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Das Wunder von Bern. Die wahre Geschichte. Das Begleitbuch zur ZDF Dokumentation
 
 
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Das Wunder von Bern. Die wahre Geschichte. Das Begleitbuch zur ZDF Dokumentation [Gebundene Ausgabe]

Sebastian Dehnhardt , Guido Knopp
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Produktbeschreibungen

Kurzbeschreibung

Das »Wir-sind-wieder-wer«-Gefühl befreite die deutsche Gesellschaft aus der Nachkriegstristesse und erzeugte eine noch nie dagewesene Aufbruchstimmung. Die enorme Emotionalität der Ereignisse hat viele Geschichten rund um das »Wunder von Bern« bis heute in den Hintergrund gedrängt. Durch intensive weltweite Recherchen und zahlreiche Interviews mit beteiligten Spielern, Augenzeugen, Politikern ebenso wie mit Prominenten, Historikern und Publizisten gelingt es Sebastian Dehnhardt in dem von Guido Knopp geleiteten Projekt, die zeitgeschichtlichen Hintergründe und deren Bedeutung für Deutschland und Ungarn herauszustellen. Mit außergewöhnlichem Material kann erstmalig der Ablauf des Endspiels fast vollständig rekonstruiert werden.

Der Verlag über das Buch

Das Begleitbuch zur großenZDF-Dokumentation

Klappentext

Das »Wir-sind-wieder-wer«-Gefühl befreite die deutsche Gesellschaft aus der Nachkriegstristesse und erzeugte eine noch nie dagewesene Aufbruchstimmung. Die enorme Emotionalität der Ereignisse hat viele Geschichten rund um das »Wunder von Bern« bis heute in den Hintergrund gedrängt. Durch intensive weltweite Recherchen und zahlreiche Interviews mit beteiligten Spielern, Augenzeugen, Politikern ebenso wie mit Prominenten, Historikern und Publizisten gelingt es Sebastian Dehnhardt in dem von Guido Knopp geleiteten Projekt, die zeitgeschichtlichen Hintergründe und deren Bedeutung für Deutschland und Ungarn herauszustellen. Mit außergewöhnlichem Material kann erstmalig der Ablauf des Endspiels fast vollständig rekonstruiert werden.

Über den Autor

Prof. Dr. Guido Knopp war nach seinem Studium zunächst Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und anschließend Auslandschef der Welt am Sonntag. Seit 1984 leitet er die ZDF-Redaktion Zeitgeschichte. Guido Knopp hat zahlreiche Auszeichnungen erhalten, darunter den Jakob-Kaiser-Preis, den Europäischen Fernsehpreis, den Telestar, den Goldenen Löwen, den Bayerischen Fernsehpreis und das Bundesverdienstkreuz. Sebastian Dehnhardt, Jahrgang 1968, Gesellschafter einer Fernseh-Produktionsfirma, ist auf dem Gebiet der historischen Dokumentation für zahlreiche Produktionen verantwortlich, darunter die Mitarbeit an den ZDF-Serien "Hitlers Helfer" und "Vatikan" – "Die Macht der Päpste". Für die ARD-Dokumentation "Die Vertriebenen – Hitlers letzte Opfer" erhielt er den Bayerischen Fernsehpreis 2001, mit der dreiteiligen Dokumentation "Stalingrad" war er 2003 für den Internationalen Emmy nominiert.

Auszug aus Das Wunder von Bern von Sebastian Dehnhardt, Guido Knopp. Copyright © 2004. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Inhalt:
Vorwort von Guido Knopp
Die Sieger, von Andreas Eckhoff und Sebastian Dehnhardt
Das Turnier, von Uli Weidenbach und Sebastian Dehnhardt
Das Finale, von Erik Eggers und Sebastian Dehnhardt
Die Verlierer, von Stefan Lázár und Sebastian Dehnhardt
Der Mythos, von Erik Eggers
Jäger des verlorenen Schatzes, von Sebastian Dehnhardt

Vorwort
Mit dem Abpfiff fing es eigentlich erst an. Aus dem Sieg der deutschen Fußballnationalmannschaft im Finale der WM 1954 gegen Ungarn ist ein Mythos geworden. Eine Geschichte, so schön, dass sie fünf Jahrzehnte später, im kollektiven Bewusstsein der Nation, mehr ist als nur eine ferne Sage. Sie gilt als Wunder – das »Wunder von Bern«.
»Wunder gibt es immer wieder«, meint ein deutscher Schlager, »Wunder« hatte die Nachkriegszeit geradezu inflationär hervorgebracht: »D-Mark-Wunder«, »Fräuleinwunder«, »Wirtschaftswunder«, später das »Wunder von Lengede«. Das »Wunder von Bern« jedoch ist anders. Die Legende ist bekannt. Es ist Zeit, die wahre Geschichte zu erzählen.
Am 4. Juli 1954 warteten Millionen Deutsche vor ihren Radiogeräten auf das erlösende Wort. Es kam mit einem schrillen Schlusspfiff. »Aus! Aus! Aus! Aus! Das Spiel ist aus! Deutschland ist Weltmeister! Schlägt Ungarn mit 3 : 2 Toren im Finale in Bern!«
Der das sagte, war Rundfunkreporter und hieß Herbert Zimmermann. Seine Stimme erklang an diesem 4. Juli 1954 nicht nur in den Wohnzimmern und Kneipen zwischen Kiel und Konstanz, sondern ebenso von Rostock bis Suhl: Die Menschen in der DDR fieberten mit. Es war mehr als eine Sensation. Denn die westdeutsche Mannschaft war in dieses Spiel als krasser Außenseiter gegangen. Die ungarischen Spieler hingegen galten als die Brasilianer der frühen 1950er-Jahre. Da wirbelte ein wahres Puszta-Ballett – das zudem in über 30 Spielen ungeschlagen war. Seit die Magyaren um ihren Kapitän Ferenc Puskás im November 1953 zum ersten Mal das Mutterland des Fußballs, England, auf eigenem Boden bezwungen hatten, nannte ganz Europa sie das »Wunderteam«. Diese Top-Mannschaft besiegen – das war wie der Steinschlag Davids gegen Goliath. Eigentlich ein Fußball-Märchen.
Wie kam es zustande? Nur durch Glück? Oder war es auch Ergebnis harter Arbeit?
Dafür war ein Mann zuständig, der im Westen des geteilten Nachkriegsdeutschland das Amt des »Bundestrainers« versah. Er hieß Sepp Herberger, war in grauer Vorzeit einmal selber Nationalspieler gewesen und galt als »Fußball-Weiser von der Bergstraße«. Seine Sätze (viele stammten gar nicht mal von ihm) werden heute noch zitiert: »Ein Spiel dauert 90 Minuten.« Und: »Das nächste Spiel ist immer das schwerste.« Oder: »Nach dem Spiel ist vor dem Spiel.« Und den Gipfel endgültiger Fußballweisheit spiegelte der Satz: »Der Ball ist rund.« Kein Wunder, dass nicht wenige Menschen den Bundestrainer für ebenso wichtig hielten wie den Bundeskanzler. Beide, Herberger wie Adenauer, waren Vaterfiguren, an denen sich die durch den Krieg verstörten Menschen aufrichteten.
Doch selbst die höchste Fußball-Weisheit verpufft, wenn sie auf dem grünen Rasen nicht verwirklicht wird. Dafür hatte Herberger einen Mann, der als sein verlängerter Arm auf dem Spielfeld galt: Fritz Walter. Der war ein technisch hochbegabter, aber überaus sensibler Spieler. Als die deutsche Nationalmannschaft im Jahre 1952 gegen Frankreich in Paris mit 3 : 1 verlor und eine Zeitung spöttisch schrieb: »Auf Halblinks stand der Wäschereibesitzer Fritz Walter« – da wollte er schon das Handtuch werfen. Doch Herberger, der Chef, blieb stur: »Fritz, reden Sie kein dummes Zeug, bleiben Sie.« Fritz Walter blieb.
Als er 1954 zur WM fuhr, titulierte ihn ein Fußball-Redakteur bereits als »alten Fritz«. Er war gerade 34 Jahre alt. Für den Bundestrainer war der »alte Fritz« nicht nur der Lieblingsspieler, sondern auch ein Schüler, der seine Taktik auf dem Spielfeld umzusetzen wusste – eine Taktik, die aus dem Partisanen-Handbuch Maos hätte stammen können: »Wo der Ball ist, musst du stärker als der Gegner sein.«
Zu dieser Taktik zählte, dass dazu ein eingespieltes Team gehörte. Fritz Walter war nicht nur der Kapitän der deutschen Fußballnationalmannschaft, sondern ebenso auch Spielführer des 1. FC Kaiserslautern – eines Vereins, der im Fußballdeutschland damals eine Rolle spielte wie heute Bayern München.
Und so standen denn fünf Lauterer in jenem Team, das mit Sepp Herberger in die Schweiz fuhr: Fritz Walter, sein Bruder Ottmar Walter, Werner Kohlmeyer, Horst Eckel und Werner Liebrich. Die Deutschen galten dennoch international als krasser Außenseiter. Neben Ungarn zählten allenfalls noch England, Uruguay, Brasilien und selbst Österreich als Favoriten. Und diese Einstufung schien sich schon in der Vorrunde zu bestätigen, als Deutschland gegen Ungarn spielte – und 3 : 8 verlor.
Die deutsche Presse schäumte – und einige Blätter forderten gar Herbergers Rücktritt. Wie konnten diese Journalisten nur vergessen, dass wahre Wunder eben nicht nur Zeit brauchen, sondern erst einmal Erniedrigung – ja Opfer?
Ein solches Opfer brachte Herberger, der alte Fuchs, auf dem Altar der Taktik dar. Er schonte gegen Ungarn Stammspieler wie Toni Turek, Maxl Morlock, Ottmar Walter und Hans Schäfer und ließ stattdessen die Reservespieler ran. Herberger wusste: Eine Niederlage schadet dem Vorrücken nicht; ein Sieg im nächsten Spiel – gegen die Türkei – genügte, um zunächst einmal eine Runde weiterzukommen.
Und so geschah es: Nach Siegen gegen die Türkei und Jugoslawien stand das deutsche Team im Halbfinale gegen Österreich. Und in diesem Treffen spielten Herbergers Mannen Austria in Grund und Boden. 6 : 1 hieß es am Ende. Selten zuvor hatte eine deutsche Fußballnationalmannschaft besser gespielt, und ein Raunen ging durch den internationalen Blätterwald. Von einem »zwölften Mann« im deutschen Team war gar die Rede – dem »Geist von Spiez«.
In Spiez am Thuner See hatten Herbergers Männer ein ideales und vor allem zentral gelegenes Quartier gefunden. Doch was war mit dem »Geist«? Lassen wir Fritz Walter reden: »Den Geist von Spiez haben wir aus Kaiserslautern mitgebracht und auf die Nationalmannschaft übertragen. Wir bildeten vor dem Spiel einen Kreis mit allen Spielern und Betreuern, schauten uns in die Augen und riefen uns zu: Männer, einer für alle, alle für einen! Für unseren Erfolg war das entscheidend, weil das Wort gestimmt hat: Elf Freunde müsst ihr sein. Das stärkte unser Gemeinschaftsgefühl.«
»Einer für alle« und »Elf Freunde müsst ihr sein« – solche Worte klingen in der Fußball-Welt von heute fast wie eine ferne Sage. Einem Profi unserer Tage kämen sie kaum über die Lippen. Doch für jene Männer, die den Krieg überlebt hatten, die beim 1. FC Kaiserslautern monatlich 320 Mark verdienten – wenn sie Deutscher Meister wurden 1000 Mark –, waren sie so selbstverständlich, dass bis zum Finaltag keiner an Siegprämien dachte. Kapitän Fritz Walter versicherte im letzten Interview vor seinem Tod: »Keiner verlor ein Wort über Geld. Nicht ein Einziger unserer Spieler ist zu mir gekommen und hat eine Andeutung gemacht.« Sie waren einfach froh, ins Endspiel gekommen zu sein.
Nun war er da, der große Tag. 30.000 deutsche Schlachtenbummler pilgerten ins Berner Wankdorf-Stadion. Deutschlands Straßen waren wie leer gefegt. Millionen hatten ihre Radios eingeschaltet und tausende ihr Fernsehgerät. Kneipenwirte, die über ein Gerät verfügten, machten an diesem Sonntag das Geschäft des Jahres. Der Himmel hielt, so schien es, zu den Deutschen. Es regnete, und der Rasen war feucht. Das war »Fritz-Walter-Wetter«: »Ich hab halt lieber bei Regen gespielt. Ich war Soldat in Sardinien, Korsika und Elba, und dort bekamen wir alle Malaria. Deshalb mochte ich keine Hitze. Wenn es regnete, fühlte ich mich wohl. Außerdem konnte ich, als guter Techniker, auf nassem Rasen besser spielen«, erklärte noch Jahrzehnte später der Kapitän.
Bei den Ungarn war der legendäre »Fußball-Major« Ferenc Puskás wieder mit dabei, der sich zu Beginn der WM ausgerechnet gegen Deutschland verletzt hatte. (PS: Liebrich hatte ihn hart rangenommen.) Herberger bot erneut die siegreiche Elf aus dem Halbfinale auf – also Turek, Posipal, Kohlmeyer, Eckel, Liebrich, Mai, Rahn, Morlock, Ottmar Walter, Fritz Walter und Schäfer.
Um 16.53 Uhr pfiff der englische Schiedsrichter Ling die Partie an. Die Ungarn stürmten sofort los. In Zimmermanns Worten: »Schlechtes Abspiel von Liebrich soeben. Kocsis müsste schießen. Nachschuss Puskás – Tor!«
Nur zwei Minuten später folgte ein Missverständnis zwischen Kohlmeyer und Turek, Czibor ging dazwischen – und es stand 2 : 0. Die deutsche Mannschaft wirkte wie gelähmt. Wo war der »Geist von Spiez«?
Er half zunächst dem Nürnberger Max Morlock. Als der Kölner Schäfer flankte und der Ungar Lóránt verfehlte, grätschte Morlock den Ball ins ungarische Tor. Nur noch 2 : 1! Und nur wenige Minuten später hob Fritz Walter einen Eckball vor das ungarische Tor, der Essener Helmut Rahn nahm ihn im Direktschuss: 2 : 2! Zimmermann rief in sein Mikrofon: »Ja, ist es zu glauben, wir haben ausgeglichen gegen Ungarn, die großartigste Techniker-Elf, die man kennt …«
Nun kam die Halbzeit, und in den Kabinen ging es hoch her. »Wir sprachen darüber, dass wir eventuell verlieren könnten«, erinnert sich Ferenc Puskás, »aber eingestellt waren wir darauf nicht. Wir glaubten immer, das Spiel zu gewinnen.« Das taten auch die Deutschen. »Nach dem Ausgleich«, so Fritz Walter, »hatten wir zum ersten Mal das Gefühl: Diese ungarische Mannschaft ist zu schlagen.« Und als sich deutsche Spieler gegenseitig vorwarfen, dass das eine oder andere ungarische Tor hätte verhindert werden müssen, meinte Herberger lakonisch: »Männer, spart euch die Luft, ihr werdet sie noch brauchen!«
Das war auch nötig, denn die Ungarn drehten auf. Immer neue Angriffswellen liefen auf das deutsche Tor und der ansonsten manchmal etwas leichtsinnige Düsseldorfer Torhüter Turek erwies sich wiederholt als Retter in höchster Not: »Turek, du bist ein Fußballgott!«, rief Reporter Zimmermann ins Mikrofon. Dann aber kam die 84. Minute. Der Kölner Schäfer flankte nach innen, und mit diesem magischen Moment wurde nicht nur Herbert Zimmermann unsterblich. »Kopfball! Abgewehrt! Aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen. Rahn schießt! Tooor! Tooor! Tooor! Tor für Deutschland! Linksschuss von Rahn! Schäfer hat sich gegen Bozsik durchgesetzt. 3 : 2 für Deutschland … Halten Sie mich für verrückt, halten Sie mich für übergeschnappt, ich meine, auch Fußballer sollten ein Herz haben!« Die Stimme des Reporters überschlug sich, als er den Countdown der letzten Minuten schilderte: »Sechs Minuten noch im Wankdorf-Stadion in Bern. Keiner wankt. Der Regen prasselt unaufhörlich hernieder. Es ist schwer, aber die Zuschauer, sie harren nicht [sic!] aus … Und die Ungarn! Wie von der Tarantel gestochen, lauern die Puszta-Söhne, drehen jetzt den siebten oder zwölften Gang, und Kocsis, nein Czibor, jetzt ein Schuss! Gehalten von Toni! Gehalten! Es kann nur noch ein Nachspiel von einer Minute sein. Deutschland führt 3 : 2 im Endspiel der Fußball-Weltmeisterschaft, aber es droht Gefahr, die Ungarn auf dem rechten Flügel. Jetzt hat Fritz Walter den Ball über die Außenlinie ins Aus geschlagen. Wer will ihm das verdenken? Die Ungarn erhalten einen Einwurf zugesprochen, der ist ausgeführt, kommt zu Bozsik – Aus! Aus! Aus! Aus! Das Spiel ist aus! Deutschland ist Weltmeister, schlägt Ungarn mit 3 : 2 Toren im Finale in Bern!«
Das Wunder war perfekt – und ganz Deutschland war aus dem Häuschen. Menschen, die sich nie zuvor gesehen hatten, küssten sich. Fenster wurden aufgerissen, Bettlaken geschwenkt. Binnen weniger Minuten waren unzählige Gasthäuser bis auf den letzten Platz gefüllt. Viele wollten diesen Augenblick der Freude mit anderen Menschen teilen.
»Diese Begeisterung«, so erinnert sich Fußballfan Walter Jens, »hatte ihren Grund darin, dass das Kumpel waren, ehemalige Wehrmachtsangehörige, Menschen, die nicht viel mehr verdienten als der Obersteiger, die sich freuen konnten.« Und das konnten sie. Alle Energie, die das kräftezehrende Spiel ihnen noch gelassen hatte, verwandten die »Helden von Bern«, wie sie bald tituliert wurden, darauf, den nassen Rasen in ein Tollhaus zu verwandeln. Erst hoben die Spieler Fritz Walter auf ihre Schultern, dann wurde Sepp Herberger, der Vater des Erfolges, im Triumph getragen. Und als die deutsche Nationalhymne erklang, fassten sich alle Spieler an den Händen.
Die deutsche Nationalhymne? Das war eine komplizierte Geschichte. Weil deren erste Strophe in der Nazizeit zusammen mit dem berüchtigten Horst-Wessel-Lied gesungen wurde, war sie in der Bundesrepublik verboten. Nur die dritte Strophe (»Einigkeit und Recht und Freiheit«) galt als offizielle Hymne. Doch die 30.000 deutschen Schlachtenbummler scherten sich nicht um solche historische »Correctness«. Lautstark intonierten sie die erste Strophe, deren Zeilen sie noch allzu gut im Ohr hatten: »Deutschland, Deutschland, über alles, über alles in der Welt!« Die verstörten Gastgeber schalteten sich prompt aus der Live-Übertragung aus.
Aber das war nur ein kleiner Schönheitsfehler, denn die deutsche Freude war friedlich. Die Rückkehr in die Heimat glich einem Triumphzug, Sepp Herberger wurde in seinem Heimatort zum Ehrenbürger ernannt. Und allgemein machte ein Wort die Runde: »Wir sind wieder wer!«
Wir sind wieder wer? Neun Jahre nach einem schrecklichen Krieg, der bewiesen hatte, wozu Menschen fähig sind? Ein rundes Leder und elf Spieler als das wundersame Heilmittel? Fußballfan Norbert Blüm fasst Jahre später zusammen, was viele damals empfanden: »Deutschland hat um seine Anerkennung in der Welt gekämpft. Man fühlte sich als Notgemeinschaft. Insofern war diese Fußballnationalmannschaft Fleisch von unserem Fleisch.«
Die Anerkennung auf dem Spielfeld war wie Balsam für das schwer verletzte Selbstbewusstsein. »Wir sind wieder wer« – neun Jahre nach einem verlorenen Krieg mit unbeschreiblichen Verbrechen, Millionen von Toten, zerbombten Städten, angegriffener Selbstachtung. Jetzt hatten die Deutschen wieder etwas, worauf sie ohne innere Gewissensbisse stolz sein konnten. So gesehen war das »Wunder von Bern« die eigentliche Geburtsstunde der Bundesrepublik Deutschland.
Die meisten der »Helden von Bern« waren damals außerstande, die Folgen ihres Sieges zu überblicken. Sie waren in der Nachkriegszeit groß geworden, spielten weniger für Geld als für Anerkennung und entwickelten mit dem »Geist von Spiez« die Legende enger Kameradschaft – Eigenschaften, die uns heute noch beeindrucken. Fraglos stiftete der überraschende Sieg 1954 allein schon deswegen nationale Identität, weil die Deutschen sich mit tadellosen Spielern wie Fritz Walter leicht identifizieren konnten. Spieler, die Werte wie Freundschaft, Ordnung, Disziplin hochleben ließen.
Nicht alle der noch lebenden WM-Teilnehmer sind damit freilich einverstanden. Manche schmerzt der ewige Mythos vom »Wunder von Bern«. In Wirklichkeit, so meinen sie, hatte die deutsche Mannschaft die Ungarn, den überragenden Favoriten, niemals spieltechnisch auf »wundersame« Art dominiert, sondern konditionell in Grund und Boden gelaufen. Für Heinrich Kwiatkowski, den Ersatztorhüter der deutschen Elf, der in der Vorrunde gegen Ungarn acht Treffer kassiert hatte, ist der Sieg allein schon deshalb alles andere als ein »Wunder«. Wunder hätte es zu Jesu Zeiten gegeben, meint er, die WM ’54 sei einzig und allein die Leistung einer kämpferischen Mannschaft, die eben im Finale ein Tor mehr geschossen hatte als der Gegner. Das sei, schlicht und ergreifend, der Unterschied.
Kwiatkowski gehört nicht zur »Gralsgemeinschaft« der Weltmeister – jener Spieler, Kommentatoren und Funktionäre, die das »Wunder von Bern« über 50 Jahre stets behüteten, bewahrten und noch heute manche kritische Stimme »wegbeißen«, wie es ein eher distanzierter Journalist formuliert. Unvoreingenommen spricht Kwiatkowski in diesem Buch neben vielen weiteren Zeitzeugen auch über die Geschichten hinter der Geschichte. Davon gibt es viele. Wie kam es wirklich zum »Wunder von Bern«? War die Gemeinschaft tatsächlich so eingeschworen? Was geschah hinter den Kulissen?
Die Autoren haben keine Scheu vor unbequemen Fragen – etwa nach der mysteriösen Gelbsucht, die so viele der Spieler unmittelbar nach der Weltmeisterschaft heimgesucht und so zahlreiche »Dopingvorwürfe« nach sich gezogen hatte. Auch das immer verschwiegene Abseitstor von Ferenc Puskás zum 3 : 3 in der 87. Minute wird unter die Lupe genommen. Aber mehr noch als um solche vermeintlichen Tabus geht es in diesem Buch um Menschen und um deren Schicksale, um jene, die das »Wunder von Bern« ermöglicht, und jene, die mitgeholfen hatten. Es geht um Lebensläufe, die sich – und das ist ihnen allen gemein – nicht auf ein Spiel von 90 Minuten reduzieren lassen.
Also – DFB, pass auf ! – ein investigatives Buch. Doch wir sind mit uns im Reinen – denn das Wunder bleibt ein Wunder. Die Legende ist so stark – sie hält selbst Detektive der Geschichte aus.

Die Sieger

Sieger sollten anders feiern. Schwitzend und schweigend saßen die Männer, denen gerade der größte sportliche Triumph ihres Lebens gelungen war, in der Kabine des Wankdorf-Stadions. Wie Sieger sahen sie nicht aus, wie Helden erst recht nicht. Jedenfalls war keiner von ihnen fähig zum Jubeln, die Anspannung der zurückliegenden zwei Stunden im strömenden Regen saß zu tief. Zehn, fünfzehn Minuten herrschte beinahe lähmende Stille. Nahezu apathisch hockten sie einfach nur da, verharrten in sich gekehrt oder nuckelten geistesabwesend an ihren Obstsäften. Der eine oder andere öffnete wie in Zeitlupe die Schnürsenkel seiner Fußballschuhe und löste die Schienbeinschützer von den geschundenen Beinen. Dann betrat Sepp Herberger den Raum und ordnete Festtagsstimmung an: »Sagt mal, ihr seid doch Weltmeister geworden, da könnt ihr euch doch ein bisschen freuen drüber!«
Da sei dann »die Freude ein bisschen ausgebrochen«, erzählt einer der Beteiligten. Ein paar Flaschen Sekt wurden geöffnet, aus Pappbechern tranken sie ein paar Schlucke, streiften sich dann die verschwitzten, durchnässten und verdreckten Trikots und Hosen vom Körper und gingen duschen. Im Dampf des heißen Wassers begannen die Weltmeister zu singen, während draußen im Bus schon die Ersatzspieler saßen und auf die Rückfahrt ins Hotel warteten. Es waren nur wenige Stunden vergangenen zwischen der Ankunft des Busses vor dem Stadion und seiner Abfahrt. Aber es war ein neues Leben, das nun begann.
Auch im Bus auf dem Weg zurück ins Belvédère in Spiez war es erstaunlich ruhig; nur Helmut Rahn versuchte, wie immer, ein wenig Stimmung zu machen. Von durchschlagendem Erfolg gekrönt waren seine Versuche, die Kollegen aufzuheitern, allerdings nicht. Hätte er sich zuvor auch auf dem Rasen so schwer getan – die Deutschen wären nicht als Weltmeister vom Platz gegangen. Wenigstens sangen wieder einige. Wie immer »Hoch auf dem gelben Wagen«, Herbergers Lieblingslied. Diesmal bemühten sich alle, richtig zu singen. Falsche Töne konnten Herberger fuchsteufelswild machen; bloß das nicht an einem Tag wie heute. Die meisten starrten ja sowieso nur stumm aus dem Fenster. Sie konnten ihr Glück einfach noch nicht fassen.

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