"Writing Effective Use Cases" kommt eher unscheinbar daher. Hinter dem
relativ dünnen Band (270 Seiten) versteckt sich aber eine unglaubliche
Tiefe an Erfahrungen im Umgang mit Use Cases.
Über Use Cases kursieren viele Missverständnisse. Dazu gehört, dass
Use Cases einfach zu schreiben seien. Das Gegenteil ist der Fall. Wer
schon einmal versucht hat, die funktionalen Anforderungen eines grossen
Projekts mit Use Cases zu beschreiben, wird diese Erfahrung bestätigen.
Hier setzt das Buch ein. Alistair Cockburn beschreibt ausführlich, was
Uses Cases sind, welche Bestandteile hinein gehören und wie man sie
strukturieren sollte. Das eigentlich Wertvolle aber sind seine
Hinweise, wie man mit großen Mengen von Use Cases umgeht. Da ist zum
Beispiel das Konzept des "Goal Levels". Jeder Use Case erreicht im
Erfolgsfall ein bestimmtes Ziel, also in der Regel ein Ergebnis von
Wert für den Akteur. Der "Goal Level" eines Use Cases kennzeichnet
nun, auf welcher Ebene das Ziel des Use Cases liegt. Dies kann auf
einer hohen, verallgemeinerten Ebene, der Ebene der konkret für die
späteren Benutzer sichtbaren Funktionen oder aber auch auf einer
tiefen technischen Ebene liegen. Mit diesem kleinen Kunstgriff erledigt
Cockburn sehr elegant das Problem der Granularität von Uses Cases.
Viele angehende Use-Case-Spezifizierer tun sich schwer damit, den
richtigen Grad der Detallierung zu finden. Das Konzept des "Goal
Levels" zeigt, daß man fast immer auf verschiedenen Ebenen der
Detaillierung Use Cases spezifizieren muß, wenn man ein
zusammenhängendes Bild erhalten will.
Im zweiten Teil seines Buchs geht Cockburn auf verschiedene praktische
Probleme ein. Da geht es um Fragen wie "woran erkennen wir, daß wir
fertig sind" oder "wie fügen sich Use Cases in den Gesamtprozess
ein". Hier wird auch der erfahrene Analytiker noch wertvolle Hinweise
für seine Arbeit finden. Immer wieder wird deutlich, wie viel
praktische Erfahrung der Autor mitbringt, zum Beispiel bei der
erfreulich nüchternen Beurteilung von Tools.
Im dritten Teil werden die wichtigsten Themen noch einmal als knappe
Referenz zusammengefasst. Auch wenn dies nach Redundanz klingt, so ist
doch diese Darstellung sehr nützlich, weil sie die Themen anders als
der Hauptteil aufgliedert und zugänglich macht. Der Charakter eines
Leitfadens für die Praxis wird durch die Zusammenfassung der
Ratschläge auf den Innenseiten des Einbands unterstrichen.
Wenn es überhaupt etwas an "Writing Effective Use Cases" zu kritisieren gibt,
dann höchstens, daß der Autor in Beispielen manchmal Begriffe und Symbole
benutzt, bevor sie im Text erklärt werden. Dies macht beim ersten
Lesen das Verständnis etwas schwerer, erhöht aber den Wert der
Beispiele, die im übrigen zahlreich und aussagekräftig sind.
Insgesamt kann ich dieses Buch jedem wärmstens empfehlen, der Use
Cases in der Praxis einsetzen will.