Jetzt hat die liebe Seele Ruh`, zumindest vorerst, so hoffe ich!
Vielleicht geht es ja anderen auch so: Man hat, gedanklich unterstützt u.a. von Deschner und Dawkins, Hitchens und Harris, aber u.a. auch von Schnädelbach und Kahl, Ranke-Heinemann und Drewermann, den lange vor sich hergeschobenen und eigentlich überfälligen Kirchenaustritt vollzogen und wendet sich wieder verstärkt aufklärerischen und humanistischen Vorstellungen zu.
Man stößt dabei vielleicht auf das "Manifest des evolutionären Humanismus" von Schmidt-Salomon, kann eigentlich jeden Satz darin unterstreichen und fühlt sich dazu bewogen, der Giordano-Bruno-Stiftung als förderndes Mitglied beizutreten.
Aber das ist nur die eine Seite: Die jahrelange Beschäftigung mit östlicher Philosophie, mit Zen und Tao, mit transpersonaler Psychologie à la Ken Wilber, mit Vorträgen und Büchern von Willigis Jäger, in denen nicht ein Satz vorkommt, der einem komisch aufstößt, haben auch ihre Spuren hinterlassen und die derzeitige Lebensauffassung entscheidend mit geprägt.
Und dann kommt vielleicht die Frage auf: Passt das eigentlich alles zusammen? Ist es möglich, zugleich "Atheist" zu sein und ein "spirituelles" Leben zu führen? Gibt es sowas wie "Atheistische Mystik" oder "Mystischer Atheismus" oder ist das alles ein Widerspruch in sich und völliger Quatsch?
Und dann hätte man gerne eine Antwort und wartet ungeduldig auf das Erscheinen des Buches von Comte-Sponville, das mit dem Untertitel lockt: Spiritualität ohne Gott.
Hier ist nicht der Ort das ganze Buch in Einzelheiten zu besprechen. Das wird in zukünftigen Diskusionen wohl noch oft genug geschehen. Als empfehlende Meinungsäußerung sei aber von mir ausdrücklich gesagt, und das ist auch die Antwort Comte-Sponvilles: Ja, es ist nicht nur möglich, ein spirituelles Leben ohne Gott zu führen, sondern die Anerkennung des "Mysteriums des Seins" führt geradewegs dorthin!
Über die ausführliche Diskussion der Frage "Kann man auf Religion verzichten?" (Antwort: ja, aber nicht auf "Kommunion" und "Bekenntnis") im ersten Abschnitt und der Frage "Gibt es Gott?" (eine sehr persönlich gehaltene Auseinandersetzung mit Gottesbeweisen) im zweiten Abschnitt zeigt Comte-Sponville im dritten Abschnitt "Welche Spiritualität für Atheisten?" eine Fülle von spirituellen Zugangsmöglichkeiten zu grundlegenden menschlichen Themen wie - willkürlich herausgegriffen - Fülle, Einfachheit, Einheit, Schweigen, Ewigkeit, Tod ... auf.
Ebenso willkürlich herausgegriffen und zum Weiterlesen anregend sein sollend ein paar Zitate:
"Keine Religion zu haben ist kein Grund, auf spirituelles Leben zu verzichten."
"Atheist sein heißt nicht, die Existenz des Absoluten zu verneinen, sondern nur dessen Transzendenz, Spiritualität, Personalität, also zu verneinen, dass dieses Absolute Gott sei."
" Dass die Natur vor dem Geist existiert, der sie denkt, davon bin ich überzeugt. Und da führt der Naturalismus zum Materialismus."
"Wenn alles immanent ist, ist der Geist es auch. Wenn alles natürlich ist, ist die Spiritualität es auch. Das spricht mitnichten gegen das spirituelle Leben, sondern macht es überhaupt erst möglich. Wir sind auf der Welt und von der Welt: Der Geist ist Teil der Natur."
"Nicht das Wort, sondern das Schweigen. Nicht der Sinn, sondern das Sein. Das ist das Reich der Spiritualität oder der Mystik außerhalb der Religion. Das Sein ist das Mysterium, nicht etwa, weil es verborgen wäre oder selbst etwas verbirgt, sondern, weil Evidenz und Mysterium ein und dasselbe sind - weil das Mysterium das Sein selbst ist."
Genug. - Und das alles gehalten in einer klaren, fließenden, gut "erfahrbaren" Sprache, zu deren als Vorwurf gemeinter "vulgarisation" Comte-Sponville in einem französischen Interview sagt: "J`appartiens a cette tradition de philosophes qui écrivent le plus simplement qu`ils peuvent. Ce n`est pas de vulgarisation. C`est de l`honnêteté intellectuelle."
Dem, der sich in einer ähnlichen geistigen Lebensauseinandersetzung mit sich befindet wie ich, ist das Buch nur zu empfehlen.