Aus der Amazon.de-Redaktion
"Wovon wir reden, wenn wir von Liebe reden" ist nicht nur der bekannteste Titel einer Kurzgeschichte des ausgehenden 20. Jahrhunderts. Er steht auch mittlerweile für eine ganze Ästhetik -- der aufs Wesentliche reduzierte Erzählstil, für den Raymond Carver berühmt wurde. Womöglich viel zu berühmt, könnte man argumentieren -- zumindest was den Nutzen für seine Geschichten angeht. Wie auch die Geschichten von
Ernest Hemingway oder anderer ähnlich geliebter, imitierter, parodierter und geschmähter Schriftsteller, können diese manchmal das Gefühl vermitteln, man lese eine Persiflage. So wirken diverse Anfangssätze wie Türen, die den Weg ins Carver-Reich eröffnen, in dem jeder in einfach deklamatorischen Sätzen spricht, niemand nach einem Bier aufhört, und Versagen und Gewalt die wahren Ergebnisse des amerikanischen Traums sind.
Diese Geschichten bieten sich jedoch wie jedes wirklich wichtige und dauerhafte Werk für eine weitere sorgfältige Lektüre an. Zum einen gehört Carver zu den wenigen Schriftstellern, die Verzweiflung zutiefst komisch erscheinen lassen können. Zum anderen sind die Geschichten trotz ihrer scheinbaren Einfachheit so kunstvoll konstruiert wie Gedichte -- und wie Gedichte können die besten von ihnen unseren Atem ins Stocken geraten lassen. Vieles von dem, was in den Geschichten von Wovon wir reden, wenn wir von Liebe reden passiert, findet außerhalb der eigentlichen Geschichte statt, und wir müssen uns mit den Requisiten der Tragik zufrieden geben: Alkohol, löslicher Kaffee, Möbel aus einer gescheiterten Ehe, Zigaretten, die mitten in der Nacht geraucht werden. Das ist nicht einfach nur eine Sache der Technik. Carter lässt vieles weg, aber das ist lediglich ein Maßstab für die Verletzlichkeit seiner Charaktere -- die Nerven, die von seinen Geschichten blank gelegt werden. Mehr zu sagen, so meint man, würde einfach zu sehr weh tun. --Mary Park
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Buch der 1000 Bücher
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Das Buch der 1000 Bücher (Harenberg Verlag)
Wovon wir reden, wenn wir von Liebe reden
OT What We Talk About When We Talk About LoveOA 1981 DE 1989 Form Kurzgeschichten Epoche Postmoderne
In den 17 Kurzgeschichten dieses Bandes beschreibt Raymond Carver anhand von Alltagssituationen Menschen, die am Rand der amerikanischen Wohlstandsgesellschaft leben oder schon nicht mehr dazugehören. Die Szenarien kommen mit minimalen Handlungselementen aus und lassen Spielräume für Interpretationen.
Entstehung: Wie seine frühen Einzelveröffentlichungen und den Band Würdest du bitte endlich still sein, bitte hat Carvers Lektor Gordon Lish auch die Erzählungen dieses Bandes stark bearbeitet. Die durch ihn vorgenommenen Änderungen sind, wie Fachleute eindeutig nachgewiesen haben, gravierend. So hat Lish Wovon wir reden, wenn wir über Liebe reden um etwa 50% gekürzt. Zehn der markanten offenen Schlüsse stammen von Lish und nicht von Carver. So muss im vorliegenden Fall wohl von einer Gemeinschaftsproduktion von Carver und Lish gesprochen werden.
Inhalt: Menschen, die wissen, dass sie ihr Leben verpfuscht haben und keinen Ausweg mehr finden, sind die Protagonisten in Carvers Kurzprosa. Er schildert Alkoholiker und Einsame, die in Beziehungen leben oder sie hinter sich haben, Ehepaare, deren Kinder aus dem Haus sind und die nebeneinander her leben.
Carver stellt die Menschen in ihrem alltäglichen, auch dem Leser bekannten Umfeld dar: Der Autor präsentiert sie beim Kauf gebrauchter Möbel (Warum tanzt ihr nicht?), beim gemeinsamen Betrinken (Pavillion), einer Begegnung im Vorgarten bei der nächtlichen Jagd auf Schnecken (Ich konnte die kleinsten Dinge erkennen), bei einem Gespräch zweier Paare über die Liebe (Wovon wir reden, wenn wir über Liebe reden), einem Angelausflug, bei dem eine nackte Mädchenleiche gefunden wird (So viel Wasser so nah bei uns). Aber auch Mord, Krankheit, die Tragödien des Alltags, Entfremdungen und Existenzangst sind immer wiederkehrende Themen der Kurzgeschichten.
Aufbau: Die Erzählungen folgen dem für amerikanische Kurzgeschichten typischen Muster. Zu Anfang führen sie den Leser mitten in das Geschehen, das mit knappen, kurzen Sätzen in einfacher Sprache beschrieben wird. Ebenso typisch für das Genre ist das offene Ende. Die schnörkellose Sprache erinnert an Klassiker der Short Story wie z. B. Ernest R Hemingway.
Die Erzählungen bestehen zu einem Großteil aus Dialogen oder Monologen einer Erzählerfigur. Fast immer schlägt die Verständigung dabei fehl. Laufende Fernseher, Schnellrestaurants und Waschsalons bilden den Hintergrund für die letztendlich hoffnungslosen Figuren, die stets mit großer Sympathie und Ernsthaftigkeit beschrieben werden.
Wirkung: Nachdem der literarische Durchbruch mit dem ersten Erzählungsband bereits gelungen war, stellte Worüber wir reden, wenn wir von Liebe reden 1981 den literarischen und wirtschaftlichen Erfolg Carvers auf eine breite Basis. Von der Literaturwissenschaft wird der Autor als hervorragender Vertreter der Schule des Minimalismus gefeiert. 1993 drehte Robert Altman (*1925) den Film Short Cuts nach verschiedenen Erzählungen Carvers, von denen zwei aus diesem Band stammen. St. N.
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.