Erste Orientierung für den Leser bieten Kapitelüberschriften wie etwa „Rudolf Steiner – Der Menschheitsführer“, „Wahn & Waldorf“, „Die ‚zersetzende Kraft’ des Judentums“ sowie „Anthroposophie und NS-Faschismus“. Aus dezidiert linksökologischer Perspektive unterzieht Autor Peter Bierl die Anthroposophie Rudolf Steiners sowie die Waldorfpädagogik einer umfassenden, mitunter beissenden Kritik. Immer wieder bricht sich Bierls Lust an polemischen Formulierungen Bahn; denn Bierl wollte kein gelehrtes Handbuch verfassen, sondern eine Streitschrift. Hierzu einige Textbelege: „Hinter der sanften Fassade der Esoterik verbergen sich gezielte Verblödung, repressive Toleranz sowie rassistische, antisemitische, frauenfeindliche und antidemokratische Ansichten.“ Oder: „Wer anthroposophische Schriften liest, hat Schmerzensgeld verdient.“
Für den gescheiten, ideologiekritischen und ideengeschichtlich versierten Leser bietet Bierls Einleitung eine hochinteressante Lektüre. Es ist einfach eine lustvolle Herausforderung, sich mit Bierls Kernthesen zu befassen. „Ihrem Selbstverständnis nach ist die Anthroposophie eine ‚Geisteswissenschaft’. Ich betrachte sie als Religion, was ihre Anhänger vehement bestreiten.“ Autor Peter Bierl wäre vom Lektorat, dem Herz eines jeden Verlagshauses, gut beraten gewesen, seine Definition von „Religion“ dem interessierten Leser vorzutragen. Schließlich sind kundige Lektoren die Freunde eines Schreibers, um auf derartige Versäumnisse hinzuweisen. Anfrage des Rezensenten an den Autor: Was ist mit Religion gemeint? Was ist für ihn die gesellschaftliche Funktion der Religion? Solche „weltanschaulichen“ Vorfragen müssten eigentlich geklärt sein, dann wären folgende Thesen für den Leser leichter nachvollziehbar: „Ausschlaggebend ist die gesellschaftliche Funktion der Esoterik, von der Anthroposophie eine Strömung ist.“ Und der Autor weiter: „Typisch ist die Behauptung, sämtliche Probleme, individueller wie kollektiver, physischer wie psychischer Art, würden aus mangelnder Spiritualität resultieren und seien nicht auf soziale Verhältnisse zurückzuführen.“ Es ist ein spannendes Unterfangen, in einen imaginären Dialog mit Autor Bierl zu treten, so wenn er schreibt: „Die penetrant anvisierte Harmonie spricht sensible Gemüter an, die sich über die reale und unbegriffene Atomisierung des Individuums in einer nach den Kategorien von Waren und Konkurrenz funktionierenden Gesellschaft hinwegzuträumen.“
Vernehmlich gesagt: Der Rezensent ist weder Ökolinker noch Anthroposoph. Dennoch weckte die Lektüre der von Bierl mit Verve vorgetragenen Thesen die intellektuelle Lust am imaginären Diskurs. Der politische Anspruch des Autors, sich einzumischen und aufklärerisch zu wirken, ist offenkundig. Bierl schreibt: „Angesichts der Bedeutung der Anthroposophie, ihrem sehr guten Image und der verbreiteten Unkenntnis über die okkulte Weltanschauung ist dieses Buch auch eine Dokumentation, mit der ich antifaschistische Aufklärungsarbeit betreiben und unterstützen will.“
Fazit: Bierls Veröffentlichung ist eine mustergültige Streitschrift, denn der Autor erörtert engagiert und kenntnisreich, und wie gesagt mitunter auch polemisch, eine Fülle von ideengeschichtlichen, historischen und politischen Fragestellungen. Eine aufregende Lektüre!