Holz hat als Material für Gebrauchsgegenstände, Möbel und als Brennmaterial im Alltag der meisten einen hohen Stellwert. Und seine Bedeutung und Beachtung wächst weiter im Zusammenhang der Diskurse um Nachhaltigkeit sowie gesundheits- und energiebewusste Lebensweisen. Eine dominante Rolle in der Architektur, hat es, so scheint es, dagegen noch nicht eingenommen. Wer in Deutschland an Holzarchitektur denkt, dem fallen vor allem zwei Dinge ein: Historische Fachwerkbauten, wie sie uns in den Altstädten begegnen, und zeitgenössische Holzbauten in Blockbauweise. Barbara Linz zeigt in diesem mit Texten erläuterten Bildband, dass in internationalem Rahmen betrachtet moderne Formen der Holz-Architektur und -Innenarchitektur ein sehr viel breiteres Spektrum bilden.
REPRÄSENTATION UND ÖKOLOGIE
Viele der 40 Beispiele aus aller Welt sind das Werk renommierter Architekten, darunter spektakuläre Repräsentationsbauten, wie das Opernhaus in Oslo, eine Konzerthalle in Limoges, das Landgericht in Bordeaux oder das aus zehn monumentalen Holzbauten bestehende Tjibaou Kulturzentrum auf der neukaledonischen Insel Grande Terre. Dabei beeindruckt die Vielfalt der kulturell geprägten Ansätze und der verschiedenen Facetten, in denen Holz als Bau- und Konstruktionsmaterial mit je eigener Formensprache und Oberflächenästhetik eingesetzt wird. Einiges davon wirkt so unwahrscheinlich und kühn, dass man es kaum für möglich hält, vielleicht weil man ähnliches noch nie in realiter gesehen hat. Eine zweite Gruppe von Projekten stellt technische Herausforderungen in den Mittelpunkt, möchte z. B. die Grenzen des Materials austesten. Beispiel hierfür ist die gewaltige Holzachterbahn Colossos, die fast vollständig aus Holz im Heide-Park Soltau realisiert wurde. Andere Bauten stehen eher für künstlerische Innovationen, wie etwa der skulptural wirkende Londonder Serpentine Gallery Pavillon des berühmten Architekten Frank O. Gehry und seines Sohnes Samuel. Mit am interessantesten finde ich allerdings holzarchitektonische Lösungen für Wohnbauten, wie etwa die sehr unterschiedlichen in Süddeutschland errichteten Häuser der Architekten Gassner & Zarecky. Darin wird erkennbar, dass gerade in Wohnhäusern Holz sowohl für die tragende Konstruktion als auch für den Innenausbau hervorragend geeignet ist, wenn es um eine individuellen Bedürfnissen angepasst, naturnahe, nachhaltige und energiebewusste Bau- und Lebensweise geht. Dabei kommen die verschiedenen Eigenschaften und Erscheinungsformen des Materials zum Vorschein, vom naturbelassenen, sägerauen Brett bis zum schichtverleimten polierten Träger oder Wandvertäfelung aus industriell hergestellten Holzwerkstoffen.
INDIVIDUELLE VIELFALT
Sowohl bei den größeren Formen als auch bei den alltagsnahen Beispielen dominiert eine eher strenge Formensprache, die meist die Linearität der bearbeiteten Hölzer in Form von Latten, Balken, Platten etc. hervorhebt und die darin liegenden ästhetischen Mittel nutzt. Gelegentlich wird die vertikale oder horizontale Sequenz gleichartiger Holzelemente aber auch mit natürlichen Bearbeitungsformen des Holzes kontrastiert oder mit anderen Materialien, v. a. mit Glas kombiniert. Daraus ergibt sich eine unerschöpfliche Palette möglicher Darstellungsweisen, die auch strengen Formen Individualität verleihen und die holztypischen Eigenschaften niemals verleugnen, sondern bewusst nutzen. Beim Durchblättern der einzelnen Projekte ahnt man, dass einiges davon in der Architektur der Zukunft Akzente setzen könnte.
ANSCHAULICHER BILDBAND
Die Abbildungsqualität des Buches ist hervorragend. Auch werden die Projekte stets so dargestellt, dass in einer Kombination von Fernaufnahmen und Detailansicht ein plastischer Eindruck entsteht. Die Texte liefern einen unkomplizierten, kenntnisreichen Zugang zum jeweiligen Konzept und seinen Hintergründen. Gegliedert sind die Abschnitte nach Architekten. Im Anhang findet man dazu immerhin deren Wirkungsorte und die jeweiligen Websites für weitere Informationen. Was aber meiner Erachtens zu kurz kommt und irritierend wirkt, ist die Tatsache, dass die Objekte selber nicht konsequent und eindeutig bezeichnet werden. Bei manchen sind die Angaben zum Ort eher allgemein (Süddeutschland"), bei anderen kann man sie aus der Überschrift oder aus der Beschreibung rekonstruieren. Eine eindeutige Bezeichnung, und wenn auch nur katalogartig, hätte hier gut getan, denn die Vorstellungskraft hängt doch auch an den Assoziationen, die man mit dem Ort, dem Land, der Kultur verbindet. Bei dem insgesamt sorgfältig zusammengestellten, interessant beschriebenen, gut bebilderten und deshalb empfehlenswerten Band wünscht man sich bei einer Neuauflage eine entsprechende Korrektur.