Aus der Amazon.de-Redaktion
Die beiden Autorinnen Lorraine Daston und Katharine Park greifen mit ihrem Werk
Wunder und die Ordnung der Natur ein interessantes Thema aus der Geschichte der Wissenschaft und der Menschheitsentwicklung überhaupt auf. So kam im Laufe der Geschichte in der Tat Wissen fast immer als Folge des Wunderns zu Stande. Um nun gerade dieses Wundern verstehen zu können, muss man es im Fokus des jeweils gültigen geschichtlichen Umfeldes betrachten und darf nicht etwa nur diejenigen Wunder ansehen, die wir mit dem uns heute zur Verfügung stehenden Horizont noch als solche bezeichnen würden. Ebendies versucht dieses Buch, in Verbindung mit einer Wertung der prinzipiellen Bedeutung solcher Wunder aus heutiger Sicht.
So stellen die Autorinnen dar, dass ein Staunen, Ehrfurcht und insbesondere auch so etwas wie ein Fühlen von "Naturwundern" bis in die jüngste Vergangenheit immer eine wichtige Voraussetzung für Zäsuren und somit Weiterentwicklungen zu neuen Ordnungen der Wissenschaft waren. Heute jedoch ist eine staunende Haltung gegenüber Naturphänomenen unmodern. Gefühle und Ehrfurcht stellen sogar eine handfeste Gefahr für jeden Forscher dar, riskiert er damit doch unmittelbar seine Karriere und muss befürchten, in der Schublade "unseriös" zu landen. So findet man heutzutage entsprechende Ausführungen nicht mehr in offiziellen Publikationen, sondern höchstens noch in persönlichen Memoiren einiger Forscher.
Die im Buch versammelten Wunder beginnen in der Mitte des zwölften Jahrhunderts. Es werden Phänomene aus verschiedenen Bereichen dargestellt, z. B. aus bestimmten Regionen oder aus christlich-kirchlichen Quellen. Das Buch berichtet über die Auseinandersetzung der Philosophen mit den Wundern ihrer Zeit, von diversen Monstern und ihrer Behandlung bis hin zu universitär gezähmten Wundern. Der Leser liest über Beeinflussung von Kolumbus durch den Diskurs der Wunder bei seiner Betrachtung von Vögeln und Pflanzen auf der Insel Kuba und lernt, dass bereits Descartes im 17. Jahrhundert den Umgang mit Wundern klassifizierte in mehr oder minder unnötiges "blödes Staunen resp. Gaffen" und hilfreichem, nicht übertriebenem gelenktem Interesse zur Anregung von Gedanken. Das Buch ist zudem ausgestattet mit einer Vielzahl an interessanten, exotisch anmutenden Abbildungen, Karten, Nachdrucken von Buchseiten und Bildern. Zusätzlich ist ein enormes Register und Quellen- bzw. Abbildungsverzeichnis enthalten, ein weiterer Beleg für den sicher enormen Arbeitsaufwand der Autorinnen.
Im Zeitalter der fettesten unseriösesten Boulevard-Schlagzeilen, von Science Fiction und Guiness-Rekordbüchern, in dem ein systemischer Zwang zur "gepflegten gleichgültigen" Betrachtung jedes Phänomens besteht, verfolgt das Buch von Daton und Park sicher einen reizvollen Gedanken. Leider ist hinzuzufügen, dass die Sprache des Buches zu einem großen Teil sehr verschachtelt und kompliziert gehalten ist, mit dem Resultat eines fragwürdigen Lesevergnügens. Hier wäre ein weniger verklausulierter Schreibstil der Sache dienlicher gewesen. --Dr. Frank Zehren
Perlentaucher.de
Buchnotiz zu : Die Zeit, 02.10.2002
Begeistert, neugierig und staunend formuliert Elisabeth von Thadden, was ihr in diesem Buch begegnet ist: eine Geschichte der Wunder und des Staunens. Sie ist, so schreibt sie, wie eine "Variante zur Soziologie Pierre Bourdieus, der wissen wollte, welcher soziale Schmuck wirkungsvoll ziert". Hier geht es dagegen um jene Zeit, in der das Licht der Aufklärung noch nicht alle Schlupflöcher der Neugier besetzt hielt, als also das Interesse der "Forscher" weniger der "Gleichförmigkeit" als den "Abweichungen" galt. Dabei ist die "Geschichte der Verwunderung", so Thadden, "nicht zuletzt ein atemloses Gerangel um die Deutungshoheit", zum Beispiel zwischen aristotelischer Philosophie, kirchlichen Dogmen oder schließlich eben den Aufklärern wie Voltaire. Das "Monstrum" einer Frau mit vier Brüsten ist für Voltaire nicht mehr interessant, sogar eher verdächtig: "weil das Staunen nicht mehr zum Habitus und ins Weltbild der Eliten passte", wie Thadden schreibt. Dies, so die Rezensentin, ist ohnehin die "zentrale These" des Buches: dass im Verlauf der von den Autorinnen untersuchten 600 Jahre das Wundern und die Wunder "die Gunst der europäischen Hochkultur" verloren und zur Domäne der Ungebildeten wurden. Kaum verwunderlich, dass Thadden in diesem "Familienfest", in der "die stolze Vernunft" neben ihre weniger respektablen Vorfahrinnen an denselben Tisch gesetzt wird, den "Ton feiner Ironie gegenüber den restlos Aufgeklärten" ausgemacht haben will.
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Buchnotiz zu : Frankfurter Rundschau, 09.10.2002
Dieses Buch über Wunder und über- und außergewöhnliche Phänomene, in das Lorraine Daston, Direktorin am Berliner Max-Plack-Institut für Wissenschaftsgeschichte, und die Medizinhistorikerin Katharine Park zwanzig Jahre gemeinsamer Forschung haben einfließen lassen, ist "ein Meisterwerk", schwärmt Michael Adrian. "Materialreich" erbringen die Autorinnen den Beweis, dass die Beschäftigung mit Phänomenen wie "Mensch-Tier-Hybriden", Riesen, Vulkanausbrüchen und Zaubertüchern für Philosophen und Forscher bis zur Aufklärung ein grundlegendes Thema gewesen war, so der beeindruckte Rezensent. "Glänzend" rekapitulierten die Autorinnen, wie über viele Jahrhunderte im Kontext kultureller und gesellschaftlicher Veränderungen Erkenntnisse darüber gesammelt und verbreitet wurden, ohne dass sie dabei den "roten Faden" ihrer "historischen Epistemologie" verlieren würden. "Facettenreich" und in einer "mustergültig klaren Diktion" legen sie, so Adrian, die Änderungen im Umgang mit diesen Erscheinungen offen. Auch die Übersetzung von Sebastian Wohlfeil und Christa Krüger erntet vom Rezensenten höchstes Lob, ebenso die Auswahl der vielen Abbildungen, die die Autorinnen zur Illustration "klug ausgewählt" hätten und so dem Leser eine zusätzliche "visuelle Führung" durch die Geschichte ermöglichten.
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