„Work-Life-Balance" ist ein neumodischer Begriff für ein nicht ganz so neues Problem: Privatleben und Arbeit in ein ausgewogenes Verhältnis zu bringen. Allerdings, so die Gesellschaftswissenschaftler, sei ein solches Gleichgewicht heute vor dem Hintergrund zunehmender Veränderungen in Familie und Beruf immer schwerer zu erreichen. Die traditionelle Familienform gehört heute weitgehend der Vergangenheit an. In ihr ging ein Partner, in der Regel der Mann, einer ganztägigen Erwerbsarbeit nach, und der andere Partner, in der Regel die Frau, ging allenfalls einer erwerbstätigen Teilzeitbeschäftigung nach und stand somit den größten Teil des Tages den übrigen Familienmitgliedern zur Erfüllung derer Bedürfnisse zur Verfügung. Aber auch die Berufswelt verändert sich rapide. Stichworte wie Flexibilisierung der Arbeitszeiten und berufliche Mobilität weisen auf eine höhere Anpassungsbereitschaft an die Arbeitswelt und auf die Vernachlässigung der individuellen und familiären Wünsche und Vorstellungen hin.
Soziologinnen und Soziologen bezeichnen diese Veränderungen mit dem Begriff Entgrenzung. Hiermit soll nicht ein grenzenloser sozialer Wandel beschrieben werden, sondern vielmehr wird darauf verwiesen, dass alte Grenzen heute an Bedeutung verlieren und neue noch nicht genau erkennbar sind. Die sozialwissenschaftliche Forschung hat sich zur Aufgabe gestellt, die Auswirkungen der Veränderungen in Familie und Beruf und die sich hieraus - auch aus ihren Wechselwirkungen - ergebenen Konsequenzen für die Familie näher zu untersuchen. Wenn es weiterhin in unserer Gesellschaft als wichtig angesehen werde, Familie als ganzes leben zu können, dann sei ein Kernbestand an verlässlichen Familienzeiten unabdingbar. Um dieses zu erreichen, sei seitens der Familienmitglieder ein hoher Organisations- und Abstimmungsbedarf erforderlich, und an die Politik und die Tarifparteien wird die Forderung gerichtet, ihren spezifischen diesbezüglichen Gestaltungsmöglichkeiten nachzukommen. Die gegenwärtig viel diskutierte Studie „Keine Zeit. Wenn die Firma zum Zuhause wird und zu Hause nur Arbeit wartet" von der amerikanischen Soziologin Arlie Russell Hochschild ist ein gutes und lesenswertes Beispiel für derartige Untersuchungen.
Diese etwas längeren Vorbemerkungen zu dem hier vorzustellendem Buch „Besser leben mit Work-Life-Balance" soll dazu beitragen, die spezielle, kritisch könnte man auch sagen eingegrenzte Sichtweise von Hannelore Fritz zu verdeutlichen. Während die soziologische Forschung die Veränderungen in Familie und Beruf analysiert, deren Auswirkungen aufzeigt und gesellschaftspolitische Handlungsperspektiven aufzeigt, geht Hannelore Fritz nicht auf diese Bereiche ein, sondern sie spricht ihre Leserinnen und Leser direkt an und lässt alle gesellschaftlichen Entwicklungen weitgehend unberücksichtigt.
Bereits im Vorwort verkündet sie ihre gute Nachricht: „Wir können tatsächlich eine Balance der verschiedenen Lebensbereiche schaffen. Wenn wir herausfinden, was wir wirklich wollen und was uns gut tut, und danach unser Leben planen. Wir müssen uns klare Ziele stecken und dürfen nicht nur träumen" (S. 7). Die als selbstständige Trainerin und Beraterin (u.a. für die Dresdner Bank, BMW und Otto Versand) tätige Autorin will mit ihrem Ratgeber einen Weg weisen „für ein bewusstes Leben, für ein Leben in Harmonie, Gesundheit, geistiger und körperlicher Fitness" (ebenda). Ihr Ausgangspunkt ist, dass die Leserinnen und Leser sich über ihre momentane Lebenssituation Klarheit verschaffen und dann entscheiden, was sie ändern möchten. Wollen sie mehr für ihre Gesundheit tun, mehr Zeit mit Familie und Freunden verbringen, öfter eine kulturelle Veranstaltung besuchen oder bei der Arbeit weniger Zeitdruck verspüren? Sobald man seine Wünsche klar definiert hat, so die Unternehmensberaterin, soll man damit beginnen, mit Hilfe des Buches einen Plan zu erstellen. Persönliche Interessen sollten dabei bewusst nicht hinter andere Dinge zurücktreten. Grundlegend sei, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden.
Hannelore Fritz betont in ihrem Ratgeber, dass es wichtig ist, sich sowohl im privaten als auch beruflichen Bereich realistische Ziele zu setzen, die einen nicht unter Druck setzen. Mit ein bisschen Organisation lasse sich alles, was einem wichtig sei, in den Alltag integrieren. Wie man dabei am besten vorgehen soll, erläutert die Autorin anhand von Beispielen aus der Praxis, Checklisten und Übungen. Schritt für Schritt will sie ihre Leserschaft anleiten, ihr Leben mehr auf eigene Bedürfnisse einzurichten, anstatt sich von Anforderungen von Außen erdrücken zu lassen.
Durchgängig fordert Hannelore Fritz zum positiven Denken auf und verbreitet Hoffnung, wenn sie feststellt, das jeder eine Chance hat, über seinen eigenen Schatten zu springen. Der wirkliche Grund für Unzufriedenheit und mangelnden Erfolg „ist oftmals nicht Zeit oder Geld, sondern die mangelnde Entscheidungsfähigkeit des Einzelnen" (S. 59). Ihr Hinweis, dass der Tag für jeden von uns 24 Stunden umfasse, und dass jeder, wenn er etwas für wirklich wichtig erachtet, er dann auch die Zeit dafür finde, verkennt jedoch, dass bei entsprechendem Einkommen durchaus Zeitspareffekte in Form von technischer Unterstützung, Haushaltshilfen oder Unterstützungsleistungen bei der Kinderbetreuung „eingekauft" werden können. Die Ressource Zeit ist keineswegs ein allen Menschen in demokratischer Weise zustehendes Gut, sondern die Verfügung über Zeit und der Umgang mit Zeit zeigen vielfältige Formen sozialer Ungleichheit auf.
Es sind die unkritischen und vereinfachenden Aussagen und Behauptungen, die den Rezensenten auf der einen Seite zu der Frage drängen, ob diese Art von Ratgeberliteratur aufgrund ihrer schönfärberischen Grundhaltung, ihrer blumigen Sprache („Seien Sie ihr eigener Landschaftsgärtner", S. 205) und Anhäufung von trivialen Ratschlägen („Essen Sie nicht zu viele Süßigkeiten", S. 194) nicht grundsätzlich abzulehnen sei. Andererseits trifft aber auch zu, was DER SPIEGEL Ende letzten Jahres (51/2002) über die die Bestsellerlisten stürmenden Glücksbücher und die Ratgeber- und Lebenshilfeliteratur schrieb: „Es gibt viele, die das für Bluff und Unsinn halten. Es gibt noch viel mehr, die sich gern helfen lassen."
Und so muss jeder Einzelne für sich entscheiden, ob er seine „Work-Life-Balance" durch die Lektüre von entsprechenden Ratgebern anstrebt - und der Band von Hannelore Fritz gehört hier sicherlich zu den besseren - , oder ob dazu nicht eher ausführliche und ernsthafte Gespräche mit dem Partner, Freunden, Arbeitskollegen und Vorgesetzten sowie auch eine Auseinandersetzung mit den auf uns einwirkenden gesellschaftlichen Rahmenbedingungen erforderlich sind.
Ludwig Heuwinkel