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Der Wunsch nach einer souveränen Existenz. Georges Bataille: Philiosoph, Dichter, Kunsttheoretiker, Anthropologe
 
 
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Der Wunsch nach einer souveränen Existenz. Georges Bataille: Philiosoph, Dichter, Kunsttheoretiker, Anthropologe [Taschenbuch]

Hans-Jürgen Heinrichs


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Produktbeschreibungen

Neue Zürcher Zeitung

Kopflos? – Führerlos!

Neues von und zu Georges Bataille

Von Stefan Zweifel

Über die Abhänge des Berges Athos scheinen in der letzten Dämmerung des Jahrhunderts lose Gruppen von Dionysos-Jüngern zu streifen, um die zerfetzten Glieder eines neugierigen Geistes und Freigeistes zu sammeln, dessen Werk Zeugnis vom Menschen und von dessen problematischer Stellung in der Moderne ablegt und der tief in die tragischen Mysterien von Nietzsche-Dionysos geschaut hat: Georges Bataille (1897–1962). Neu entdeckte Fragmente seiner Schriften werden reliquiengleich ediert und philologisch streng kommentiert, die einen wollen ihn «in die akademische Welt zurückholen» (Hetzel, Wiechens), die anderen betreiben Beweihräucherung (Heinrichs).

Mit Wehmut denkt man an die Zeiten zurück, als sein vergessenes Werk Michel Foucault und Jacques Derrida auf unbeschrittene Denkwege lockte und in leidenschaftlichen Debatten von jeder Generation wieder neu angeeignet wurde. Dass seine Hinterlassenschaft für Maler wie Francis Bacon ebenso zentral wurde wie jüngst für die Pop-Ikone Björk, zeigt, wie unzeitgemäss aktuell seine Schriften geblieben sind, wenn man sich ihnen wirklich öffnet – jenseits der formalen Zwänge akademischer Sekundärliteratur, denen sich Bataille selbst stets entzog: «Der Mensch wird seinem Kopf entfliehen wie ein Verurteilter dem Gefängnis.»

FÜHRERLOSE GEMEINSCHAFT

Die offene Wunde, die das Leben darstellt, der Riss, an dem das moderne Subjekt leidet, die ganze Tragik der Existenz mit ihren Gipfelmomenten und Abstürzen – diesen literarischen und geistigen Figuren und Metaphern widmete oder besser verschenkte, an sie verschwendete sich Batailles Denken: «Ich bin kein Philosoph, sondern ein Heiliger, vielleicht ein Irrer.» So hielt er Nietzsches Zusammenbruch in Turin nicht etwa nur für ein Schlüsseldatum der Philosophiehistorie, sondern der Weltgeschichte und liess sich von den Anforderungen zerreissen, die Nietzsches Denken an jede kommende Philosophie gestellt hat. Nietzsche-Werden, Nietzsche-Sein, dies war – weniger das Ziel als: – die Bahn, auf die er sich warf: «Niemand kann Nietzsche authentisch lesen, ohne Nietzsche zu ‹sein›.»

Bataille machte all jene drei Verwandlungen durch, die Zarathustra vorführte: In Archiven belädt er sich als Bibliothekar, der in der Bibliothèque Nationale Walter Benjamins «Passagen-Werk» vor dem Zugriff des Nationalsozialismus versteckt, wie das «Kameel» – um in obszönen und skandalträchtigen Texten sodann als «Löwe» in wildem Kampf Raum für neue Werte zu schaffen, die er zuletzt als «Kind», als «aus sich rollendes Rad» neu zu umschreiben versucht.

Dabei sprengt er mit dem Bild des Rades, das sich in rasender Bewegung ständig selber überschreitet, die «clôture», den engen und strengen Kreis, der den Gang von Hegels «Phänomenologie des Geistes» umzirkelt. Nietzsche und Hegel, Nietzsche mit und gegen Hegel, in dieser Spanne vibrierte der Bogen seines Geistes. Die delirierende Dialektik kommt nie in einer Synthese zum Stillstand, die Tragödie der menschlichen Existenz mit all ihren unerreichbaren Träumen und realen Albträumen stellt eine klaffende Wunde dar, die der Weltgeist nie mehr wird schliessen können.

Im Mittelpunkt der neuen Publikationen stehen die dreissiger Jahre mit ihren politischen Verwerfungen: «Stalin – der Schatten und die Kälte, die allein schon von diesem Namen auf jede revolutionäre Hoffnung fällt, das ist, zusammen mit den Schrecknissen der deutschen und italienischen Polizei, das Bild einer Menschheit, wo die Schreie der Revolte politisch bedeutungslos sind, wo diese Schreie nur noch von Zerrissenheit und Unglück zeugen.» Dieser 1933 konstatierte Zwiespalt wird sich während des kommenden Verhängnisses immer mehr vertiefen, wobei Bataille wie auch André Breton in der «Demokratischen Volksfront» und ihrer Strategie der fremdbestimmten, passiven Reaktion keinen Ausweg sah. Mit «Contre-Attaque» wollten die beiden einen Ausweg weisen, doch schon bald wendete sich Bataille ab, um die Geheimgesellschaft «Acéphale» zu gründen, die am 21. Januar 1936 den Jahrestag der Enthauptung von Louis XIV als Anlass nahm, einen Orden ohne Kopf zu gründen: «Das Ungeheuer, das wir besiegen müssen, trägt drei Köpfe, drei feindliche Köpfe, Christentum, Sozialismus und Faschismus.»

Gegen alle Formen von Gott und Führertum gibt es als einzigen Fluchtpunkt der wahren Freiheit eine «bi- oder polyzephale Gesellschaft», die den Übergang zu einer vollkommen enthaupteten, kopflosen, d. h. «azephalischen» Gesellschaft, zu einer «herrscherlosen» Menschengemeinschaft bildet, die nicht einfach den einen Führer durch den nächsten ersetzt, das Diktat der Religion oder der Politik gegen das Diktat der Ökonomie eintauscht, sondern rhizomartig wuchert und als Wurzelgeflecht den festen Boden der Realität subversiv aushöhlt: «Das Prinzip des Kopfes als solches ist eine Reduktion auf die Einheit, eine Reduktion der Welt auf Gott.»

Konsequenterweise sollte die Gruppe «Acéphale» auch ihren eigenen Kopf – also: Bataille – verlieren, und so tauchen wir dank dem Briefband «L'apprenti sorcier» in eines der dunkelsten, von allerlei Mythen umranktes Kapitel der französischen Geistesgeschichte ein, das nun in vielerlei Hinsichten erhellt und gleich wieder verdunkelt wird – die Geschichte der Geheimgesellschaft «Acéphale»: Nachdem Bataille mit seinem «Spiegelgefährten» Michel Leiris schon 1925 eine Nietzsche-Gesellschaft hatte gründen wollen, versammelten sich nun gut ein Dutzend Köpfe – Architekten, Mathematiker, Physiker und Bildhauer – in einer Gruppe, die die Sporen zur rhizomartigen Gegengesellschaft streuen wollte.

NIETZSCHE REDIVIVUS

Auf der exoterischen Ebene untersuchte man im Collège de Sociologie die Funktionsweise primitiver Mythen, um den Faschismus auf seinem eigenen Feld zu schlagen, wobei es zum Schlagwort «Surfachisme» kam, das natürlich sogleich zu Missverständnissen führte, die bis heute nicht ganz erledigt sind, obwohl selbst der marxistische Emigrant Hans Mayer bei aller Distanz zum Collège, das er im Pariser Exil bisweilen als Hörer besuchte, keinerlei Faschismus-Affinität feststellen konnte. Im esoterischen Zirkel las man Nietzsche, tauschte Blut und konnte über drei Stufen in der Geheimgesellschaft aufsteigen.

In tiefstem Schweigen pilgerte man in den Wald Montrepos, wo man am Fuss eines vom Blitz gefällten Baumes verschiedene Riten vollzog  – ohne je ein Wort aneinander zu richten. Man ging nicht etwa auf den Wegen, sondern auf Grasnarben, um die Stille nicht zu brechen: «Nach einer Viertelstunde zünden A-o und K-n je einen Docht an, A-o nimmt ein blankes Messer in seine rechte Hand, B-e entzündet ein Schwefelfeuer – B-e krempelt den linken Ärmel von W-g hoch, und alsogleich fügt A-o seinem Arm einen Einschnitt zu (. . .). Die Rückkehr führt über S. G., um den Zug um 11 Uhr 25 zu nehmen.»

Die überwältigenden Erlebnisse werden nun dank geheimen Schriften aus dem «Journal intérieur» der Gruppe zusammen mit meditativen Texten und politisch-poetischen Grenzgängen enthüllt. Als sich die Mitglieder zuletzt weigerten, Bataille als Menschenopfer darzubringen, löste sich die Gemeinschaft auf. Fortan sollte er wieder allein gegen eine von den Wunden und Narben der Vaterländer versehrte Welt seinen Entwurf eines «Kinder Land» (Nietzsche) herbeidenken. Hierzu muss aber zunächst Nietzsche selbst aus den Adlerklauen seines Vaterlandes befreit und gegen die karikaturale Vereinnahmung durch den Nationalfaschismus verteidigt werden: «Der Gang des Nietzscheschen Denkens stellt in letzter Instanz ein Labyrinth dar, das heisst das komplette Gegenteil zu den Direktiven, die die gegenwärtigen politischen Systeme von ihren Anregern erwarten.» Nur ein Nietzsche «mit gestutzten Schwingen» liess sich dank den Verfälschungen durch seine Schwester Elisabeth dem stockschwingenden Führer untertan machen.

Geduldig dekonstruiert Bataille die Indienstnahme des freiesten Geistes durch die Nazi-Ideologen Alfred Baeumler und Alfred Rosenberg – nicht anders als später Maurice Blanchot in seinem «Entretien infini». Es wird in der Tat ein unendliches Zwie- und oft auch Zwistgespräch über den Rhein hinweg. Nietzsche hatte prophezeit, es werde 50 Jahre dauern, bis sein Werk wahre Leser finde – «und es ist an der höchsten Zeit, dass ich noch einmal als Franzose zur Welt komme».

Mitte der dreissiger Jahre kreiste das Denken von Bataille und auch das von Heidegger um eine solche Wiedergeburt. Während Heidegger Nietzsche als letzten Metaphysiker begreift, der der Frage nach dem Sein durch eine Theorie des Willens zur Macht ausweiche, und sich selbst gleichsam zum Überwinder von Nietzsche stilisiert, weiss Bataille, dass er nie über Nietzsche hinauskommen wird – in seinen Meditationen «Sur Nietzsche» 1944 genausowenig wie 1922, als er ihn zum erstenmal las und erschreckt notierte: «Warum soll ich schreiben, wenn mein Denken – mein ganzes Denken – schon so vollständig, so bewundernswert ausgedrückt ist?»

Freilich hatte Nietzsche das alles noch nicht so gedacht und ausgedrückt: Bataille zieht Nietzsches Denken der Souveränität aus dem Dunstkreis des Willens zur Macht ins Offene hinaus und zeigt, dass die höchste Souveränität nicht in der Herrschaft im Stil des Renaissance-Ideals und des Machtmenschen besteht, sondern in der Weigerung, sich dem Diktat der Nützlichkeit oder einem anderen höchsten Wert zu unterwerfen, sowie im Wunsch, ungebunden die Entgrenzung in Momenten geistiger und körperlicher Ekstase zu geniessen – der «Wille zur Chance». Ganz Spieler und nicht Sieger sein, ganz Würfel und nicht Statistiker werden: «Der Himmel ist diese Sternennacht, in die ich falle, als wäre ich ein auf das Feld der flüchtigen Möglichkeiten geworfener Würfel.»

Lange hat man gespannt auf die erste umfassende Briefauswahl gewartet – und ist nun um so mehr enttäuscht: Keinerlei spektakuläre Enthüllungen, aber auch keine Präzisierung seiner Konzepte. Der Schriftsteller der totalen Selbstentblössung hält sich in den Briefen an Freunde bewusst zurück, um die Freundschaften nicht zu belasten, wie er Leiris mitteilt: «Meine Freundschaft hat für jene, die ich am meisten liebe, wohl etwas Bedrückendes.» Ein Schlüssel zu seinem Leben sind immerhin die allerersten Briefe an Pater Jean-Gabriel, in denen der junge Bataille seinen Entschluss darlegt, sein Leben ganz der katholischen Kirche zu widmen, da er es «satt hat, sich jenem kopflosen und verleidenschaftlichten Dummkopf namens Georges Bataille auszuliefern».

Besonders blass werden die Briefe ab 1946, wo er fast nur noch von den alltäglichen Problemen als Herausgeber der epochalen Zeitschrift «Critique» berichtet, die er selbst für «ziemliche langweilig» hält, was ein Blick in die Jubiläumsnummer von 1996 mit Texten von Bataille, Foucault, Lacan, Leiris freilich brillant widerlegt. Die Zeitschrift war lange ein Gegengewicht zu Sartres «Les temps modernes», die sich im letzten Jahr ebenfalls mit einer Spezialnummer vor dem Genie Batailles verneigten. Einst war Bataille von Sartre als «neuer Mystiker» blossgestellt worden, nun soll er endlich Eingang in die Klassikerreihe «Pléiade» finden.

Perlentaucher.de

Pressenotiz zu : Die Zeit, 21.06.2000
Rezensent Hans-Peter Kunisch bespricht drei Neuerscheinungen zu Georges Bataille: zwei deutsche Übersetzungen von Bataille-Texten und eine Einführung zu Werk und Biografie.
1) Georges Bataille: "Die innere Erfahrung"
Kunisch stellt fest, dass mit "Die innere Erfahrung" nun eines der wichtigsten und stilistisch präzisesten philosophischen Werke Batailles in deutscher Sprache vorliegt. Die hier formulierte Ablehnung von Askese und Moral, seine Feier des "Lachens", des "Todes", des "Festes", von Grenzerfahrung schlechthin, führten ins Zentrum seines Werks. Es sei Bataille um die "Auslöschung von Subjektivität" gegangen, das Gegenbild schlechthin habe er im Systemdenker Hegel gefunden.
2) Hans-Jürgen Heinrichs: "Der Wunsch nach einer souveränen Existenz. Georges Bataille"Hans-Jürgen Heinrichs, stellt der Rezensent fest, ist begeistert von Bataille. Leider gleite der Sprachgestus darüber mitunter ins allzu Rhetorische - und mancher Begriff hätte doch etwas kritischer und analytischer gebraucht werden dürfen.
3) Georges Bataille: "Wiedergutmachung an Nietzsche"
Das "Nietzsche-Memorandum" ist nur eine erste Sammlung verstreuter Schriften Batailles zu Nietzsche. Darin werde aber der Einfluss Nietzsches auf Bataille ebenso deutlich wie die Bedeutung von Batailles Rehabilitation Nietzsches für die spätere Rezeption in Frankreich (insbesondere durch Michel Foucault), meint der Rezensent.

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Über den Autor

Hans-Jürgen Heinrichs, geb. 1945, ist Psychologe und Ethnologe, Promotion zu psychoanalytischen und ethnologischen Theorien. Lehrtätigkeit an deutschen und schweizer Universitäten. Herausgeber ethnologischer und psychoanalytischer Werke, im Mai 2002 ausgezeichnet mit dem 'Preis für Dialogisches Denken". Der Autor lebt in Frankfurt und Gomera.
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