Kyuss aus Kalifornien gehören unstrittig zu den wichtigsten und einflussreichsten Rockbands der 90er. Als Pioniere eines neuen Sub-Genres, dem Stoner- oder Desert Rock, erschlossen sie mit ihrem gesamten Schaffenswerk neues musikalisches Terrain und inspirierten damit viele Bands, die sich später ebenfalls dem Wüsten-Sound verschrieben (Fu Manchu, Mondo Generator, etc.). Fortgeführt wird das Kyuss-Erbe in gewisser Weise heute noch von den Gründungsmitgliedern Josh Homme und Nick Oliveri, die beispielsweise mit den Queens of the Stone Age in eine ähnliche, wenngleich sehr viel kommerzielle, Niesche schlagen wie einst Kyuss: Tiefer, trockener, bodenständiger, harter Metal mit gelegentlichen Psychedelic Rock-Anleihen.
In diesem Kontext kann man Wretch, das 1991 erschienene Debütalbum von Kyuss, quasi als den Beginn einer neuen Ära betrachten, denn hier präsentiert die Band erstmals ihren eigentümlichen Sound auf einem Longplayer, auch wenn er noch nicht ganz so ausgreift und eigenständig ist wie auf späteren Platten. Dennoch ist Wretch ein beeindruckendes Album, das stellenweise mit großartigen Songs aufwartet.
Zunächst fällt auf, dass der Kyuss-Sound auf Wretch über weite Strecken noch extrem Metal-lastig ist, denn viele Stücke sind sehr viel aggressiver und temporeicher, als man es von späteren Veröffentlichungen gewohnt ist. Als Beleg können hier beispielsweise der rasende Opener '[Beginning of What's About to Happen) HWY 74' oder 'Katzenjammer' dienen. Andere Songs wie 'Son of a Bitch', 'The Law', oder 'Big Bikes' dagegen gehen bereits in eine etwas andere Richtung; weniger Tempo, mehr Groove, mehr Psychedelic, ebensoviel Power. Und alles furztrocken.
Nun zu den einzelnen Komponenten (welche allesamt entscheidend zum markanten Kyuss-Sound beitragen): Die Drums fallen vor allem dadurch auf, dass Brant Bjork erbarmungslos auf seine Toms eindrischt und auch den Becken kaum Ruhe lässt, was auch für spätere Alben charakteristisch sein wird. Bei aller Brutalität beweist er aber gleichzeitig auch ein gutes Gespür für Tempo und Timing, indem er eindrucksvolle Pausen setzt und dem gesamten Sound immer den passenden Flow verleiht. Was Bass (Nick Oliveri) und Gitarre (Josh Homme) angeht, so sind beide Instrumente extrem tief gestimmt, quasi das Markenzeichen von Kyuss. Nicht zuletzt wurde die Band schliesslich auch dafür berühmt, die Gitarren streckenweise über den Bass-Verstärker zu spielen. Mit viel Wucht wird hier gebrummt, gedröhnt, und geschrammelt, wobei die Gitarre aber stellenweise auch durch Melodien und Solos zu überzeugen weiss ('Big Bikes'). Keine Samples oder sonstiger moderner Schnickschnack. Erdige, authentische, traditionelle Rockmusik. Große Anerkennung verdient letztendlich natürlich auch John Garcia, die Stimme von Kyuss. Sein unverwechselbarer Gesang ist rotzig, schmutzig, kompromisslos, maskulin, und stets an der Grenze dessen, was man seinen Stimmbändern zumuten kann. Inhaltlich geht es dabei meist um Autos, Highways, Frauen, und natürlich die allgegenwärtige Wüste, ohne welche Kyuss nicht Kyuss wären.
Insgesamt bietet dieses hochbegabte Quartett auf Wretch bereits ein sehr homogenes Klangbild, bei dem alles passt, und dabei auch richtig starke Songs. 'HWY 74' ist mit seiner Speed und seiner Power wohl der beste Opener, den man sich für ein Debütalbum wünschen kann; 'Son of a Bitch', 'The Law', und 'Big Bikes' sind mit ihren Steigerungen, Pausen, Breaks, und Tempowechseln einfach mächtige und großartige Rocksongs. Aber im Grunde würde hier jeder Titel von Wretch Erwähnung verdienen, denn Lückenfüller gibt es auf dem Album nicht wirklich ' höchstens den ein oder anderen weniger starken Song.
Unter dem Strich muss man diese Platte einfach mögen. Der Sound passt, die Attitüde passt, das Gesamtpaket passt. Sand, Wüste, Hitze, Dosenbier, und harte, trockene Rockmusik. Wretch ist ein Debüt, das knallt! Zwar sind Kyuss mit Wretch noch nicht ganz beim Stoner Rock und am Höhepunkt ihrer Entwicklung angekommen, der Weg zeichnet sich aber deutlich ab. Was bleibt, ist ein tolles Rockalbum und ein Maul voll Sand.
Fazit: Für Kenner der Band ist Wretch ein Muss. Ganz allgemein wird aber jeder, der Metal und harte Rockmusik mag, bei dieser Anschaffung auf seine Kosten kommen. Kaufen. Einlegen. In die Wüste eintauchen und geniessen.