervollständigen.
Zurück zur Musik. Die gestaltet sich bei den ersten Durchläufen als eher mühselig. Survivalism will und will einfach nicht zünden, solange man sich nicht eingängig mit der Musik beschäftigt. Also weg vom Internet, Hinlegen, Kopfhörer auf, Lautstärke hoch, Augen zu. Erst wenn man sich auf Reznor's Musik einlässt und aktiv zuhört, erschließt sich das Album vollständig. Was beim Nebenherhören monoton und einfallslos klingt, entfaltet erst bei genauerem Hinhören seine wahre Größe. So beispielsweise beim recht anstrengenden Vessel, dem schleichenden The Good Soldier oder dem unheimlichen God Given, welches einer der herausragendsten Songs der Platte ist. Einen weiteren Höhepunkt stellt My Violent Heart dar, hier hört man nach langer Zeit mal wieder richtige Wut aus Reznor's Stimme heraus. Textlich scheint jeder Song die Geschichte eines anderen Protagonisten aus der Welt im nullten Jahr darzustellen. Um diese Welt zu verstehen muss man aber tiefer eintauchen. Wer dazu neigt, solche Sachen zu ernst zu nehmen, dem sei allerdings an dieser Stelle davon abgeraten.
Den definitiven Höhepunkt erreicht das Album gegen Ende. Nach dem sphärischen Halbinstrumental The Greater Good, das mit einem unglaublich coolen Xylophon aufwartet, gräbt der große Zerstörer Trent entgültig den Klappstuhl aus (The Great Destroyer). Das Ende des Songs besteht ausschließlich aus zerhackstückelten Beats. Noise vom Feinsten. Fast. Mir persönlich fehlt hier das Geschrei aus dem Opener. Den Blick über die Landschaft nach der großen Zerstörung begleitet Another Version of the Truth. Seichte Pianoklänge, dazu eine bittersüße Melodie. Verstörend, düster, und trotzdem wunderschön. Hier zeigt sich wiedermal, dass die wahre Stärke Reznors in seinen ruhigen Momenten liegt. In This Twilight und vor allem das grandiose Zero-Sum lassen das Album ausklingen. Das Ende der Welt. Verzweiflung. Reue. "If I could only / do it all again". Wenn der Weltuntergang irgendwie klingt, dann so.
Zugegeben, das Album hat auch Schwachstellen. The Warning beginnt mit einem extrem coolen Gitarrenriff. Dieses wird aber das ganze Stück durch beibehalten, was dazu führt, dass der Song irgendwann zu nerven beginnt. Hier hätte ein bisschen mehr Wumms hingehört. Auch bei Capital G springt der Funke nicht so richtig über. Der Song ist keineswegs schlecht, geht aber neben den anderen Titeln ein bisschen unter.
Year Zero ist also nicht perfekt. Schön und gut. Nicht jeder wird damit etwas anfangen können. Auf-die-Fresse-Sound gibt es nämlich wenig. Aber das muss auch gar nicht sein. Wer bereit ist, ein bisschen tiefer in Reznor's Welt einzutauchen und dem Album mehrere Durchgänge zu gönnen, der wird auf seine Kosten kommen.