Damit man mich nicht falsch versteht: Für diesen Preis ist das ein faires Angebot. Leider habe ich aufgrund diverser Testberichte, Demonstrationsvideos und auch Rezensionen etwas zuviel erwartet. Diese Rezension soll sich an all die richten, die vielleicht den gleichen Fehler begehen wie ich.
Vorgeschichte (ich hoffe, ich langweile niemand): Ich bin/war Musiker, hatte mich nach zig Bühnenjahren ganz der damals neuen MIDI-Revolution hingegeben, und zwischen 1985 und 2000 so ziemlich alles zwischen den Fingern und im Studio gehabt, was es so gab. Yamaha DX7 bis SY77, Korg Wavestation, Roland D70, AKAI Sampler um nur einige zu nennen. Erlesene Teile, keine Frage und in Preiskategorien jenseits von gut und böse. Immer mit dabei war ein Entertainment-Keyboard von Technics, Roland oder Yamaha. Zuletzt das Yamaha PSR 8000. Warum Entertainment Keyboard? Ich bin ein fauler Mensch und immer auf der Suche nach Anregungen und Ideen. Von den Styles liessen sich herrlich Fragmente klauen. Kleine Teile der professionellen Begleitpattern (natürlich nie das ganze Arrangement), per MIDI in den Sequenzer übertragen, mit anderen Sounds versehen - schon war der Song um einen Farbtupfer bereichert. Mit den Entertainment Keyboards liessen sich auch prima Songideen schnell ausprobieren. Soweit sogut. Um 2000 hab ich dann eine Pause eingelegt, und schliesslich alles verkauft, was ich hatte.
Jetzt, nach über 10 Jahren, will ich wieder ein bisschen musizieren. Nicht mehr so ambitioniert wie damals, aber eben. Unglaublich, was es jetzt alles gibt. Komplette virtuelle Tonstudios, mächtige Werkzeuge, virtuelle Instrumente, Effektgeräte, unfassbar. In Preiskategorien, von denen ich früher träumte. Zu diesem Glück fehlt mir nur noch ein Einspielgerät, vulgo Tastatur, gerne mit ein paar Styles, Rhythmen - siehe oben.
Da sticht mir natürlich ein Yamaha Tyros 4 ins Auge, aber nein, soviel Geld will ich nicht mehr ausgeben.
Das Yamaha E423 scheint auch alles an Bord zu haben. Sounds satt, Styles im Überfluss, USB/MIDI, ein witziger Arpeggiator (ich sag nur: Ideen klauen), 61 Fullsize Tasten und die Qualität soll sogar gut sein. Der niedrige Preis schreckt mich nicht einmal. Schliesslich ist doch heute alles so billig....
Nun ja. Wie oben gesagt: Der Preis ist - für das Gebotene - nicht zu hoch. Aber der (niedrige) Preis macht sich auch überall bemerkbar, keine Frage. Das Keyboard macht nun mal einen richtig billigen Eindruck. Die Tastatur ist federleicht und klapprig, das Pitchbend Rad wacklig. Wie ist der Sound? Dünn, mittig und scheppernd. Natürlich sind die Lautsprecher völlig überfordert, aber auch ein Anschluss an meine Anlage machte das Ganze nicht besser. Da fehlt es einfach an der Soundqualität. Die Bedienung ist natürlich sehr sehr umständlich. Um Knöpfe und Schalter einzusparen, muss man sich durch unzählige Untermenüs quälen, wenn man beispielsweise MIDI auf Local off stellen will. Dies habe ich allerdings nicht anders erwartet und natürlich ist alles andere in Anbetracht des Preises unrealistisch. Ich betone das alles nur deshalb, weil man sehr viel darüber lesen kann, wie "wertig" das Keyboard aussieht und sich anfühlt. Das ist einfach nicht richtig. Richtig ist, dass es exakt nach dem Preis aussieht, was es kostet. Billig.
Komme ich nun zu den wirklich negativen Punkten:
Die Lautstärken des Style-Arrangements lassen sich nicht separat regeln. Das ist natürlich ein absolutes Minus. Ich spiele sehr gerne nur mit einem Teil des Begleitmusters und lasse bspw. die Drums und den Bass weg. Das geht nicht, und das hätte ich wirklich erwartet.
Weiterhin kann man nicht einfach zwischendurch ein FillIn auslösen, sondern ein FillIn leitet immer über in den Part B oder A, je nachdem, wo man sich gerade befindet.
Positiv anzumerken ist, dass die MIDI-Übertragung tadellos funktioniert, wenn man den Trieber installiert. Ich kann damit meinen Sequenzer steuern und meine virtuellen Instrumente spielen. Auch die Übertragung der Styles per MIDI ist möglich. Aber eben nur komplett. Man muss sich seine gewünschten Fragmente danach wieder rausfummeln.
Der Arpeggiator ist wirklich witzig. Damit herumzuspielen macht echt Laune. Und auch das wird vollständig und brav über MIDI übertragen.
Mein Fazit: Von diesem Keyboard darf man nicht zuviel erwarten. Wie es eben mit der Werbung so ist: Sie lügt. Das ist ein Keyboard für Einsteiger. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Ich bin in die Preisfalle geraten, weil ich wirklich dachte, analog zu den heutigen Software-Preisen gäbe es entsprechende Qualität auch im Hardware Bereich. Das ist nicht der Fall.
Trotzdem gebe ich 4 Sterne. Weil, zum letzten Mal: Für den Preis ist das ein faires Angebot.
Update: Nach 3 Tagen habe ich das Keyboard zurückgeschickt. Die Nachteile haben einfach überwogen. Um den Arpeggiator tut es mir leid. Sowas ist in diesem Teil ziemlich einmalig und in anderen Keyboards nicht zu finden. Mal kucken, ob ich einen Arpeggiator als VSTi-PlugIn finde. Übrigens, das hatte ich vorher noch vergessen: Die beiden Regler zur Filterkontrolle sind nicht praktikabel. Überflüssige Spielerei. Sowas macht man besser in einem Midi-Programm.
Was das Keyboard angeht: Ich will es jetzt mit einem PSR S550 probieren. Eine Klasse höher, gewissermaßen das Einstiegsmodell in die Mittelklasse und ca. 3x so teuer. Sobald ich es habe, werde ich eine ausführliche Rezi verfassen.