Vorsicht Kultfilm! Festivalgewinner! So mag manch einer denken, wenn er die gewonnenen Preise eines Films auf dem DVD-Cover sieht. Da kann die Enttäuschung groß sein, muss sie aber nicht. Ein gutes Beispiel dafür: Wristcutters! Bereits aus dem Jahr 2006, unscheinbar, wenig beworben, mit einer Story, die einem Kurzroman des israelischen Autors Etgar Keret entstammt und experimentell, kurzweilig, völlig schräg aber liebenswert daherkommt. Für Freunde des traditionellen Kinos ein Graus, für Independent Fans und Zelluloid-Träumer ein wahrer Leckerbissen.
Regiseur Goran Dukic hat sich bei der wirklich haarsträubenden Geschichte eng an die Romanvorlage gehalten. Zia(Patrick Fugit) wird von seiner Freundin Desiree(Leslie Bibb) verlassen. Kurzerhand schneidet er sich die Pulsadern auf und scheidet aus dem Leben. Er findet sich in einer Welt der Selbstmörder wieder. Alles ist grau, bleich und blass. Keiner lacht. Jeder der sich umgebracht hat, landet hier. Die häufigste Frage ist: Wie hast du es gemacht?
Zia nimmt einen Job in der Kamikaze Pizzeria an und lernt den Russen Eugene(Shea Whigham) kennen. Eine seltsame Freundschaft nimmt ihren Lauf. Als Zia erfährt, dass Desiree sich ebenfalls das Leben genommen hat, muss er sie suchen. Auf seiner Reise durch das Ödland der Selbstmordwelt nehmen die beiden Freunde die Anhalterin Mikal(Shannyn Sossamon) mit. Mikals Tod war ein Unfall; sagt sie jedenfalls. Sie will zurück in die richtige Welt. Um das zu schaffen sucht sie die Organisation. Eine Führungsschicht, die Mikals Schicksal wieder ins Reine bringen soll. Auf dem Roadtrip der jetzt beginnt landen die drei auf der Wunderfarm des seltsamen Kneller(Tom Waits) und kommen Desiree immer näher. Als Zia sie endlich findet, hat er sich bereits in Mikal verliebt. Er muss sich entscheiden; aber nicht nur das...
Was für eine seltsam, krude Story! Jedermann, der logische, fundierte, sachliche Hintergründe für einen Film braucht, sollte sich die Wristcutters auf gar keinen Fall anschauen. Für Träumer und Liebhaber junger, frischer Filme ist der Streifen allerdings eine Fundgrube. Wie Goran Dukic die trostlose Welt der Selbstmörder in Szene gesetzt hat, ist ganz großes Kino. Dazu gibt es eine Besetzungsliste vom Allerfeinsten. Patrick Fugit, den wir noch aus Almost Famous in Erinnerung haben, spielt den hin und hergerissenen Zia eindrucksvoll. Seine Begleiter werden von Shea Whigham und Shannyn Sossamon nicht minder hochwertig in Szene gesetzt. Dazu dürfen wir ein gnadenloses Wiedersehen mit dem guten, alten Tom Waits bestaunen. Es gibt ihn als kauzigen Kneller zu sehen und im Soundtrack zu hören. Der ist allerdings weitestgehend von Gogol Bordello und steht Waits Musik ziemlich nahe.
Wristcutters ist ein Experiment, ein Ausflug in das völlig andere Kino. Das macht Spaß, lässt einem viele Möglichkeiten offen und ist erfrischend anders. Wer das mag, wird den Film lieben. Es wird allerdings ganz sicher auch andere Stimmen geben. Für mich war Wristcutters ein kleiner Glücksgriff aus dem DVD Regal. Man schnappt sich etwas, das man nicht kennt und landet einen Treffer! Schön, wenn es immer so wäre.