Um eines klarzustellen: Wir reden hier über die Band, die bei mir den wohl größten Kredit genießt. Vom "Mäppchen" (2005) vollkommen geplättet, vom Full-Length-Debütmonster "Ignorance & Vision" (2008) restlos begeistert und von der deutlich reduzierteren "Grace..."-EP (2010), nun ja, erfreut, warf das neue Album "Writ of Eskort" schon vor dem ersten Hördurchlauf einige Fragen auf:
- Würde die Band den zuletzt merklich runtergeschraubten kompakteren Bandsound weiterverfolgen oder wieder stärker in Richtung des postmodernen Monsters "I&V" tendieren?
- Wie wirkt sich das Fehlen von Ex-Keyboarder tightEng über die komplette Albumdistanz aus, nachdem zumindest ich bei genannter 2010er-EP Tights prägnante und liebgewonnene Klaviereinsätze durchaus vermisst hatte?
- Was treibt Ex-Gitarrenfräulein Diva Eva D. (die offenbar in Tights Schlepptau von Bord gegangen war)?
- Wie fügt sich Neuklampfer David de Vincent (jaja, ich weiß schon, aber ich finde die Anagrammspielchen witzig) ein?
- Darf man auf Hämmer und Hooks vom Kaliber "Wonderland", "Biology...", "Freezing Scene" oder "Impresario" hoffen?
Und noch bevor man den Gedanken zu Ende gedacht hat, springt einem nach dem Einlegen des neuen Silberlings mit dem Opener "Wild Child" ein absoluter Ohrwurm entgegen, ein locker-flockiger Hit reinsten Wassers, der im Laufe seiner gut sieben Minuten kein einziges Mal abflacht. Sofort fällt auf, dass die Band zwar den homogeneren Charakter von "Grace..." weiterführt, ihrem Gesamtsound aber wieder mehr Tiefe und Opulenz verliehen hat. Ziggy klingt souveräner denn je, und auch Debys Zweitstimmen und Chöre sind auf den Punkt perfekt getimt. Super!
Im folgenden sperrigeren "Stampede" hat auch David de Vincent erstmals größere Einsätze zu verzeichnen, was in einem kurzen aber intensiven Gitarrensolo kulminiert (Blackmore und May sind, dem homogeneren Bandsound entsprechend, nicht mehr so präsent wie auf "I&V", ganz zu Schweigen vom mitunter noch deutlich eklundhigen "Mäppchen").
Wie schon in meiner "I&V"-Rezension vermerkt, fällt es auch diesmal schwer, einzelne Songs herauszuheben. Ich persönlich habe mich besonders über die phantasievollen, gerne mal minimalistischen Streicherarrangements (auffällig in "Sirenes" und dem epischen Höhepunkt "Coward's Opera") gefreut.
Mit "Writ of Eskort" scheint die Band nach einer Phase des überbordenden Ausprobierens und anschließender Reduktion nun angekommen zu sein. "WoE" sollte MBWTEYP zumindest national im Sektor des anspruchsvollen Pop an die Spitze katapultieren, und mit diesem Album im Rücken dürfte das auch durchaus im Bereich des Möglichen liegen.
Ich verneige mich tief vor der Band und beantworte abschließend meine einleitend gestellten Fragen mit "irgendwie beides", "hmm...nicht so negativ, obwohl...aber vielleicht auch nicht", "keine Ahnung", "extrem gut" und "mit leichten Abstrichen: ja".
Kaufen!