"This is not your grandfather's New Orleans Record" prangt über der in der Innenseite der Hülle abegdruckten Rezension von Ned Sublette. Und in der Tat verspricht auch schon das Cover eine bunte Stilmischung, die kaum noch etwas damit zu tun hat, was sich der Laie unter New Orleans Jazz vorstellen mag. Stattdessen liest man bei Sublette weiter, haben Galactic auf diesem Album eine Reihe von Größen der modernen Musikszene in New Orleans versammelt, von denen jeder seinen eigenen Stil mitbringt.
Voller Erwartung legt der Rezensent also die CD ein, und zu leicht schrillen, rhythmischen Klängen werden die "Friends of Science" von einem etwas eigentümlichen und akademisch steif anmutenden Mann begrüßt.
Nach diesem kurzen Intro, gleichsam eine Art Einschwingvorgang für den Hörer, reißt es ebendiesen gleich wieder aus dem Sessel, wenn die Rebirth Brass Band sich mit kräftigen Bläsern vorstellt. New Orleans? Wohl eher Havanna auf Kuba, so denkt sich der in diesen Dingen unbewanderte Rezensent, während seine ungeübten Füße sich ohne seine Zustimmung in Salsa oder Samba-schritten versuchen.
Nach dreieinhalb Minuten will er erschöpft und zugleich euphorisiert in seiner fiktiven Salsa-Bar Platz nehmen und ein lateinamerikanisches Rumerzeugnis zu sich nehmen, doch ein bedrohlich wirkender Mann (Big Freedia, nehme ich an?) ruft ihm laut und aufgeregt zu "No More Dreams, No more Dreams, this is reality". Die etwas düstere, aber ziemlich coole Hiphop-Nummer "Double it" entführt ihn also nun hinaus in die Nacht und auf die Straße.
Versöhnlichere Klänge gibt es dann von der souligen Irma Thomas, die zu zurückhaltender Bass- und Percussion-Begleitung in gospelhafter Manier ihr "Heart of Steel" besingt. "I should have known better", denkt sich auch der Rezensent angesichts seiner Unterschätzung der New Orleanser Musik. Doch das kann ihm die gute Laune nicht verderben, die diese Nummer macht.
Wieder etwas mehr Drive bringt ihm dann Big Chief Bo Dollis in "Wild Man". Gleichsam dahergesprungen kommen die Klaviereinwürfe in "Bacchus", während Allen Toussaint dem Hörer sein Lied "zusteckt", als ob niemand sonst das mitkriegen dürfte. Dann bewerfen sich Katey Red und Sissy Nobby gegenseitig mit gerappten Phrasen: "Katey vs. Nobby". (beides übrigens Männer, trotz der weiblichen Namen). Bei "Cineramascope" und "Dark Water" hat sich der Rezensent schon an den Stil gewöhnt, und genießt einfach die Musik. Doch beim zehnten Lied ereilt ihn erstmals wirklich ein Schock, als es laut "Hey Motherfucker, Hey Hey Motherfucker" aus den Lautsprechern schallt. Cheeky Blakk rappt frech und schnell durch den Song "Do it again", der trotz des primitiven Beginns gute Laune macht. Wieder ruhiger, mit getragenen Bläsern und etwas melancholisch dann Josh Cohen und Ryan Scully in "Liquor Pang".
Ein etwa dreißigsekündiges Intermezzo, etwas rauhe und maschinelle Klänge, namens Krewe D'Etat leitet über zu einem Höhepunkt: Die Rebirth Brass Band kündigt ihn an und dann singt Glenn David Andrews mit seiner rauchigen Bluesstimme "You don't know what I know" und wer das hört, glaubt es ihm aufs Wort. Fast ist man froh darum, nicht zu wissen, was er weiß, denn man hört aus dieser Stimme das ganze Leben heraus, gute und viele zumindest nicht ganz leichte Zeiten! Dazwischen immer wieder kurze prägnante Einwürfe von der Rebirth Brass Band: "Du sagst es!", "Um Gottes Willen!", "Und dann?" so klingt der Anteil der Bläser am Zwiegespräch mit dem Sänger. Am Schluss ist man aufgewühlt, auch wenn man den Text nicht verstanden hat, und wird in dieser stimmung an Walter "Wolfman" Washington weitergereicht, der zu entspannten, sphärischen Klängen in "speaks his mind" philosophische Gedanken mit dem Hörer teilt. "I made the World for Amusement" sagt er, und klingt dabei, als ob er enttäuscht wäre, was jetzt daraus geworden ist. Doch dann - schon wieder! - Cheeky Black, rotzfrech, unverschämt: "Do it Again (again)". Damit soll sie enden, die Reise in ein New Orleans, das vermutlich soviel mit der Realität zu tun hat, wie Janoschs Panama. Aber: "Do it again", was die können, kann ich schon lang, denkt der Hörer, und während er zur Fernbedienung greift um wieder in die Salsabar am Anfang zurückzukehren, entfährt es ihm wie ein ekstatischer Urschrei der Vorfreude, dieses Synonym für wilde, begeisternde Musik: YA-KA-MAY!!!