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Das lyrische Werk von Gerhard Falkner
1989 hat Gerhard Falkner (geb. 1951) mit «wemut» seinen dritten und wie er damals nicht ohne Pathos ankündigte letzten Gedichtband veröffentlicht. Wenn jetzt neuerdings Gedichte von ihm erscheinen, so ist das kein Widerruf. Denn es handelt sich hier um eine Art Summa, die zur Hauptsache Extrakte der drei Gedichtbände (zum Teil revidiert) oder zerstreut Gedrucktes umfasst.
«Müttergenesungswerk»
Der Titel «X-te Person Einzahl» ist mehr als ein witziger Einfall. Zunächst einmal scheint er eine provokante Absage an das traditionelle «lyrische Ich» zu sein, auf das Falkner schon früh nicht gut zu sprechen war. So etwa schreibt er in seinen 1993 unter dem Titel «Über den Unwert des Gedichts» veröffentlichten «Fragmenten und Reflexionen»: «Für das lyrische Ich wird's langsam mal Zeit fürs Müttergenesungswerk.» Ein Spott, dem die Kränkung anzumerken ist, die diesem Ich offenbar zugefügt worden ist und das sich nun nolens volens hinter der «X-ten Person Einzahl» verschanzt. Sieht man einmal von diesem Ich-Versteck mit seiner unverhohlenen Kreuzessymbolik ab, dann kann die «X-te Person» durch x-beliebige andere Personen in «Einzahl» ersetzt werden.
Der folgende Gedichttitel scheint das zu bestätigen: «Das Einzigartige als beliebige Folge von Austauschbarkeiten». Wie man sich das konkret vorzustellen hat, führt das Gedicht anschliessend auf inhaltlicher wie lautlicher Ebene vor. Indem Falkner nun seine Summa einer zugleich einzigartigen als auch austauschbaren Person zuschreibt, verrät er die extreme Gespanntheit, aus der sein «sprachkraftwerk» hervorgeht. Denn vom Ich zum X ist lautlich zwar nur ein winziger, inhaltlich aber ein sehr weiter Schritt. Das Gedicht «alle worte sind schuldig» reflektiert ausführlich diesen komplexen Sachverhalt: «das ich der vielen, die wir waren, bevor / es uns zerknüllte zu diesem einen / das wir sind und nicht sind.»
Die klangliche Nähe von Ich und X zeigt ausserdem, dass von der programmatischen Austauschbarkeit nicht bloss die Person des Autors, sondern vor allem auch das Wortmaterial betroffen ist. Letzteres spielt in Falkners Lyrik eine enorme, gelegentlich penetrante Rolle. Daran ist er aber nicht allein schuld, sondern auch die an Dichtern wie Falkner geschulte Werbung, die bald an jeder Plakatwand Verballhornungen wie «herzzeitlose», «selbstbesichtigung», «aschenkaputtel», «lichtraucher» oder «feindschmeckerin» zum besten gibt. Das wirkt sich aus wie ein Bumerang: was vor Jahren unter Umständen sprachschöpferisch war, klingt heute bemüht.
Philosophischer Hochseilakt
Natürlich beschränkt sich ein Lyriker wie Falkner, der sich auch sprachtheoretisch in schwindelerregende Höhen geschraubt hat, nicht auf die simple Austauschtechnik des Werbeslogans. In dem sechsteiligen Zyklus «materien», einer mit verschiedenen Schrifttypen und getrennten Kolumnen arbeitenden Textmontage, führt er typographisch vor, was ein aus «wortbrüchen» bestehender «textspeicher» sein kann. Auch der letzte Text dieser Sammlung («ich sage null für ja und eins für nein»), ein fünfseitiger, mit Ein- und Dreizeilern, Wiederholungen und Variationen jonglierender Monolog, demonstriert nur scheinbar paradox eine Vielstimmigkeit, an der sich genau studieren lässt, was mit dem Sprechen in der «X-ten Person Einzahl» gemeint sein könnte. Ein sehr schwieriger, im Grunde philosophischer Hochseilakt, der ein weiteres Mal den ausserordentlichen (Selbst-)Anspruch eines Dichters vorführt, der von sich sagt, dass er der «kühnsten unter den Künsten» verfallen sei. Wir glauben es ihm und seiner seit Beginn durchgehaltenen «haute écriture» aufs Wort.
Charitas Jenny-Ebeling
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