Johannes Waechter, als Feuilleton Redakteur der Süddeutschen Zeitung einigermaßen unverdächtig als kommerzieller Lohnschreiber für Warner / Rhino oder Hochlober befasst sich am 8. September in aller Ausführlichkeit in einem Review (SZ Nr. 206, S. 13) mit der 6-CD Box unter dem Titel: Die Korrekturen ' Eine neue Box entzaubert die Verklärung von Woodstock. Allein der Titel könnte hellhörig machen. Der Auftritt von Quill wird in etwa wie folgt charakterisiert: '.sind nun erstmals Aufnahmen von Quill enthalten und es zeigt sich, dass man 40 Jahre lang zu Unrecht Mitleid hatte (gemeint ist der Umstand, dass sie nie irgendwo auf einer CD auftauchten): Quill klingen wie Festival Besucher, die sich im LSD Rausch für Musiker hielten, auf die Bühne stürmten und so lange einen stumpfen Bluesgroove herausdrückten, bis man ihnen die Instrumente wieder wegnahm. Diese Einschätzung kann ich aufgrund des mir bekannten Materials aus den 70ern voll bestätigen. Nicht nur über Quill hätte der Mantel des gnädigen Schweigens bleiben sollen. Grateful Dead haben immer wieder betont, dass Woodstock eines ihrer schlechtesten Konzerte ever gewesen sei. Und nicht nur wegen der Wetterbedingungen. Wie könnte man Jerry Garcia da widersprechen. Wer sich die Box wirklich angetan hat, kann leicht, wie auch Waechter, zu dem Ergebnis kommen, dass über das allermeiste dieses Materials ebenfalls der Mantel des Schweigens geblieben wäre. Aber, wenn der Kommerz es verlangt.
Nun, von Bedeutung könnte diese Edition in der Tat sein für Musikhistoriker, um eine Gesamteinordnung vorzunehmen. Leider ist nur allzu bekannt, welche Mischung aus wirklich epochalem und drittklassigem in Woodstock präsentiert wurde. Und das erstklassige ist längst veröffentlicht mit Woodstock 1, in Grenzen noch in Woodstock 2. Schon die 4-CD Edition ist ein Grenzfall. Womöglich war das auch der Grund, die eine oder andere Aufnahme aus dem Fundus anderer Konzerte zu entnehmen und als made in Woodstock zu verkaufen. Ich bezweifele aber, dass Fans sich diese Box aus einem musikhistorisch wissenschaftlichen Interesse zulegen, sondern weil sie Musik von Woodstock genießen wollen.
Zum Schluss wieder Waechter: '..Andererseits erkannten Plattenfirmen sofort, dass sich dieser Mythos perfekt als Marketing-Instrument eignete, denn auch jene, die nicht dort gewesen waren, konnten sich als Teil der Woodstock Nation fühlen'.So verhalf Woodstock dem kommerziellen Siebzieger-Rock zum Durchbruch ' und versetzte der echten Hippiemusik den Todesstoß.
Kürzlich habe ich hier auf amazon nach einer Blue Ray Edition von Herr der Ringe, ebenfalls Warner, gesucht. Der Tenor der Bewertungen zu der noch nicht veröffentlichten ist geradezu erschütternd eindeutig. Zwei positiven Bewertungen stehen mehr als 190 negative gegenüber, nicht weil der Film schlecht wäre, sondern wegen der unverhohlenen Gewinnmaximierungs-Marketing Strategie des Warner Konzerns (der Begriff abzocke ist wahrscheinlich der am häufigsten verwendete Begriff in diesen Rezensionen). In der Spieltheorie gibt es für so etwas einen Begriff: das Null-Summen-Spiel. Damit ist gemeint, dass es bei einer Transaktion, einem Geschäft einen Gewinner und einen Verlierer gibt. Der Gewinn des einen ist der Verlust des anderen. Diese Box ist ein Null-Summen-Spiel, und da kann die schöne Verpackung nicht hinwegtäuschen.