Der 1964 geborene Autor Thomas Hettche wurde für sein bisheriges literarisches Werk mit Preisen überhäuft. So erhielt er u. a. den Rauriser Literaturpreis 1990, den Robert-Walser-Preis 1990 und den Ernst-Robert-Curtius-Förderpreis für Essayistik 1994. Für seinen neuesten Roman "Woraus wir gemacht sind" war Hettche, der mit seinen Roman "Der Fall Arbogast" in 2001 auch für internationales Aufsehen sorgte (der Roman wurde in zehn Sprachen übersetzt), für den "Deutschen Buchpreis 2006" nominiert. Er hat ihn nicht bekommen - zum Glück. Denn die "abstrus-wirre Geschichte" (tz, 16.09.06), welche uns Thomas Hettche in "Woraus wir gemacht sind" auftischt, überzeugt nicht.
Natürlich darf man zunächst fragen: Kann sich die Jury des Buchpreises, die diesen Roman in die Shortlist gewählt, sprich: zu den besten deutschen Bücher des Jahres 2006 gezählt hat, tatsächlich irren? Ja, sie kann! Thomas Hettche ist mit seinem neuen Roman gescheitert ohne wenn und aber. Die Mischung aus Kriminal- und Suspensegeschichte, (natürlich) angelegt vor dem Hintergrund von 9/11, ist gründlich missglückt. Hettche will alles bieten: Thriller und Road-Movie. Dabei bedient er sich amerikanischer Stereotypen und schrammt billige Klischees.
Thomas Hettche schreibt vorrangig über die Faszination Amerika mit all seinen Mythen und Legenden. Besonders das Kino hat es ihm angetan (tatsächlich nähert sich sein Roman zeitweise den Bilderwelten eines David Lynch an). Aber auch Lesen ist Kino - im Kopf. Der Roman "Woraus wir gemacht sind" ist nur ein B-Movie und Thomas Hettche, zumindest diesmal, ein kümmerlicher Regisseur.
Zum Inhalt: Der deutsche Niklas Kalf, aus geschäftlichen Gründen in den USA unterwegs, ist schockiert. Unbekannte haben seine schwangere Frau Liz in New York entführt, just am ersten Jahrestag der Anschläge auf das WTC. Als Lösegeld fordert man von ihm brutal etwas, das er gar nicht hat. Hängt es mit seiner Arbeit an einer Biografie über den jüdischen Emigranten Eugen Meerkaz zusammen? Ein erpresserischer Anruf bestätigt den Verdacht: Kalf wird gezwungen, brisantes Material zu beschaffen, was tatsächlich mit Eugen Meerkaz zu tun hat. Kalfs verzweifelte Suche nach Liz wird ein Trip ins Innere der USA - vom Central Park in die texanische Wüstenstadt Marfa, von einer Villa am Pazifik auf das Dach des Standard Hotels in L.A. Am Vorabend des Irak-Krieges muss sich ein Deutscher in der Fremde entscheiden zwischen Liebe und Verrat.
Thomas Hettches neuer Roman will intellektuell sein, man spürt deutlich: der Autor hat einen hohen literarischen Anspruch. Eine Antwort auf den etwas arg prahlerischen Titel seines Buches findet er aber nicht. Auch nach dieser Lektüre wissen wir nicht, woraus wir gemacht sind. Nicht nur allein deshalb, denn wer hätte schon ernsthaft eine Antwort auf diese Frage erwartet, bleibt am Ende ein schaler Eindruck zurück. Hettche wollte zu viel - oder konnte sich ganz einfach nicht entscheiden: wohin soll die Geschichte führen? Der eigentliche Plot vermag nicht zu fesseln, die Figuren sind lustlos gezeichnet (und zudem in ihren Handlungen häufig mehr als nur unglaubwürdig) und der Genre-Mix kocht über.
Dabei ist Hettche natürlich ein intelligenter Autor, er verlässt sich ungern auf den Zufall. So ist auch der Titel "Woraus wir gemacht sind" mit Bedacht gewählt. George W. Bush verwendete diese Worte in einer Rede an die Nation im März 2002 "They didn't understand America. The didn't understand our fiber. They don't understand our core. THE DON'T KNOW WHAT WE'RE MADE OUT OF - at least, they didn't. Now they do". Den hier besprochenen Roman von Thomas Hettche kann man getrost vergessen, aber zumindest über dieses Zitat nachzudenken erscheint ratsam. Die mutmaßlichen "Feinde der Nation", welche wohl die eigentlichen Adressaten dieser Worte waren, haben es bestimmt getan.