Jeder, der durch Virginia, Carolina oder durch Georgia fährt, bemerkt den sehr hohen Bevölkerungsanteil der Schwarzafrikaner in Atlanta, Savannah und anderswo. Doch während man im amerikanischen Süden allenthalben auf "Antebellum Straßen" und Südstaaten-Villen stößt, bleibt die Geschichte dieser schwarzen Bevölkerung weitgehend im Dunkeln. Der afroamerikansiche Autor Alex Haley hat es deswegen unternommen, in dem vorliegenden Roman dieser verlorene Geschichte der Schwarzafrikaner in den USA am Beispiel seiner eigenen Familie auf den Grund zu gehen und das Resultat seiner Recherchen als einen großen Familienroman bearbeitet.
Alles beginnt in einem kleinen Dorf im Gambia, aus dem in der Mitte des 18. Jhdts. der junge Kunta Kinte von Sklavenjägern gefangen und nach Virginia verschleppt wird. Aus der Perspektive dieses jungen und stolzen Afrikaners lernt der Leser die hässlichen "toubogs" kennen, die ihm mit ihrer fahlen Haut und ihren verfilzten Haaren wie "Ausgeburten der Hölle" erscheinen. Ihnen zu Diensten sind die verräterischen "slatis", die ihre afrikanischen Brüder einfangen und den toubogs ausliefern. Die Darstellung über die Überfahrt des Sklavenschiffes nach Amerika gehört zu den stärksten Passagen des Buches. Auf eine grauenvolle Weise eindringlich wird geschildert, wie die auf dem Unterdeck eingepferchten Afrikaner an Hunger und Durst, an Geschwüren, Ratten und den eigenen Ausscheidungen leiden und zugrunde gehen. Kaum in Virginia angekommen wird Kunta Kinte an einen Sklavenbesitzer verkauft. Von wahnsinnigem Freiheitsdrang und tiefer Verachtung der resignierten Sklaven auf seiner Farm ergriffen, flieht er so lange, bis ihm ein Fuß abgehackt wird. Nur mit Glück genesen und an einen neuen und milderen Herrn verkauft, heiratet Kunta Kinte die Köchin Bell, mit der er die kleine Kitty zeugt.
Inzwischen zieht die große Geschichte vorüber: die Neuenglandkolonien erheben sich gegen das Mutterland, der Sklavenaufstand von Haiti erschüttert Amerika, und die ersten Quäker aus dem Norden beginnen für eine Abschaffung der Sklaverei zu kämpfen. Kunta Kintes Familie aber nutzt es wenig. Als Kunta Kintes Tochter Kitty einem Sklaven bei der Flucht unterstützt, wird sie an einen armen Farmer verkauft, der sie sofort vergewaltigt und mit ihr "Hühner-George" zeugt, den ersten Mischling der Familie, der sich im Laufe seines Lebens zu einem berühmten Hahnenkampfspezialisten weiterentwickelt, als der er schließlich sogar die Aufmerksamkeit hoher Herren erringt und nach England reist.
Inzwischen ist die Baumwolltrennmaschine erfunden worden, und während bereits die ersten Bundesstaaten des Nordens die Sklaverei abgeschafft haben, werden immer mehr Sklaven aus Maryland und Virginia nach Süden verkauft. Hühner-George" aber bleibt in Virginia und zeugt mit einer anderen Sklavin sechs weitere Kinder, von denen sich der Sohn Tom als ein Genie der Schmiedkunst erweist. Schon im Vorfeld des Sezessionskrieges heiratet besagter Tom die Halbindianerin Irene und gründet mit ihr eine eigene Familie, mit der nach der allgemeinen Sklavenbefreiung nach dem Ende des Bürgerkrieges in einem Treck nach Tennessee zieht, wo schließlich die weitern Vorfahren des Autors geboren werden. Die letzten Kapitel des Buches beschrieben die Suche des Autors nach seinen Vorfahren und kehren gewissermaßen an den Anfang des Romans, in das kleine Dorf nach Gambia, zurück.
Ich habe dieses Buch auf einer Reise durch South Carolina und Georgia mit großem Interesse gelesen. Vor allen auf den ersten 300 Seiten besitzt das Buch fast epische Qualität, und die Prägnanz, mit der die grausame Welt der Sklavenwirtschaft beschrieben wird, hat etwas Schockierendes. Im letzten Drittel fällt das Buch dagegen etwa ab, die Figuren werden holzschnittartiger, die Zeitsprünge größer, weil der Autor plötzlich zu merken scheint, dass er irgendwann auch einmal in seiner eigenen Gegenwart ankommen muss. Alles in allem handelt es sich also weniger um eine literarisch anspruchsvolle und überzeugende Gestaltung der Thematik als um einen handwerklich solide zurechtgezimmerten Unterhaltungsroman, dem es allerdings gelingt, wesentliche Einsichten über die Geschichte der Sklaverei zu vermitteln. Es hat bei weitem nicht den Rang von Margret Mitchells "Vom Winde verweht", ist aber als "schwarzes" Gegenstück zu diesem weißen Schicksalsroman des Südens ausdauernden Leseratten durchaus zu empfehlen.