Allem vorweg, "Wu-Massacre" ist ein gutes Album. Trotzdem muss ich mich erstmal aufregen. Das ging ja verhältnismäßig schnell für ein Majorrelease dieser Tage, vor gut einem Dreivierteljahr angekündigt, ein, zwei mal verschoben und umbenannt kommt das Ding jetzt raus. Eigentlich ein Grund zur hemmungslosen Euphorie, dennoch fragt man sich am Ende ob das nicht alles doch ein bisschen zu schnell ging. Ich kann mich an ein Interview mit Raekwon erinnern, in dem er meinte, das Album würde aus genau zwölf Tracks bestehen, zu denen jeder der Dreien jeweils vier Beats klarmachen würde, um diese dann anschließend zu dritt zu berappen. Schönes Konzept, dachte ich mir, es entpuppte sich jedoch als "Mogelpackung". Von den zwölf Tracks sind abzüglich der Skits nur noch zehn übrig geblieben. Von diesen Zehn sind auf sage und schreibe nur drei (!) Songs Method Man, Ghostface Killah und Raekwon gemeinsam zu hören, ein bisschen wenig für ein "Meth, Ghost, Rae"-Album. Es hätten auch vier gemeinsame Songs sein können, aber aus einem mir völlig unerklärlichen Grund fehlt Rae's Killerverse in dem für "Only Built 4 Cuban Linx... Pt. II" aufgenommenen Klassikerremake "Criminology 2". Völlig ohne Sinn und Verstand. Auch sonst fehlt Rae an allen Ecken und Enden, auf lediglich vier (!) Songs ist er mit von der Partie. Da hat Def Jam seinem eigenen Personal wesentlich mehr Platz gelassen: Meth ist doppelt so oft am Start wie Rae, Ghost ist auf fast allen Tracks vertreten (ausser "Meth Vs. Chef Part II", logisch), hat seinen eigenen Solotrack, plus zahlreiche Gastbeitrage seiner Buddies von der Theodore Unit. Somit wirkt "Wu-Massacre" in dieser Konstellation weniger wie ein "Meth, Ghost, Rae"-Album, sondern eher wie ein Ghostface Soloalbum im "Ironman" Stil, mit Meth an Rae's Stelle und Rae anstatt Cappadonna. Ist zwar nichts Schlechtes, aber auch nichts Neues. In der Schule würde es wohl heissen: "Thema verfehlt".
Zum Wesentlichen. Als Opener stampft sich das oben genannte "Criminology Part 2.5" ohne Rae in's Hirn. Ghost's ursprünglicher Part wurde bizarrerweise durch einen älteren vom "Cuban Linx 2"-Bonustrack "Badlands" ersetzt und passt nicht immer genau auf das von BT stark an's 95'er Original angelehnte Instrumental. Meth rettet die Angelegenheit mit einem neuen, frischen Vers lauter Referenzen an den ersten Teil, bevor er mit Rae auf einem weiteren Sequel die Bombe platzen lässt: "Meth Vs. Chef Part II" ist der mit Abstand beste Track des Albums, einer der kaum vorhandenen Remakes eines Klassikers, der noch mehr reinhaut als der Vorgänger. Auf einem fiesen, aufdringlichen Bläser-Sample von Allah Mathematics und virtuosem Trommelwirbel der Rhythm Roots Allstars schleudern sich Mef und Chef die lyrischen Samuraischwerter um die Ohren, dass man am Ende kaum noch weiss, wer von denen jetzt der bösere Mutterf*cker in der Nachbarschaft ist. Mit zwei Minuten ist dieses unfassbar intensive Stück Musik leider viel zu kurz. Der mit einem Beat an der Produktion beteiligte RZA enttäuscht mich leider wieder. Für ein Album wie "Wu-Massacre" hätte ich mir von ihm das komplette Gegenteil von einem seichten Lovesong mit käsigem Michael Jackson Sample ohne seperate Drumspur gewünscht, aber genau das ist "Our Dreams" leider. Warum zu so einem Album eine solche Single? Kaufen tut das doch eh keiner ausser Wu-Fans und ein paar Ewiggestrige, die gute Musik zu schätzen wissen. Die lernen's auch nie, die Amis. "Gunshowers" dagegen ist eine klassische 2000'er Wu-Hymne mit treibendem BoomBap-Sound, gepitchten Vocalsnippets, extrem animierender Hook von Meth und einem von Inspectah Deck's immer wieder brillianten Gastbeiträgen.
Den Rest des Albums teilen sich Mathematics und Scram Jones, der schon einige Granaten auf "Only Built 4 Cuban Linx... Pt. II" landen konnte. Der macht mit dem erdigen "Youngstown Heist" von Ghost, Trife und Sheek Louch erstmal alles richtig, bevor er auf "It's That Wu Sh*t" anfängt mit verspulten Elektrosounds herumzuexperimentieren, das Ganze gerät ein wenig zu sperrig. Dazu noch eine grenzdebile, uninspirierte Hook und nicht mal Geistgesichtmörder und Methodenmann in Bestform können den Karren noch aus dem Dreck ziehen. "Wu Sh*t" ist in meinen Augen ganz was Anderes, zum Beispiel sowas wie die beiden verbliebenen Granaten von Allah Mathematics: "Dangerous" geht gut nach vorne mit souliger Gitarre, majestätischen Horns und hypnotischen Vocalsample auf knackigen Drums. Alle drei Protagonisten sind mit von der Partie und leisten hervorragende Arbeit, insbesondere Ghostface, der mal wieder mit einer unglaublichen Inbrunst den Track in Stücke reisst. Etwas entspannter, aber nicht weniger gut gerät das mit elegantem Pianolick und Soulsample veredelte "Miranda", auf dem ebenfalls alle Drei Wu-Frontmänner vertreten sind und auf eine sehr charmante Art ein und die selbe Latinaolle besingen. Method Man beeindruckt wie auf dem "Se Acabo" Remix mit seinen Spanischkenntnissen. Dazwischen gibt's noch einen Ghostface Solotrack im funky Blaxploitation-Soundgewand, auf dem er einer seiner komplexen Stories erzählt, die man als Deutscher nicht unbedingt verstehen muss, um sie zu feiern.
Unbestreitbar ist "Wu-Massacre" ein qualitativ hochwertiges Album, von zehn Songs sind acht Burner, zwei eher Geschmacksache. Trotz der guten halben Stunde Laufzeit lebt das Album von seiner Kohärenz, meistens gibt's klassische Samplegranaten mit viel souligen Vocalstabs und trocken pumpenden Drums. Vielleicht ist der Sound im Gesamtbild nicht ganz so hart, wie Manche sich es vorgestellt hätten, dafür überzeugen die mittlerweile teilweise graubehaarten Clanmitglieder lyrisch und flowtechnisch auf voller Linie. Ghost klingt immernoch genau so hungrig wie auf "36 Chambers", Meth ist eh die coolste Sau nördlich des Equators und Jedermanns heimlicher Lieblingsrapper und Raekwon ist, wenn man ihn mal lässt, eh eine Klasse für sich. Ebenfalls ist "Wu-Massacre" ein gutes Beispiel dafür, dass man auch ohne Big Names anständige Musik auf einem Majorlabel machen kann, ausser RZA und Ty Fyffe auf dem soliden "Smooth Sailing (Remix)" sind keine Starproduzenten involviert, der einzige Non-Wu-Gast ist Sheek Louch. Trotz allem ist dieses Album in meinen Augen keine "Meth, Ghost, Rae"-LP, zu groß der Einfluss von Ghostface und zu gering der Anteil von Raekwon. Man will fast glauben, Def Jam wolle Rae nicht zu viel Aufmerksamkeit gönnen, da die den seit "Only Built 4 Cuban Linx... Pt. II" wieder einen immensen Hype einfahrenden Indierapper in direkter Konkurrenz zu ihren eigenen Wu-Künstlern sehen. Immerhin hat Rae's Album in der ersten Woche mehr als dreimal so viel verkauft wie Ghost's R&B-Album. Wie dem auch sei, "Wu-Massacre" ist allen Fans richtiger Rapmusik an's Herz zu legen und eine angenehme Erfrischung in diesem wie jedes Jahr ziemlich magerem ersten Quartal. Ich habe jetzt jedenfalls Bock auf ein Method Man-Album mit Beats wie auf diesem, gerne auch noch fetter und noch härter.