Pressestimmen
"Erschreckend, fesselnd, lehrreich." (FAZ)
"Wenn es überhaupt Hoffnung auf ein Ende der Gewalt gibt, dann vielleicht durch Bücher wie dieses." (Brigitte)
"Der Westen ist eindrücklich gewarnt: Die islamistische Gewalt kennt keine Grenzen. Ihre Mechanismen zu durchbrechen ruft Khadra in seinen Büchern auf." (Saarbrücker Zeitung)
"Kein Film, kein Zeitungsartikel kann uns ein Land so dramatisch nahebringen." (Elke Heidenreich)
"Wenn es überhaupt Hoffnung auf ein Ende der Gewalt gibt, dann vielleicht durch Bücher wie dieses." (Brigitte)
"Der Westen ist eindrücklich gewarnt: Die islamistische Gewalt kennt keine Grenzen. Ihre Mechanismen zu durchbrechen ruft Khadra in seinen Büchern auf." (Saarbrücker Zeitung)
"Kein Film, kein Zeitungsartikel kann uns ein Land so dramatisch nahebringen." (Elke Heidenreich)
Kurzbeschreibung
Yasmina Khadra: Der Roman über die Tragödie unserer Zeit In neun Sprachen übersetzt Ein hochbrisanter politischer und poetischer Roman: Yasmina Khadra, ehemaliger Offizier der algerischen Armee, schildert den blutigen Abstieg eines sensiblen, sympathischen Jungen vom Taxifahrer zum Killer der Bewaffneten Islamischen Gruppe. Yasmina Khadra ist das Pseudonym des 1955 geborenen algerischen Autors Mohammed Moulessehoul. Bis 2000 hoher Offizier der algerischen Armee, lebt seit 2001 mit seiner Familie im Exil in Frankreich.
Autorenportrait
Yasmina Khadra (Pseudonym) ist Schriftstellerin und lebt in Algier. Sie erfand die Figur des Commissaire Llob, den Helden von fünf Kriminalromanen, deren letzte drei in Frankreich herauskamen und eine Einheit bilden, eine Trilogie zum Thema Bürgerkrieg und seiner Hintergründe. Vorher und nachher veröffentlichte sie weitere Romane. Zur Trilogie, die mit Morituri beginnt, schreibt Yasmina Khadra: "Die Trilogie will eine möglichst getreue Analyse der Tragödie sein, die mein Land erschüttert."
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Auszug aus Wovon die Wölfe träumen von Yasmina Khadra, Regina Keil-Sagawe, Regina Keil- Sagawe, Mohammed Moulessehoul. Copyright © 2003. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Warum ist er mir nicht in den Arm gefallen, der Erzengel Gabriel, als ich mich
daranmachte, dem fieberheißen Baby die Kehle durchzuschneiden? Wo ich doch mit aller
Kraft glaubte, daß meine Klinge es nie wagen würde, diesem zerbrechlichen Hals zu nahe zu
kommen, der kaum stärker als das Handgelenk eines Dreijährigen war. An jenem Abend
schien der Regen den gesamten Erdball verschlingen zu wollen. Der Himmel war in Aufruhr.
Lange wartete ich, daß der Donner meine Hand von ihrem Kurs abbringen, ein Blitz mich
erlösen würde aus der Umnachtung, in der ich befangen war, ich, der ich überzeugt war, auf
die Welt gekommen zu sein, um zu gefallen und zu verführen, der ich davon träumte, die
Herzen allein durch mein Talent zu gewinnen. Der Fahrer holte mich unsanft aus meinen
Träumen. »Bringst du mir ein Stück mit?« »Wie bitte?« »Ob du mir ein Stück mitbringst.«
»Ein Stück wovon?« »Vom Mond. Ich versuche schon die ganze Zeit, zu dir
durchzukommen, ist aber unmöglich, dich von deiner Wolke runterzuholen.« »Entschuldige.«
Er stellte das Radio leiser. Seine grobe, behaarte Hand plumpste auf mein Knie. »Mach dir
keine Sorgen, mein Junge. Es wird schon klappen ... Ist es das erste Mal, daß du in besseren
Kreisen arbeitest?« »Ja.« »Verstehe.« Er überholte einen Laster und gab noch einmal Gas.
Der Wind wirbelte ein paar einsame Haarsträhnen auf, die sich mühten, seine Glatze zu
verdecken. Er war stämmig, mit einem Schmerbauch bis auf die Knie, und irgendwie wirkte
er, als fühle er sich in seinem verschlissenen Anzug nicht so recht wohl. Ein Bauer im
Sonntagsstaat, dem die zerknitterte Krawatte einen zusätzlichen Hauch Pathos verlieh. »Am
Anfang schwimmt man eher«, vertraute er mir an. »Aber irgendwann kriegt man festen Boden
unter die Füße und tastet sich vorwärts. Die Reichen sind nicht wirklich so schlimm, wie man
sagt. Es kommt schon vor, daß ihr Vermögen sie manchmal abheben läßt, aber den Kopf, den
behalten sie immer fest auf den Schultern.« Er deutete auf ein elfenbeinernes Kästchen auf
dem Armaturenbrett. »Sind amerikanische Zigaretten drin. Gehören dem Chef, aber der
nimmt's nicht so genau.« »Vielen Dank. Ich versuche gerade, mir das Rauchen
abzugewöhnen.« Er nickte und verringerte das Tempo, bog in einen Zubringer ein und
gelangte auf die Umgehungsstraße. Vor uns, weit vom Schmutz und Gesudel des Alltags
entfernt, begann der Olymp von Algier seine Pracht zu entfalten wie eine Odaliske, die sich
zu Füßen ihres Sultans entkleidet. »Ich heiße Bouamrane. In der Agentur nennen sie mich
Adel. Klingt angeblich nicht so bäurisch.« »NafaWalid.« »Also, Nafa, hör zu, wenn du dich
auf ihr Spiel einläßt, dann bringst du es weit bei dieser Bande von Snobs. In weniger als drei
Jahren kannst du deine eigene Gesellschaft gründen. Unser Direktor hat selbst als Mädchen
für alles bei hochgestellten Leuten angefangen. Heute steht er seinen ehemaligen Herrschaften
in nichts nach. Er fährt einen Mercedes, hat ein gutgepolstertes Bankkonto und eine Villa
gleich da drüben hinter dem Hügel. Einmal die Woche geht er ins Büro. Den Rest der Zeit
kutschiert er durch die Weltgeschichte und tätschelt seinen Taschenrechner.« »Warum spielst
du nicht auch dieses Spiel, wenn du ihm eines Tages in nichts nachstehen willst.« Er blies die
Backen auf und schüttelte resigniert den Kopf. »Ist nicht dasselbe. Ich bin vierzig, mit sieben
Kindern geschlagen und vom Pech verfolgt. Rein optisch hat die Natur mich nicht gerade
verwöhnt. Und die Optik ist so wichtig für die Kontakte. Wenn du nicht auf den ersten Blick
gefällst, holst du das nie wieder rein ... Es gibt eben Leute, die sind so beschaffen«, fügte er
nahezu philosophisch hinzu. »Hat keinen Sinn, sich gegen sein Schicksal aufzulehnen. Wer
höher furzen will, als ihm der Hintern hängt, fällt am Ende nur auf die Nase ...« Der Wagen
entzog sich nach und nach dem Gewimmel der Elendsviertel, schwang sich auf die Autobahn,
umrundete einen Hügel und landete in einem kleinen Stück vom Paradies: tadellose Straßen
und Gehwege, so breit wie Esplanaden und von stolzen Palmen gesäumt. Die Straßen waren
menschenleer, frei von den Horden rotz-näsiger Bengel, welche die Plage der übervölkerten
Stadtteile sind. Nicht einmal einen Lebensmittelladen gab es, oder auch nur einen Kiosk.
Schweigsame Villen hinter hohen Hecken wandten uns den Rücken zu, als ob sie Wert darauf
legten, sich vom Rest der Welt abzusondern und verschont zu bleiben vom Krebsschaden
eines Landes, das unablässig weiter zerfiel. »Herzlich willkommen in Beverly Hills«, flüsterte
der Fahrer mir zu. Die Residenz der Familie Raja lag vor mir wie ein Feentraum,
blendendweiß im Sonnenlicht, mit einem Swimmingpool aus blauem Marmor und
steingepflasterten Innenhöfen, die man von der Straße aus einsehen konnte, und mitten in
diesem Garten Eden erhob sich, einer Gottheit gleich, die über soviel Schönheit wacht, ein
Palast wie aus Tausendundeiner Nacht. Der Fahrer setzte mich vor einem schmiedeeisernen
Tor ab. Schlagartig verschwand seine Biederkeit, und der Anflug eines bitteren Lächelns
erschien um seine Mundwinkel. Er blickte auf den Reichtum der anderen, der ihn umzingelte,
kriegerisch, uneinnehmbar, und der so schwer auf ihm zu lasten schien, daß seine Schultern
sich krümmten. Sein Blick trübte sich, und in seinen Augen stand plötzlich kalte
Feindseligkeit. Einen Moment lang dachte ich schon, er verübele es mir, daß ich nicht mit ihm
zurückkehren konnte in den Krakeel und den Gestank der einfachen Viertel. »Wenn du mal
einen Ersatzmann brauchst, du weißt ja, wo du mich finden kannst«, sagte er ohne große
Überzeugung. Ich nickte bloß. Der Wagen verschwand rasch um die nächste Kurve. Hinter
mir begannen zwei furchterregende Dobermänner sich die Kehle aus dem Hals zu bellen.
daranmachte, dem fieberheißen Baby die Kehle durchzuschneiden? Wo ich doch mit aller
Kraft glaubte, daß meine Klinge es nie wagen würde, diesem zerbrechlichen Hals zu nahe zu
kommen, der kaum stärker als das Handgelenk eines Dreijährigen war. An jenem Abend
schien der Regen den gesamten Erdball verschlingen zu wollen. Der Himmel war in Aufruhr.
Lange wartete ich, daß der Donner meine Hand von ihrem Kurs abbringen, ein Blitz mich
erlösen würde aus der Umnachtung, in der ich befangen war, ich, der ich überzeugt war, auf
die Welt gekommen zu sein, um zu gefallen und zu verführen, der ich davon träumte, die
Herzen allein durch mein Talent zu gewinnen. Der Fahrer holte mich unsanft aus meinen
Träumen. »Bringst du mir ein Stück mit?« »Wie bitte?« »Ob du mir ein Stück mitbringst.«
»Ein Stück wovon?« »Vom Mond. Ich versuche schon die ganze Zeit, zu dir
durchzukommen, ist aber unmöglich, dich von deiner Wolke runterzuholen.« »Entschuldige.«
Er stellte das Radio leiser. Seine grobe, behaarte Hand plumpste auf mein Knie. »Mach dir
keine Sorgen, mein Junge. Es wird schon klappen ... Ist es das erste Mal, daß du in besseren
Kreisen arbeitest?« »Ja.« »Verstehe.« Er überholte einen Laster und gab noch einmal Gas.
Der Wind wirbelte ein paar einsame Haarsträhnen auf, die sich mühten, seine Glatze zu
verdecken. Er war stämmig, mit einem Schmerbauch bis auf die Knie, und irgendwie wirkte
er, als fühle er sich in seinem verschlissenen Anzug nicht so recht wohl. Ein Bauer im
Sonntagsstaat, dem die zerknitterte Krawatte einen zusätzlichen Hauch Pathos verlieh. »Am
Anfang schwimmt man eher«, vertraute er mir an. »Aber irgendwann kriegt man festen Boden
unter die Füße und tastet sich vorwärts. Die Reichen sind nicht wirklich so schlimm, wie man
sagt. Es kommt schon vor, daß ihr Vermögen sie manchmal abheben läßt, aber den Kopf, den
behalten sie immer fest auf den Schultern.« Er deutete auf ein elfenbeinernes Kästchen auf
dem Armaturenbrett. »Sind amerikanische Zigaretten drin. Gehören dem Chef, aber der
nimmt's nicht so genau.« »Vielen Dank. Ich versuche gerade, mir das Rauchen
abzugewöhnen.« Er nickte und verringerte das Tempo, bog in einen Zubringer ein und
gelangte auf die Umgehungsstraße. Vor uns, weit vom Schmutz und Gesudel des Alltags
entfernt, begann der Olymp von Algier seine Pracht zu entfalten wie eine Odaliske, die sich
zu Füßen ihres Sultans entkleidet. »Ich heiße Bouamrane. In der Agentur nennen sie mich
Adel. Klingt angeblich nicht so bäurisch.« »NafaWalid.« »Also, Nafa, hör zu, wenn du dich
auf ihr Spiel einläßt, dann bringst du es weit bei dieser Bande von Snobs. In weniger als drei
Jahren kannst du deine eigene Gesellschaft gründen. Unser Direktor hat selbst als Mädchen
für alles bei hochgestellten Leuten angefangen. Heute steht er seinen ehemaligen Herrschaften
in nichts nach. Er fährt einen Mercedes, hat ein gutgepolstertes Bankkonto und eine Villa
gleich da drüben hinter dem Hügel. Einmal die Woche geht er ins Büro. Den Rest der Zeit
kutschiert er durch die Weltgeschichte und tätschelt seinen Taschenrechner.« »Warum spielst
du nicht auch dieses Spiel, wenn du ihm eines Tages in nichts nachstehen willst.« Er blies die
Backen auf und schüttelte resigniert den Kopf. »Ist nicht dasselbe. Ich bin vierzig, mit sieben
Kindern geschlagen und vom Pech verfolgt. Rein optisch hat die Natur mich nicht gerade
verwöhnt. Und die Optik ist so wichtig für die Kontakte. Wenn du nicht auf den ersten Blick
gefällst, holst du das nie wieder rein ... Es gibt eben Leute, die sind so beschaffen«, fügte er
nahezu philosophisch hinzu. »Hat keinen Sinn, sich gegen sein Schicksal aufzulehnen. Wer
höher furzen will, als ihm der Hintern hängt, fällt am Ende nur auf die Nase ...« Der Wagen
entzog sich nach und nach dem Gewimmel der Elendsviertel, schwang sich auf die Autobahn,
umrundete einen Hügel und landete in einem kleinen Stück vom Paradies: tadellose Straßen
und Gehwege, so breit wie Esplanaden und von stolzen Palmen gesäumt. Die Straßen waren
menschenleer, frei von den Horden rotz-näsiger Bengel, welche die Plage der übervölkerten
Stadtteile sind. Nicht einmal einen Lebensmittelladen gab es, oder auch nur einen Kiosk.
Schweigsame Villen hinter hohen Hecken wandten uns den Rücken zu, als ob sie Wert darauf
legten, sich vom Rest der Welt abzusondern und verschont zu bleiben vom Krebsschaden
eines Landes, das unablässig weiter zerfiel. »Herzlich willkommen in Beverly Hills«, flüsterte
der Fahrer mir zu. Die Residenz der Familie Raja lag vor mir wie ein Feentraum,
blendendweiß im Sonnenlicht, mit einem Swimmingpool aus blauem Marmor und
steingepflasterten Innenhöfen, die man von der Straße aus einsehen konnte, und mitten in
diesem Garten Eden erhob sich, einer Gottheit gleich, die über soviel Schönheit wacht, ein
Palast wie aus Tausendundeiner Nacht. Der Fahrer setzte mich vor einem schmiedeeisernen
Tor ab. Schlagartig verschwand seine Biederkeit, und der Anflug eines bitteren Lächelns
erschien um seine Mundwinkel. Er blickte auf den Reichtum der anderen, der ihn umzingelte,
kriegerisch, uneinnehmbar, und der so schwer auf ihm zu lasten schien, daß seine Schultern
sich krümmten. Sein Blick trübte sich, und in seinen Augen stand plötzlich kalte
Feindseligkeit. Einen Moment lang dachte ich schon, er verübele es mir, daß ich nicht mit ihm
zurückkehren konnte in den Krakeel und den Gestank der einfachen Viertel. »Wenn du mal
einen Ersatzmann brauchst, du weißt ja, wo du mich finden kannst«, sagte er ohne große
Überzeugung. Ich nickte bloß. Der Wagen verschwand rasch um die nächste Kurve. Hinter
mir begannen zwei furchterregende Dobermänner sich die Kehle aus dem Hals zu bellen.