Julie Otsukas 2. Roman "Wovon wir träumten" ist für mich ein wirkliches Highlight in diesem Lesesommer, von unglaublicher sprachlicher Gewalt geschrieben, von atemberaubender Betroffenheit gezeichnet (es meine es wirklich so!) und nicht zuletzt von solch anrührender Qualität, wie man sie lange suchen muss. Jetzt legt die Autorin einen schmalen Roman vor, der von seiner Strahlkraft und seinem sprachlichen Ausdruck eine Ausnahmeerscheinung sondergleichen ist. Die 1962 geborene Amerikanerin mit japanischen Wurzeln, hat für Ihren Zweitling den PEN/Faulkner Award 2012 erhalten. Ihr Erstling
When the Emperor Was Divine ist bis dato nicht übersetzt.
Es ist das Konzentrat, das Otsuka dem Leser verabreicht. Nur wenige Sätze gelesen, hält man den Atem an und denkt, mein Gott, was schreibt die da? Nur ein paar Seiten gelesen und man ist von solch starker berührender Ausdruckskraft im Leserherz getroffen, dass man das Buch für Momente auf die Seite legen muss. Otsuka berührt nicht nur, nein sie erschüttert den Leser in den Grundfesten, konfrontiert mit Schicksal, mit Wahrheit, mit Unausgesprochenem, mit Authentischem, mit Leid das Menschen tatsächlich erlebten, dass man zu schlucken beginnt, weil man auf soviel Kraft des Erzählens nicht vorbereitet ist, schon gar nicht auf die geschilderten Einzelschicksale.
Julie Otsuka schildert das Schicksal auswandernder Japaner Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts nach Amerika, bis hin zum Ausbruch des Krieges 1941, nach dem Angriff auf Pearl Harbour werden alle damals lebenden Japaner umgesiedelt, interniert oder sind selbst geflohen. Otsuka macht den Bogen von anfänglichen Träumen und Hoffnungen, bis hin zum stillen Verschwinden der zurückhaltenden und stillen Japaner. Die Autorin erzählt von Frauen, denen man versprochen hat, dort einen Mann heiraten zu können, mit der Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Sie tut dies in der Wir-Form, als eine Stimme, die die damaligen Frauen vertreten soll. Doch mündet so manches Einzelschicksal, in Tragik und Leid, weil die damaligen Frauen oft andere Männer antrafen, auf zwanzigjährige Fotos eingestellt waren, ohne dass sie es wussten und oftmals nur als Arbeitskraft und Prostituierte angesehen wurden. Insofern ist dieser Roman sicherlich ein Frauenroman, der sich mit der Verletzung des Weiblichen zur damaligen Zeit beschäftigt, aber nicht nur.
Otsuka erzählt von der damaligen Naivität oder besser Nichtwissen: "Gab es immer noch wilder Indianerstämme, die durch die Prärie zogen?", erzählt von der Ernüchterung, die Frauen damals erlebten: "Dass die Fotos die man uns geschickt hatte, zwanzig Jahre alt waren. Dass die Briefe, die man uns geschrieben hatte, von Menschen geschrieben wurden, die nicht unsere Männer waren, sondern professionelle Leute mit schöner Handschrift, deren Beruf es war, Lügen zu erzählen und Herzen zu erobern." Sie erzählt von der sexuellen Ausbeutung:" In jener Nacht nahmen unsere neuen Ehemänner uns schnell. Sie nahmen uns ruhig. Sie nahmen uns sanft, aber fest, und ohne eine Wort zu sagen. Sie glaubten, wir seien die Jungfrauen, die die Heiratsvermittler ihnen versprochen hatten, und sie nahmen uns mit grösster Behutsamkeit. (..) Sie waren sich unserer sicher und glaubten, wir würden alles für sie tun, was von uns verlangt wurde. (..) Sie nahmen uns schnell und immer wieder und die ganze Nacht hindurch, als wir aufwachten, gehörten wir ihnen."
Und sie erzählt von der Ausbeutung als Arbeitskraft:" Wir hörten auf, unseren Müttern zuhause zu schreiben. Wir nahmen ab und wurden dünn. Wir hatten keine Regel mehr. Wir hörten auf zu träumen. Wir hörten auf, uns etwas zu wünschen. Wir arbeiteten einfach, das war alles. Wir schlangen dreimal am Tag unsere Mahlzeiten hinunter, ohne ein Wort mit unseren Männern zu wechseln, sodass wir schnell zurück auf die Felder konnten. (..) Wir machten jeden Abend für sie unsere Beine breit, aber wir waren erschöpft, dass wir oft einschliefen, bevor sie fertig waren. (..) Aber es waren nicht wir, die kochen und putzten und Holz hackten, es war jemand anders. Und oft fiel unseren Männern nicht einmal auf, dass wir verschwunden waren."
Ein Ausnahmeroman, der sehr gut recherchiert ist, auf authentische Vergangenheit zurückgreift und somit zusätzlich diese Neuerscheinung zu etwas ganz Besonderem macht. Julie Otsuka, erzählt von Träumen die platzen, von Realität die ernüchtert, von Erniedrigung und Leid und gleichzeitig ist es keine Anklage, sondern eine Schilderung dessen, wie damals die Menschen versucht haben, ihr Leben mit Würde zu ertragen und zu leben, mit all seinen oftmals unerträglichen entwürdigenden Lebensverläufen. Es ist dieser stille Umgang, mit vielem das als ungerecht empfunden werden kann und auch ist. Es ist das Erschütternde aber auch das sprachlich zum Ausdruck gekommene, dass einen zutiefst treffen kann. Dass, dieses Buch bereits preisgekrönt ist verwundert bei weitem nicht, Julie Otsuka erzählt uns hier eine Geschichte, die so unerhört ist, dass man es kaum glauben kann. Man ist fassungslos und gleichzeitig sehr berührt davon. Die Wertschätzung für solch eine Literatur ist kaum mehr auszudrücken, nur soviel: Unglaublich, wie eine Autorin nur so schreiben kann!
Empfehlung.