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Wovon die Wölfe träumen
 
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Wovon die Wölfe träumen [Gebundene Ausgabe]

Yasmina Khadra , Mohammed Moulessehoul
4.4 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (10 Kundenrezensionen)

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Produktbeschreibungen

Kurzbeschreibung

"Ich habe meinen ersten Mann am Mittwoch, dem 12. Januar 1994, morgens um 7 Uhr 35 getötet. Er war Anwalt..." Nafa Walid, Sohn eines kleinen Eisenbahners aus der Kasbah von Algier, ist ein sympathischer Junge, der davon träumt, Schauspieler zu werden. Aber der Traum zerschlägt sich, und Nafa wird Chauffeur bei der einflußreichen Familie Raja, die eine luxuriöse Villa in den Nobelvororten von Algier bewohnt. Als im Bett des Raja-Sohnes ein junges Mädchen an einer Überdosis Heroin stirbt, macht dieser ihn zu seinem Zeugen und zwingt ihn, die Tote noch in derselben Nacht zu verscharren, nachdem ihr Gesicht und ihr Körper bis zur Unkenntlichkeit entstellt wurden.

Dieses traumatische Erlebnis stürzt Nafa in tiefe Verzweiflung, er vergräbt sich, sucht Trost in der Religion, ein fanatischer Islamist vermittelt ihm einen ersten Kontakt zum Imam. Er will den Raja-Sohn des Mordes anklagen, muß aber erfahren, daß er gegen die vermögende und mit der Wirtschafts- und Politprominenz des Landes verbundene Familie keine Chance hat. Tief resigniert, willigt er schließlich ein, Fahrer für die Fundamentalisten zu werden. Was folgt, ist der langsame, stufenlose Abstieg in die Hölle -- durch äußere Gewalt und durch eigene schuldhafte Verstrickung.

In seinem hochdramatischen Roman schildert Yasmina Khadra die Metamorphose eines unbescholtenen jungen Mannes zum Killer der GIA, der Bewaffeneten Islamischen Gruppen, die Algerien in eine blutige Tragödie stürzten.

Autorenportrait

Yasmina Khadra (Pseudonym) ist Schriftstellerin und lebt in Algier. Sie erfand die Figur des Commissaire Llob, den Helden von fünf Kriminalromanen, deren letzte drei in Frankreich herauskamen und eine Einheit bilden, eine Trilogie zum Thema Bürgerkrieg und seiner Hintergründe. Vorher und nachher veröffentlichte sie weitere Romane. Zur Trilogie, die mit Morituri beginnt, schreibt Yasmina Khadra: "Die Trilogie will eine möglichst getreue Analyse der Tragödie sein, die mein Land erschüttert."

Auszug aus Wovon die Wölfe träumen von Yasmina Khadra, Mohammed Moulessehoul. Copyright © 2002. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Warum ist er mir nicht in den Arm gefallen, der Erzengel Gabriel, als ich mich daranmachte, dem fieberheißen Baby die Kehle durchzuschneiden? Wo ich doch mit aller Kraft glaubte, daß meine Klinge es nie wagen würde, diesem zerbrechlichen Hals zu nahe zu kommen, der kaum stärker als das Handgelenk eines Dreijährigen war. An jenem Abend schien der Regen den gesamten Erdball verschlingen zu wollen. Der Himmel war in Aufruhr. Lange wartete ich, daß der Donner meine Hand von ihrem Kurs abbringen, ein Blitz mich erlösen würde aus der Umnachtung, in der ich befangen war, ich, der ich überzeugt war, auf die Welt gekommen zu sein, um zu gefallen und zu verführen, der ich davon träumte, die Herzen allein durch mein Talent zu gewinnen. Der Fahrer holte mich unsanft aus meinen Träumen. "Bringst du mir ein Stück mit?" "Wie bitte?" "Ob du mir ein Stück mitbringst." "Ein Stück wovon?" "Vom Mond. Ich versuche schon die ganze Zeit, zu dir durchzukommen, ist aber unmöglich, dich von deiner Wolke runterzuholen." "Entschuldige." Er stellte das Radio leiser. Seine grobe, behaarte Hand plumpste auf mein Knie. "Mach dir keine Sorgen, mein Junge. Es wird schon klappen ... Ist es das erste Mal, daß du in besseren Kreisen arbeitest?" "Ja." "Verstehe." Er überholte einen Laster und gab noch einmal Gas. Der Wind wirbelte ein paar einsame Haarsträhnen auf, die sich mühten, seine Glatze zu verdecken. Er war stämmig, mit einem Schmerbauch bis auf die Knie, und irgendwie wirkte er, als fühle er sich in seinem verschlissenen Anzug nicht so recht wohl. Ein Bauer im Sonntagsstaat, dem die zerknitterte Krawatte einen zusätzlichen Hauch Pathos verlieh. "Am Anfang schwimmt man eher", vertraute er mir an. "Aber irgendwann kriegt man festen Boden unter die Füße und tastet sich vorwärts. Die Reichen sind nicht wirklich so schlimm, wie man sagt. Es kommt schon vor, daß ihr Vermögen sie manchmal abheben läßt, aber den Kopf, den behalten sie immer fest auf den Schultern." Er deutete auf ein elfenbeinernes Kästchen auf dem Armaturenbrett. "Sind amerikanische Zigaretten drin. Gehören dem Chef, aber der nimmt's nicht so genau." "Vielen Dank. Ich versuche gerade, mir das Rauchen abzugewöhnen." Er nickte und verringerte das Tempo, bog in einen Zubringer ein und gelangte auf die Umgehungsstraße. Vor uns, weit vom Schmutz und Gesudel des Alltags entfernt, begann der Olymp von Algier seine Pracht zu entfalten wie eine Odaliske, die sich zu Füßen ihres Sultans entkleidet. "Ich heiße Bouamrane. In der Agentur nennen sie mich Adel. Klingt angeblich nicht so bäurisch." "NafaWalid." "Also, Nafa, hör zu, wenn du dich auf ihr Spiel einläßt, dann bringst du es weit bei dieser Bande von Snobs. In weniger als drei Jahren kannst du deine eigene Gesellschaft gründen. Unser Direktor hat selbst als Mädchen für alles bei hochgestellten Leuten angefangen. Heute steht er seinen ehemaligen Herrschaften in nichts nach. Er fährt einen Mercedes, hat ein gutgepolstertes Bankkonto und eine Villa gleich da drüben hinter dem Hügel. Einmal die Woche geht er ins Büro. Den Rest der Zeit kutschiert er durch die Weltgeschichte und tätschelt seinen Taschenrechner." "Warum spielst du nicht auch dieses Spiel, wenn du ihm eines Tages in nichts nachstehen willst." Er blies die Backen auf und schüttelte resigniert den Kopf. "Ist nicht dasselbe. Ich bin vierzig, mit sieben Kindern geschlagen und vom Pech verfolgt. Rein optisch hat die Natur mich nicht gerade verwöhnt. Und die Optik ist so wichtig für die Kontakte. Wenn du nicht auf den ersten Blick gefällst, holst du das nie wieder rein ... Es gibt eben Leute, die sind so beschaffen", fügte er nahezu philosophisch hinzu. "Hat keinen Sinn, sich gegen sein Schicksal aufzulehnen. Wer höher furzen will, als ihm der Hintern hängt, fällt am Ende nur auf die Nase ..." Der Wagen entzog sich nach und nach dem Gewimmel der Elendsviertel, schwang sich auf die Autobahn, umrundete einen Hügel und landete in einem kleinen Stück vom Paradies: tadellose Straßen und Gehwege, so breit wie Esplanaden und von stolzen Palmen gesäumt. Die Straßen waren menschenleer, frei von den Horden rotznäsiger Bengel, welche die Plage der übervölkerten Stadtteile sind. Nicht einmal einen Lebensmittelladen gab es, oder auch nur einen Kiosk. Schweigsame Villen hinter hohen Hecken wandten uns den Rücken zu, als ob sie Wert darauf legten, sich vom Rest der Welt abzusondern und verschont zu bleiben vom Krebsschaden eines Landes, das unablässig weiter zerfiel. "Herzlich willkommen in Beverly Hills", flüsterte der Fahrer mir zu. Die Residenz der Familie Raja lag vor mir wie ein Feentraum, blendendweiß im Sonnenlicht, mit einem Swimmingpool aus blauem Marmor und steingepflasterten Innenhöfen, die man von der Straße aus einsehen konnte, und mitten in diesem Garten Eden erhob sich, einer Gottheit gleich, die über soviel Schönheit wacht, ein Palast wie aus Tausendundeiner Nacht. Der Fahrer setzte mich vor einem schmiedeeisernen Tor ab. Schlagartig verschwand seine Biederkeit, und der Anflug eines bitteren Lächelns erschien um seine Mundwinkel. Er blickte auf den Reichtum der anderen, der ihn umzingelte, kriegerisch, uneinnehmbar, und der so schwer auf ihm zu lasten schien, daß seine Schultern sich krümmten. Sein Blick trübte sich, und in seinen Augen stand plötzlich kalte Feindseligkeit. Einen Moment lang dachte ich schon, er verübele es mir, daß ich nicht mit ihm zurückkehren konnte in den Krakeel und den Gestank der einfachen Viertel. "Wenn du mal einen Ersatzmann brauchst, du weißt ja, wo du mich finden kannst", sagte er ohne große Überzeugung. Ich nickte bloß. Der Wagen verschwand rasch um die nächste Kurve. Hinter mir begannen zwei furchterregende Dobermänner sich die Kehle aus dem Hals zu bellen.
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