Ich Beginne mit einer Warnung: Diese Rezension wird lang! ;)
Ich habe die bisherigen Rezensionen gelesen und wundere mich über einige "Schnellschüsse". Deshalb bin ich der Meinung, dass einige Aspekte etwas intensiver beleuchtet werden müssen, bevor man sich ein endügltiges Urteil über X Plane 10 bilden kann und sollte. Insbesondere werde ich darstellen, warum X Plane 10 meiner Meinung nach weniger ein "Spiel" als viel mehr eine recht realistische Flugsimulation ist, bei der insbesondere Einsteiger mit einer steilen und langanhaltenden Lernkurve rechnen sollten - sowohl bei der Steuerung und Erweiterung des Programms als auch beim Fliegen selbst.
Ich besitze die Global-Version von X Plane 10 seit dem Erscheinen und beschäftige mich fast täglich mit ihm. Ich stöbere regelmäßig im Internet nach Informationen über aktuelle Entwicklungen und Flugzeug- und Scenery-Addons. Ich denke, dass ich mir inzwischen einen guten Überblick verschafft habe, wie X Plane 10 aktuell einzuschätzen ist, für wen dies die richtige Flugsimulation sein könnte und was voraussichtlich in den nächsten Jahren an Verbesserungen zu erwarten ist.
Vielleicht noch ein paar Worte zu meinem Background, damit Interessierte einschätzen können, was mich an X Plane 10 motiviert. Seit meiner Jugend wollte ich Verkehrspilot von Verkehrsmaschinen werden. Die Anmut eines startenden Flugzeugs, die Komplexität des Fliegens (Flugsteuerung, Bordsysteme, Navigation, etc.) und natürlich auch die Freiheit über den Wolken fasziniert mich auch heute noch. Leider haben mir meine Augen einen Strich durch die Rechnung gemacht. Der Erwerb einer PPL (Private Pilotenlizens) für Kleinflugzeuge war mir bis heute zu teuer - insbesondere wenn man berücksichtigt, dass man ja auch nach Erwerb der Lizens mit ständigen hohen laufenden Kosten rechnen muss, um dann auch tatsächlich fliegen zu können. Statt dessen habe ich Mathematik, Informatik und Strömungstechnik studiert und "lebe" meine Faszination am PC aus. Das heißt aber NICHT, dass man Informatik studiert haben muss, um mit X Plane glücklich zu werden!!!
Seit dem guten alten MS Flight Simulator 2 habe ich fast jede Flugsimulation zumindest angetestet. Zuletzt flog ich mit der letzten Version des MSFS, wurde damit aber nie glücklich, da Microsoft bis zum Schluss einen schwerwiegenden Bug nicht behob, bei dem der Bildschirm nach dem Start stets nach 5-60 Minuten einfror. Diverse Internetforen sind voll von Leidensgenossen, die diesen Fehler auf ihren Systemen auch nicht beheben konnten. Dieser Aspekt muss bei all der harschen Kritik an X Plane 10 auch einmal klar genannt werden.
Nun aber zu X Plane 10! Ich bin erst mit Version 10 in X Plane eingestiegen, aber ich habe gelesen, dass der Flugsimulator ursprünglich weniger aus wirtschaftlichen als viel mehr aus idealistischen Gründen entstanden ist. Diese Tendenz ist meiner Meinung nach bis heute deutlich spürbar, obwohl mit Version 10 nun auch immer mehr die wirtschaftliche Vernunft und damit auch eine großartige Zukunftsperspektive bei Laminar Research eingekehrt ist, ohne die idealistischen Wurzeln aufzugeben. Was bedeutet dies für X Plane 10?
Wie die Überschrift schon ausdrückt, würde ich X Plane 10 nicht als "Spiel" im eigentlichen Sinne bezeichnen. Wer erwartet, dass er/sie die Software installiert, startet und von der ersten Minute an "Spaß" beim Fliegen hat, ist vermutlich enttäuscht. X Plane 10 kommt komplex, umfangreich und leider in der User-Führung etwas spartanisch daher. Die mitgelieferten Inhalte sind auf das Wesentliche reduziert und der eine oder andere - Bug tritt noch auf. Nichtsdestoweniger kann X Plane 10 aber von Anfang an begeistern, wenn man mit der richtigen Einstellung herangeht.
Dies bedeutet im Einzelnen Folgendes:
STABILITÄT / LEISTUNG / BUGS:
Ein Softwareentwickler würde wohl sagen, dass X Plane 10 lediglich ein "Milestone", also das Erreichen eines wesentlichen Zwischenziels in der stetigen Entwicklung des Flugsimulators ist. Die schlechte Nachricht ist also die, dass X Plane 10 nicht wirklich "fertig" ist. Die gute Nachricht ist jedoch auch die, dass der Flugsimulator ständig hoch engagiert weiterentwickelt wird. Dies geschieht zudem sehr transparent (Entwickler-Blog und Dikussionen mit der Community) und vielverstrechend für die Zukunft. So ist z.B. in Kürze eine 64-Bit Version geplant, auch wird kontinuierlich an einer optimalen Performance des leistungsfressenden Programms gearbeitet.
In der aktuellen Version 10.05rc1 läuft X Plane 10 bei guten Grafikeinstellungen (HDR, extreme Texturqualität, etc.) auf meinem System (Windows 64, 4 GB RAM, AMD PhenomII X4 955, ATI Radeon HD 5850) bei mir bei ca. 20 FPS durchaus zufriedenstellend. Allerdings musste ich mich erst einmal in die verschiedenen Grafikoptionen und damit verbundenen Tuningtipps, die im beigefügten Manual enthalten sind, einarbeiten und ein wenig herumexperimentieren. Bei falschen Grafikeinstellungen, kann man sein System mit dem gesamten Potential der X Plane-Grafik sehr leicht in die Knie zwingen.
Wesentliche Bugs, die meine Freude nachhaltig trüben würden, sind mir bisher nicht begegnet. Manchmal fehlt beim Starten von X Plane der Sound, was sich jedoch leicht durch einen Neustart des Programms beheben lässt. Gestern traten bei mir beim Flug mit der mitgelieferten 747 extrem Ruckler auf, dies aber auch NUR gestern mit der 747, und ich weiß noch nicht zuverlässig, ob es an der 747 liegt. Ansonsten läuft der Simulator recht flüssig und problemlos.
GRAFIK:
Die Welt ist standardmäßig nahezu komplett mit guten Höhendaten und ordentlichen Grundtexturen abgedeckt. Durch die Nutzung der OpenstreetMap-Community-Daten werden in vielen Gebieten der Welt zudem Straßen, Wasserwege, Hochspannungsleitungen und anderes realitätsnah positioniert. Dieser Ansatz ist im Bereich des Flugsimulatoren innovativ und setzt wie in vielen anderen Aspekten auch auf das Engagement einer regen Community. Fehlen solche Objekte in X Plane, so müssen sie halt durch die Community in OpenstreetMaps ergänzt werden.
Die Flugplätze sind nach meiner Einschätzung weltweit in einer rudimentären Form vorhanden (Landebahn, andere betonierte Rollflächen), müssen aber größtenteils auch erst noch durch Addons ausgebaut werden. Dies spiegelt offenbar die Philosophie von Laminar Research wider, etwas lieber erst einmal ganz wegzulassen, wenn es nicht möglichst originalgetreu dargestellt werden kann. Der Aufwand für eine einzige Entwicklungsfirma, die ganze Welt in Abermillionen von Objekten zu modellieren, dürfte wohl einfach zu groß sein, und "getrickst" werden soll eben nicht. Lediglich der Großraum rund um Seattle (USA) ist als eine Art Demogebiet vollständig ausgebaut.
Die generelle Philosphie, die hinter der gesamten Grafik des X Plane 10 steht, ist aus meiner Sicht mutig und richtig. Alle Objekte in der Realität werden möglichst auch als Objekte in X Plane 10 dargestellt. Es werden also nicht einfach Satellitenbilder als Textur ("Bildtapete") auf den boden geklebt, um in größerer Entfernung den Eindruck zu erwecken, es handle sich hierbei um reale Objekte (Häuser, Bäume, Büsche, etc.). Auch die sehr realistisch wirkenden Wolken werden durch eine Vielzahl von unterschiedlich großen "Wolkenfetzen" erzeugt und nicht etwa durch das Bild einer Wolkenwand in der Ferne. Dieser Ansatz ist aus Sicht der Informatik im Sinne des Realismus der optimale, führt aber eben auch zu hohen Leistungsanforderungen an das PC-System bei all den einzelnen Objekten. Nur so lassen sich aber teils extrem realistische Effekte wie zum Beispiel das Global lighting, bei dem der Weg der Lichtstrahlen berechnet wird, realisieren. Und das Potential dieses Konzepts ist gigantisch - die richtige Performance vorausgesetzt. Interessierte haben sich sicherlich schon von diversen Beispiel-Bildern oder Videos davon überzeugen lassen.
Leider ging die Entwicklung dieses Grundkonzepts aber offenbar bisher auf Kosten einiger wünschenswerter Grafik-Features. So fehlen zum Beispiel noch Landschaftstexturen, die sich den Jahreszeiten anpassen. Viele Standardsobjekte, wie z.B. die Häuser, die entlang der exakt dargestellten Straßenzüge platziert werden, sind bisher etwas eintönig und an die USA angepasst. Auch Städte kommen bei niedriger oder mittlerer Grafikeinstellung noch nicht zur Geltung. Diese Lücken dürften aber in der nächsten Zeit durch Freeware- und Payware-Entwickler oder durch Laminar Research selbst gefüllt werden.
REALISMUS:
In Puncto Flugphysik darf sich Laminar Research, was ja übrigens sowieso eher nach einem Forschungsunternehmen im Bereich der Strömungstechnik klingt, definitiv am ehesten das Prädikat "as real as it gets" auf die Fahnen schreiben. Die Reaktionen des jeweiligen Flugzeugs auf Steuerbefehle, Lageänderungen oder äußere Einflüsse geschieht durch eine Echtzeitberechnung der tatsächlichen Flugphysik. Strömungstechniker wenden bei neuen Flugzeugtypen vor dem Windkanalversuch vom Prinzip her die selben Rechenverfahren an, wenn auch natürlich viel viel komplexer. In X Plane 10 funktioniert dieser faszinierende Ansatz aber wirklich gut. Realitätsnahe Wingflex-Effekte (Elastische Verformungen der Tragflächen wie in real) sind so plausibel simulierbar.
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