Herausragende Comic-Verfilmungen, die nachdrücklich Eindruck hinterlassen und mehr als knallbunte, effekthaschende Popcorn-Unterhaltung sind, lassen sich leider an wenigen Fingern abzählen. "X-Men - First Class" ("X-Men - Erste Entscheidung") gelingt dabei tatsächlich das seltene Kunststück, sowohl eine gelungene Comic-Adaption als auch ein Film mit Tiefgang zu sein.
"X-Men - First Class" ("X-Men - Erste Entscheidung") erzählt die Geschichte des von Nazis verfolgten jungen deutschen Juden Erik Lehnsherr (Michael Fassbender) und den in Wohlstand heranwachsenden Charles Francis Xavier (James McAvoy), die sich beide durch außergewöhnliche Mutationen vom Rest der Erden-Bevölkerung unterscheiden. Während die Mutation bei Erik Lehnsherr der Grund ist, dass er ein Versuchsobjekt der Nazis wird, entscheidet sich Charles Xavier jene genetischen Besonderheiten wissenschaftlich zu ergründen.
Charles Xavier erkennt, dass die Mutation im Genom nicht nur auf ihn beschränkt ist, sondern eine natürlich auftretende genetische Anomalie ist, was wiederum die die Aufmerksamkeit der US-Regierung erregt und schließlich zur Kooperation von Xavier und der US-Regierung führt. Währenddessen ist Erik Lehnsherr auf der Suche nach dem Peiniger, der ihn in der Gefangenschaft der Nazis zum Versuchsobjekt perfider Experimente hat: Klaus Schmidt, hervorragend porträtiert von Kevin Bacon.
Da Klaus Schmidt ein ausgeprägtes Interesse an Mutanten hat, kreuzen sich alsbald die Wege von Erik Lehnsherr und Charles Xavier, die fortan Seite an Seite kämpfen und versuchen, die Ränkespiele Klaus Schmidts zu eliminieren und damit den dritten Weltkrieg zu verhindern. Dies unternehmen die beiden natürlich nicht auf eigene Faust, sondern sammeln um sich junge Mutanten; genau wie Schmidt, der seinerseits andere Mutanten für seine Zwecke gewinnen konnte. Die Geschichte kulminiert schließlich vor dem Hintergrund der der Kubakrise 1962.
"X-Men - First Class" ("X-Men - Erste Entscheidung") ist eine grandiose Allegorie auf die existentielle Frage des menschlichen Seins: Sind wir die Summe unserer Gene, sind wir das Produkt sozialer Kondition, eine Mischung aus beidem oder mehr als die Summe aller Teile? Der Film ist aber genauso ein Film über individuelle Selbstbestimmung und der elementaren Suche des Einzelnen nach seinen Platz in der Gesellschaft. Und schließlich steht die politisch-philosophische Frage im Mittelpunkt, ob der Zweck sämtliche Mittel heiligt, um nie wieder Opfer zu sein. Dabei enthält sich der Film jedoch explizit einer moralische Bewertung und überlässt es vielmehr dem Zuschauer, sich ein Urteil zu bilden.
Der Film ist so rappelvoll mit sozialen Botschaften und historischen Bezügen, dass man im Grunde schnell vergisst, dass es sich hierbei "nur"um eine Comic-Verfilmung handelt. Genau das ist die Stärke des Films. Geschickt werden historische Realität mit der Comic-Fiktion verknüpft. Nie hat man das Gefühl, dass die Geschichte Comic-haft übertrieben und künstlich aufgesetzt wirkt oder ob der vielen jungen Darsteller in ein schmieriges Jugenddrama abgleitet. Die Figuren fügen sich wie selbstverständlich in das Geschehen und die Historie ein.
Dies ist letztendlich auch ein Verdienst der hervorragend besetzten Schauspieler-Crew. James McAvoy und Michael Fassbender überzeugen und müssen dabei nicht den Vergleich mit ihren Vorgängern Patrick Stewart und Ian McKellen scheuen. Fassbender spielt Magneto mit einer geradezu beängstigenden Wut. Kevin Bacon brilliert in seiner Rolle. Bacon spielt den Bösewicht mit der lässigen, prätentiösen Arroganz alter James-Bond-Schurken.
Die übrigen Darsteller fallen zumindest nicht negativ auf. Die Dialoge sind passend, ohne jedoch nachhaltig im Gedächtnis hängen zu bleiben. Auch der Humor kommt nicht zu kurz, wirkt aber niemals krampfhaft lustig wie in anderen Comic-Verfilmungen. Die Special-Effects bewegen sich zwischen atemberaubend und hätte-besser-sein-können. Der Soundtrack ist äußerst packend und stimmungsvoll.
Insgesamt ist der Film wieder näher an den ersten beiden X-Men-Filmen dran, was sowohl die Stimmung als auch die inhaltliche Tiefe betrifft. Kenner der Comics werden sicherlich viele Unterschiede zu den Comics ausmachen. Allerdings fügen sich die Veränderungen gut und plausibel in die Geschichte ein und bleiben im Kern den Comics treu (Wie man es nicht machen sollte, konnte man in "Wolverine" sehen).
Wer auf Comic-Verfilmungen steht oder politisch-sozial-kritischen Filmen in ungewöhnlichem Gewand offen gegenübersteht, wird in "X-Men - First Class" ("X-Men - Erste Entscheidung") gute Unterhaltung finden. Wer jedoch ausschließlich Filme schaut, die mit der Goldenen Palme ausgezeichnet wurden, wird sich wohl angesichts mutierter Menschen in bunter Latexkleidung fremdschämend abwenden.