...und Worte sind immer noch Zauber. Wie werden Sie das bemerken?
Nun - eine ganz einfache Möglichkeit ist: Sie haben dieses Buch gelesen, es jetzt vor sich liegen, und Steve de Shazer hat Sie überzeugt, dass Freud, dessen Zitat „Worte waren ursprünglich Zauber" den Titel dieses Buches liefert, erwiesenermaßen unrecht hat, denn Worte sind ganz zweifellos immer noch Zauber.
Jedenfalls, wenn man sie textfokussiert liest. Und wenn man sich in den davor liegenden Kapiteln dem Autor für eine Reise durch die Therapiegeschichte anvertraut, um zu erleben, warum das so ist: Beginnend bei Freud und seinen einzig wahren, wissenschaftlichen Geschichten, über Jackson, Bateson und Haley mit ihren Geschichten aus der systemisch-strukturalistischen Perspektive weiter zu Erickson mit seinen völlig unwissenschaftlichen, dafür aber umso zauberhafteren „Lehrgeschichten", in denen jeder das erkennt, was er selbst für seine Zielerreichung braucht, um schließlich mit de Shazer an der Oberfläche der Probleme aufzutauchen. Dort, wo die erfolgsrelevanten Fäden aller therapeutischen Schulen zusammenlaufen, wie er nicht gerade leicht überblickbar und doch überzeugend darlegt - in seiner eigenen Schule, systemisch-lösungsorientierte Kurztherapie oder Kurzzeit-Beratung, die für Therapie und persönliches Coaching, vom Business-Coaching bis zum 50plus-Coaching, immer mehr Bedeutung gewinnt.
In dieser seiner Welt spielen selbst vermeintliche Zufälle und Ausnahmen immer wieder eine Schlüsselrolle, bewusst wird die Sprache der Klienten „kreativ missverstanden", um ihnen Alternativen für die Neukonstruktion ihrer Wirklichkeit anzubieten, vom ersten bis zum letzten Satz wird darauf geachtet, Problemsprache gegen Lösungssprache auszutauschen. Das textfokussierte Lesen, die Beschränkung auf die wahrnehmbare Oberfläche aller Aussagen, ist das Instrument dazu - im Gegensatz zum leserfokussierten Lesen, in dem Therapeut oder persönlicher Coach primär die Übereinstimmung mit ihrer eigenen Welt testen. Und mit all dem gewinnt die systemisch-lösungsorientierte Kurzzeit-Beratung den ersehnten widerstandsfreien Zugang zu den Klienten, sie sehen sich in ihrer Welt konfliktfrei und ohne Dramadynamik verstanden, ja, sehen diese Welt mit Steve de Shazer als ihre ureigene Welt an. Und sie erfinden darin kreativ ihre eigenen Lösungen, um sie dann als Teil ihrer Persönlichkeitsentwicklung generativ auf andere Situationen anwenden zu lernen.
Das alles wird nach dem ersten (Theorie-) Teil im zweiten (Praxis-) Teil anhand z.T. sehr ausführlicher Gesprächs-Transskripte auch praktisch vorgezeigt, immer hilfreich und im allgemeinen auch angemessen kommentiert. Nicht immer allerdings sind die Kommentare ausreichend - so etwa im letzten Kapitel (über einen Alkoholismus-Fall), das geradezu abrupt und ohne jeden Hinweis auf den späteren Verlauf des Therapieprozesses endet.
Dieses Buch zeigt Steve de Shazer auf dem bisherigen Höhepunkt seines Schaffens, im Glanz seiner Kreativität, und der Leser wird für seine Geduld mit dem sehr gereiften Theorieteil (anders als noch in seinem dritten Buch, „das Spiel mit Unterschieden") auch durch Verständnis und Einsicht reich belohnt.
Offen bleibt die Frage, ob auch noch substantielle Fortschritte in der Systematik seiner Vorgangsweise erwartet werden dürfen. Denn hier liegt nach wie vor die (vielleicht letzte) Schwachstelle in de Shazers Werk und so auch dieses mittlerweile vierten Buches: nach einem durchaus gelungenen, wenn auch halbherzigen Versuch in seinem zweiten Buch („der Dreh") ist seither hinsichtlich einer Systematisierung seiner Strategie für breite Leserkreise nichts Wesentliches mehr geschehen. Und das ist schade, denn im Gegensatz zum Klappentext bin ich nicht der Meinung, dass sich das vorliegende Buch besonders für Einsteiger eignet. Dafür fehlt eben genau jener Überblick, den der Einsteiger braucht, um sich in dieser Zauberwelt zurechtzufinden. Um das zu erreichen wird es auch weiterhin nicht ohne die Lektüre zumindest eines der ersten beiden Bücher de Shazers gehen (das erste war „Wege der erfolgreichen Kurztherapie").
Und doch - der Zauber seiner Worte ist es Wert, meine ich, und der Zauber der Worte in Therapie und Coaching erst recht. Und dann wird vielleicht wirklich ein Wunder geschehen. Zunächst für Sie als Therapeut oder persönlicher Coach, danach wohl auch für Ihre Klienten. Sie haben es verdient.