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Der Traum von der Brasilität
Von Hugo Loetscher
Was macht Brasilien zu Brasilien? Das war die brasilianische Variante einer Thematik, mit der Iberien und das iberische Amerika ab Ende des letzten Jahrhunderts sich leidenschaftlich zu beschäftigen begannen. Das Problem stellte sich, bevor es unser Mode-Etikett gab. Was sich heute als «Suche nach Identität» versteht, hiess einst «Wesensbestimmung»; das Stichwort lautete im Falle Brasiliens «brasilidade».
Die Frage nach der «Brasilität» entwickelte eine vielgesichtige Dialektik. Zunächst galt es, sich gegen die einstige Kolonialmacht abzugrenzen: Inwiefern war portugiesische Kultur auch schon eine brasilianische? Als Land der Neuen Welt suchte Brasilien sich nicht nur gegenüber dem einstigen Mutterland, sondern gegenüber Europa schlechthin ins Verhältnis zu setzen. Als lateinamerikanisches Land hatte es sich in der Neuen Welt vom angelsächsischen Norden zu unterscheiden. Als portugiesisches Land, als lusitanisches Amerika, hatte es sich wiederum innerhalb von Lateinamerika gegenüber Hispanoamerika zu definieren. Anderseits war Brasilien infolge der Kolonialgeschichte mit seinem hohen Prozentsatz der schwarzen Bevölkerung ethnisch und kulturell hispanischen Antilleninseln wie Kuba näher als seinen unmittelbaren Nachbarn auf dem Kontinent, etwa dem europäiden Uruguay und Argentinien oder dem mestizischen Paraguay.
Ein kalendarischer Anlass für die Selbstbefragung war die Jahrhundertfeier der Unabhängigkeit 1922. Zur wichtigsten Gedenkmanifestation wurde damals die «Woche der modernen Kunst» in São Paulo. Das Kulturereignis gilt heute als Schlüsseldatum. Was sich als Hiatus des modernen Selbstbewusstseins ausnahm, stand aber für eine Entwicklung, die bereits im Gange war, und was danach folgte, war nicht allein Nachwirkung dieser Woche, die eine kleine Gruppe von Musikern, Künstlern und Schriftstellern organisierte. Ein verbindliches Signal war die Radikalität, mit der die Kulturwoche ein neues Selbstverständnis forderte. Dieses konnte sich in der Folge ebenso auf der (auch extremen) Linken wie auf der (auch extremen) Rechten und in allen ideologischen und ästhetischen Zwischenstationen und den unterschiedlichsten Evasionen ansiedeln.
AUFBRUCH ODER RÜCKSTAND?
Der Aufbruch stand unbestritten im Zeichen eines nationalen Optimismus. Um so überraschender, dass eine der ersten Gesamtinterpretationen, die folgten, pessimistisch ausfiel. Überraschend nicht zuletzt deswegen, weil die negative Bilanz von einem Mann stammte, der als einer der ersten die Woche der Modernen Kunst gesponsert hatte. Paulo Prado (18691943) war es auch, der Blaise Cendrars nach Brasilien eingeladen hatte; dieser stellte mit Begeisterung den modernistas den Fähigkeitsausweis für Avantgarde aus.
Prado hat sein Buch «Retrato do Brazil» (1928) mit einem Satz eröffnet, der bis heute häufig zitiert wird und der richtig heisst: «Ein trauriges Volk lebt in einem strahlenden Land» und nicht «in einem fröhlichen Land», wie oft falsch angeführt wird. Der intellektuelle Dilettant, Besitzer von Kaffeeplantagen, deren Territorium grösser als die Schweiz war, und Vorsitzender eines internationalen Wirtschaftsimperiums, stellte sich in «Das Bildnis Brasiliens» die bange Frage, die nach wie vor Aktualität hat: Wie kommt es, dass ein von Natur aus reiches Land wirtschaftlich und sozial zurückgeblieben oder, wie wir heute sagen würden, unterentwickelt ist?
Prado, dessen «Brasiliana» den Grundstock der Munizipalbibliothek von São Paulo bilden sollten, holte seine Antwort aus der Kolonialgeschichte, über die er bereits 1925 eine Sammlung von Aufsätzen, «Paulistica», publiziert hatte. Das moderne Brasilien erbte die sexuelle Zügellosigkeit der Portugiesen, ihre Habgier und ihre Faulheit, so lautete seine These. Charaktereigenschaften, die sich noch verstärkten wegen «des Lasters der mestizischen Herkunft». Rassenmischung bedeutete für ihn eine unvermeidliche Verminderung von Kreativität und Durchschlagskraft. Dementsprechend sah er auch die Zukunft des Landes nicht sehr rosig. Mit solchem Pessimismus stand Prado nicht allein da; seine Argumentation deckte sich mit derjenigen der Wissenschafter, deren Brasilienbild sich nach wie vor an Taines Determinismus durch Milieu, Klima und Rasse orientierte.
Zu diesem «Bildnis Brasiliens» nimmt Gilberto Freyre (19001987) mit «Herrenhaus und Sklavenhütten» (1933), dem ersten und berühmtesten Band einer Trilogie, eine Gegenposition ein. Das Werk erlangte übernationalen Ruhm: methodisch begründete es eine epische Soziologie, die vom literarischen Rang des Autors zeugte; die umfangreichen Forschungen lieferten gleichsam die wissenschaftlichen Beweise für das, was ein nationaler Mythos werden sollte: Brasilien, ein Land der ethnischen Demokratie, das praktisch keine Rassenprobleme kenne.
Zweimal wurde die Rassenmischung für eine grundlegende Erklärung des Selbstverständnisses beigezogen. Bei Prado ergab sie das Bild von drei traurigen Völkern: dem der Weissen (Portugiesen), dem der Schwarzen (Sklaven) und dem der Indios (Ureinwohner), von denen jedes auf seine Weise in diesem Kontinent entfremdet ist. Gilberto Freyre hingegen benutzte die Rassenmischung für den Entwurf einer zukunftsweisenden Gesellschaftsform; zudem vollzog er eine positive Wertung der Tropen; für ihn war es eine historische Leistung der Portugiesen, mit ihrer «lusitanischen Welt» eine Tropenkultur geschaffen zu haben.
So grundverschieden die Bilanzen ausfielen, in beiden Fällen hatten sich die Autoren auf die Kolonialgeschichte berufen. Auf die Kolonialgeschichte ging auch Sérgio Buarque de Holanda (19021982) zurück, als er sich mit den «Wurzeln Brasiliens» befasste, wie der Titel seines Erstlings lautete, der nun auf deutsch vorliegt. «Raizes do Brazil» erschien 1936 und gilt neben Werken wie den vorher genannten als ein Klassiker brasilianischer Selbstbestimmung. Nicht rassische, sondern soziologische und wirtschaftliche Kriterien stehen im Vordergrund; dadurch wird die Geschichte nicht länger deterministisch bestimmt; sie wird als etwas historisch Gewordenes gesehen und damit korrigierbar. Beschäftigung mit Geschichte zielte auf die «Vertreibung historischer Dämonen aus der Gegenwart».
Buarque de Holanda war von der Programmatik des Modernismus geprägt; er redigierte von 1924 bis 1925 die Zeitschrift «Estetica», von der nur drei Nummern erschienen, die aber Richtung anzeigten. Seine literaturkritischen Aufsätze sammelte er in dem Band «Cobra de vidro» (1944). Ein Studienaufenthalt in Deutschland hatte die Bekanntschaft mit deutscher Geschichtsschreibung (Meinecke) und deutscher Philosophie (Hegel und Frankfurter Schule) gebracht. Als Herausgeber einer «História geral da civilização brasileira» (Allgemeine Geschichte der brasilianischen Kultur; 1960 bis 1972) trug er entscheidend zur Revision brasilianischer Historiographie bei.
Seinen Rang begründete Buarque de Holanda mit dem Grossessay «Die Wurzeln Brasiliens»; er entwarf nicht eine chronologisch angelegte Kolonialgeschichte; er ging in dem Buch, das ursprünglich hätte «Leib und Seele Brasiliens» heissen sollen, von einer historischen Typologie aus. Er schilderte den Portugiesen als Abenteurer, der eine eigene Ethik besitzt: «Was die Portugiesen suchten, war ein Reichtum, der Wagemut kostete, aber nicht ein Reichtum, der Arbeit kostete.»
Für ein sachgerechtes Verständnis war es unerlässlich, vorerst einmal zwischen dem portugiesischen und dem spanischen Kolonialstil zu unterscheiden. Während die Spanier gleich nach der Conquista die eroberten Gebiete in ihr Königreich integrierten (zum Beispiel recht bald Universitäten gründeten oder Druckereien zuliessen), interessierten sich die Portugiesen zunächst lediglich für die Küste. Erst im Lauf der Zeit besiedelten sie das Hinterland. In einem späteren Werk, in «Fronteiras e caminhos» (Grenzen und Wege; 1957), befasste Buarque de Holanda sich mit dessen allmählicher Erschliessung.
Besonderes Interesse weckte Buarque de Holanda, wenn er sich in «Die Wurzeln Brasiliens» mit der (damaligen) Gegenwartssituation auseinandersetzte. Für das Charakterbild des Brasilianers übernahm er eine Formulierung von Ribeiro Couto (18981963). Dieser Lyriker, Autor eines Gedichtbandes wie «Poeme der Zärtlichkeit und der Melancholie» (Poemetos de Ternura e Melancolia, 1924), prognostizierte, dass Brasiliens Beitrag zur Zivilisation die Herzlichkeit sein wird. Buarque de Holanda überschrieb ein Kapitel mit «Der herzliche Mensch». Die Herzlichkeit manifestierte sich für ihn als ein «Auf-den-andern-Hinleben», demnach konnte er bilanzieren:
«Normalerweise ist unsere Reaktion auf die Umgebung, in der wir leben, nicht defensiv. Das Innenleben des Brasilianers hat weder genügend Zusammenhalt, noch ist es ausreichend diszipliniert, als dass es seine ganze Persönlichkeit umfassen und beherrschen könnte, indem es sie bewusst in das gesellschaftlich Ganze integriert. Ihm steht es frei, sich dem gesamten Repertoire von Ideen, Gesten und Formen hinzugeben, denen er auf seinem Wege begegnet und die er häufig ohne grössere Schwierigkeiten assimiliert.»
Was auf diese Weise als Nationalcharakter oder als Nationalpsyche festgehalten wird, hat unausweichlich Konsequenzen in der Politik. Buarque de Holanda erhoffte sich eine Zukunft, die von dieser Herzlichkeit bestimmt ist: «Wir strebten nicht danach, als eroberndes Land zu Ansehen zu gelangen, und verabscheuten gewalttätige Lösungen. Wir wollten das sanfteste und wohlerzogenste Volk der Welt sein. Wir haben stets für die Prinzipien gekämpft, die als die moderatesten und rationalsten galten.»
Solche Interpretation nimmt sich aus, als sei sie die brasilianische Bestätigung für das, was an Erwartungen einst die Entdeckungsfahrer in die Neue Welt begleitete: eine Vision des Paradieses.
DEMYSTIFIZIERUNG
Im Schlusskapitel von «Die Wurzeln Brasiliens» unterzieht Buarque de Holanda den Liberalismus, wie ihn die Oligarchie für ihre Interessen zurechtgelegt hatte, einer Grundsatzkritik; an ihm illustriert er, wie wenig der Ideenimport tatsächlichen Verhältnissen gerecht werden kann. Seine Kritik bringt Buarque in einem Moment vor, als sich im Lande eine brasilianische Spielform des Faschismus abzeichnet. Die demokratische Gesinnung von Buarque de Holanda äusserte sich auch in einer Geschichtsdarstellung, die dem kleinen Mann und der kleinen Frau Beachtung schenkt, den anonymen Helden. Was ihm als Lösung vorschwebte, war eine eigene Form der Revolution, damit der Brasilianer, von dem es eingangs heisst, er sei fremd im eigenen Land, in seinem Land heimisch werden kann.
Skeptisch gegenüber jeglicher Art von Ismus, war sein journalistisches und wissenschaftliches Arbeiten seit den Anfängen eine kontinuierliche Demystifizierung. Nicht zufällig heisst ein Sammelband «Tentativas de mitologia» (Editora perspektiva, São Paulo 1979), Aufsätze gegen jegliche Versuche von Mythologien oder Mythologisierungen der Brasilität. Die Einleitung kann als intellektuelles Credo gelesen werden.
Auf Grund solcher Gesinnung leuchtet es ein, dass Buarque de Holanda 1945 die «Prinzipienerklärung» der Intellektuellen unterzeichnete, die sich gegen die Diktatur von Getulio Vargas richtete. 1946 war er Mitinitiant der «Esquerda democratica»; die Demokratische Linke wurde ein Jahr danach zum «Partido socialista». Freiheitswillen demonstrierte Buarque de Holanda auch unter der Militärdiktatur. Seit 1956 Professor für brasilianische Kultur an der Universität São Paulo, quittierte er 1969 aus Protest seinen Dienst, als die Militärs anfingen, Druck auf die Hochschulen auszuüben. Buarque de Holanda gehörte 1978 zu den Gründern des «Centro brasileiro democratico», das sich zwei Jashre später als «Partido dos trabalhadores» (Arbeiterpartei) konstituierte.
Wenn Buarque de Holanda in seinem Entwurf einer sanften und gewaltfremden Politik als Beispiel erwähnt, dass Brasilien als eines der ersten Länder die Todesstrafe abschaffte, kann dem gleich entgegengehalten werden, dass Brasilien das letzte südamerikanische Land war, welches die Sklaverei abschaffte. Schon zu der Zeit, als Buarque de Holanda über die Wurzeln seines Landes publizierte, erschienen die ersten Bücher, welche am nationalen Mythos der Rassendemokratie rüttelten. Solche Kritik konnte sich unter der Diktatur Getulio Vargas' kaum Gehör verschaffen. Erst in den fünfziger Jahren meldeten sich erneut militante Stimmen, die hinter den Mythos der rassischen Gleichheit ihre Fragezeichen setzten und die auch das Militärregime nur vorübergehend zum Verstummen bringen konnte.
Wer heute Zeitungsberichte über die Millionen Strassenkinder liest, von paramilitärischen Strafaktionen und skandalösen Übergriffen der Polizei hört, von Gefängnisrevolten und Elendsquartieren in den Händen von Drogenbossen, von ungesühnten oder bagatellisierten politisch-wirtschaftlichen Morden, von wohletablierter Korruption und längst integrierter Strassenkriminalität, dem wird als erstes nicht das Bild einer gewaltlosen Gesellschaft auftauchen.
Wir leben in einer Zeit der Entmystifizierung, die nicht zuletzt eine Infragestellung nationaler Mythen ist. In der Hinsicht partizipiert Brasilien mit der radikalen Überprüfung seines Selbstverständnisses an einem weltweiten Prozess der Ideologieentwertung. Nach wie vor aber bleibt aufschlussreich, wegen welcher Vorstellungen und Ideale eine Nation mit sich selber in Widerspruch und Konflikt gerät. Völker lassen sich auch an den Träumen messen, die sie verrieten oder denen sie nicht (oder noch nicht?) zu Realität verhalfen.
EINE «BRASILIEN-THEORIE»
Diese Situation von Frustriertheit und Ernüchterung mag dazu beitragen, dass in Brasilien auf dem ersten Platz der Sachbücher-Bestsellerliste «O povo brasileiro» von Darcy Ribeiro steht. Sicher ist der Name des Autors bereits eine Referenz ein Anthropologe und Erzähler, der auch auf deutsch repräsentativ vertreten ist: mit den Romanen «Migo», «Maira», «Mulo», mit der Fabel «Wilde Utopie. Die Sehnsucht nach der verlorenen Unschuld», mit den Essays «Ungewöhnliche Versuche» und der Wissenschaftsstudie «Amerika und die Zivilisation».
Was Darcy Ribeiro in «Das brasilianische Volk» mitteilt, ist grundsätzlich nichts Neues. Er, der über den zivilisatorischen Prozess der Menschheit und über die entsprechende Entwicklung und Konfrontation in Lateinamerika publizierte, bedauerte, was sein eigenes Land betraf, schon immer, dass es keine «Brasilien-Theorie» gibt. Eine solche hatte er im Exil in Uruguay entworfen, so dass «Os Brasileiros. Teoria do Brasil» 1969 zuerst im Ausland erschienen war. In seinem jüngsten Buch, in dem es um «Formation und Sinn Brasiliens» geht, greift er auf, was er damals und inzwischen zum Selbstverständnis Brasiliens bereits vorgebracht hat, ergänzend und erläuternd.
Brasilianisches Selbstverständnis ist für ihn ein lateinamerikanisches; demnach fordert er den Zusammenschluss der lateinamerikanischen Länder, um wirtschaftliche und politische Selbständigkeit gegenüber dem angelsächsischen Nordamerika zu erlangen und um sich im politischen Weltkontext als eigener Block zu behaupten neben dem slawischen, arabischen und europäischen. Im Zug solcher Reflexion weist Darcy Ribeiro mit mehr nationalem Selbstvertrauen als Realitätssinn Brasilien einen besonderen Platz zu, als wolle er ein intellektuelles Trostbüchlein für die verzweifelte Zeit der permanenten Krise bieten:
«In Tat und Wahrheit sind wir das neue Rom. Ein späteres und tropisches Rom. Brasilien ist bereits die grösste neolateinische Nation, schon wegen seiner Bevölkerungszahl, und es ist auch im Begriff, dies dank seiner Kreativität in künstlerischer und kultureller Hinsicht zu werden. Notwendig ist nur noch, dies auch auf dem Gebiet der Technologie einer kommenden Zivilisation zu sein, um eine Wirtschaftsmacht von selbst verantwortetem Fortschritt zu werden. Wir befinden uns im Kampf, darauf hinzuwirken, dass eine neue Kultur aufblüht, mestizisch und tropisch, stolz auf sich selber. Heiterer, weil mehr erlitten. Besser, weil diese Kultur mehrere Menschheiten umfasst. Generöser, weil offen für ein Zusammenleben mit allen Rassen und allen Kulturen und weil sie sich in der schönsten und lichtvollsten Provinz unserer Erde befindet.»
Bei diesem Bestimmen kultureller Selbständigkeit fällt einmal mehr auf, dass eine europäische Metapher verwendet wird eingeschlichen oder eingeschmuggelt: in diesem Falle die von «Rom». Ein weiteres Beispiel dafür, dass Eigendefinitionen ein dialektischer Prozess sind, bei dem auch das, wogegen man sich abgrenzt, mit einbezogen wird nicht dass mit ihm gerechnet wird, ist bemerkenswert, sondern inwiefern umgewertet und assimiliert wird, neu bestimmt und fruktifiziert. Bis zu dem Punkt, dass das neu Gedachte auf das zurückwirkt, von dem es sich zunächst absetzen wollte.
«Ein Volk im Werden, das man nicht werden lässt», so liest man weiter bei Darcy Ribeiro. Ein Volk aber auch, das sich über seine kulturelle und politische Chance nicht im klaren ist und das in der Versenkung der «ninguendade» lebt in einem «Niemandsein» oder in einem «Noch- nicht-jemand-Sein». Diese ninguendade, dieses Nicht oder Noch-nicht, wird angesprochen als Ausgangspunkt und Hoffnung für eine mögliche brasilidade von morgen. -- Neue Zürcher Zeitung
Sérgio Buarque de Holanda, 1902-1982, pflegte im Alter bescheiden zu sagen, er sei »nur der Vater von Chico« – dem berühmten Liedermacher und Idol Brasiliens. Dabei war Buarque senior seinerseits ein maßgeblicher Journalist, Schriftsteller und Historiker, der sich besonders im Bereich der Sozialgeschichte hervortat.
-- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Taschenbuch .|
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