Wenn im 3. Satz von Zemlinskys Lyrischer Symphonie der Bariton zu den Worten Du bist mein Eigen, mein Eigen" ein äußerst inniges Motiv anstimmt, überläuft den wissenden Hörer eine wahre Gänsehaut, hört er in diesem Motiv doch unmittelbar auch dessen Zitat in Bergs Meisterwerk anklingen, der Lyrischen Suite für Streichquartett, die in verschlüsselter Form eine ausführliche und genaue Beschreibung der tragischen Liebesbegegnung zwischen Alban Berg und Hanna Fuchs enthält. Der allzu karge Begleittext erwähnt nur das Zitat als solches und hätte auf den Hintergrund, der jahrzehntelang ein Geheimnis blieb, durchaus näher eingehen können. Übrigens geht die innere Beziehung zwischen den beiden Werken, wie Constantin Floros nachgewiesen hat, weit über das erwähnte isolierte Zitat hinaus.
Wiederum geht Michael Gielen ungewohnte (doch naheliegende) Wege, indem er Zemlinskys nahezu unbekanntes Werk der Streichorchesterfassung von Alban Bergs Quartett gegenüber stellt. Diese Orchesterfassung enthält allerdings nur die drei Kernsätze der Suite. Die Lyrische Symphonie von Zemlinsky klingt dabei noch sehr nach Fin de Siecle, erstaunlich angesichts des Entstehungsjahrs 1923, und bleibt in der Klangwelt von Mahlers Lied von der Erde und Richard Strauss befangen. Die eindringlichen Liebesgedichte von Tagore werden von den Gesangssolisten hervorragend (und auch textverständlich) interpretiert. Während die Symphonie noch längere idyllische Passagen enthält und friedvoll auf einem wunderbar schwebenden Akkord endet - die Liebenden nehmen die Trennung in gelassener Ergebung hin - führt die Bergsche Suite mitten hinein in ein Seelendrama, in tragische Verstrickung. Das Adagio appassionato endet in düsterer Verzweiflung.
Michael Gielen führt das prächtige Orchester in der Lyrischen Symphonie gewohnt sensibel mit Sinn für die übergreifende Form. Die Suite dagegen erscheint dem Rezensenten nicht sonderlich gelungen. Es fehlt ein wesentliches Ingredienz Bergscher Musik, nämlich die Süße, die sich in seine allgegenwärtige Todverfallenheit mischt (und damit das innere Doppelleben des Komponisten spiegelt). Ob es an dem stumpfen Orchesterklang liegt oder daran, dass manches einfach nicht kantabel wirkt, nicht ausgesungen?
Befriedigender, aber immer noch eher gediegen als sensationell, gelingen Bergs extrem kurze Orchesterlieder op. 4. Bei der Uraufführung 1913 riefen sie einen der großen Konzertskandale hervor. In der Tat wirkt die tiefe seelische Gebrochenheit, die aus den Texten spricht, auch heute noch verstörend. Im Klang des großen Orchesters klaffen gewaltige Lücken, aus denen gewissermaßen das drohende Nichts herausspringt. Der Hörer ist also vorgewarnt. Doch zum Trost sei es ihm gesagt, der rätselhafte Alban Berg war Wiener und seine Musik ist letztlich, wie die Österreicher sagen: verzweifelt, aber nicht (ganz) ernstgemeint.