Selten begegnet einem willigen Leser einmal ein Autor, dessen Art zu schreiben so flüssig, einfallsreich, wortgewandt und eingängig rüberkommt, das die ersten fünfzig oder hundert Seiten runtergehen wie Öl. Dies ist tatsächlich eins davon und allein die Tatsache, daß dem Autor dies gelungen ist, macht den ganzen Roman sympathisch.
Sympathisch ist allerdings auch der Inhalt, wenn so mancher sich vielleicht eine stärkere Satire, eine handlungsmäßig volleren Roman oder eine konkrete Fokussierung auf einen finalen Höhepunkt gewünscht hätte. Der Reiz besteht zum größten Teil auf der Grundkonstellation und dann darauf, wie mit selbiger im weiteren Fortlauf der Handlung umgegangen wird.
Es ist ein herrliches, sich darbietendes Panoptikum der Figuren: der dauerkiffende Englischdozent Tripp, der seinen inzwischen 2611 Seiten langen Roman "Wonder Boys" nicht fertig bekommt, obwohl sein schwuler Lektor bereits zu einem Schreibfest in der Tür steht; dazu das Verhältnis mit der Kanzlerin der Uni und Frau des Dekans (damit Tripps Vorgesetzter), die er jetzt auch noch geschwängert hat; ein introvertiert-versponnen-verlogener Student, der genau das in Rekordzeit abliefert, wozu Tripp nicht in der Lage ist: einen fertigen, brillianten Roman; eine ihn bewundernde Mitstudentin; seine ihn verlassende Frau; eine gestohlene Jacke der Monroe; ein erschossener Hund und jede Menge unbeantworteter Fragen.
Das alles wird zu einer Abfolge von Szenen aufgebaut, die den Leser zum gleichzeitigen Grinsen und Kopfschütteln auffordert, wenn der eigentlich fundierte Dozent, stets nach dem nächsten Joint gierend, wie eine Flipperkugel durch Pittsburgh schleudert, stets auf der Flucht vor dem Zwang, irgendeine Art von Entscheidung zu treffen, womit seine Situation immer schlimmer wird. Michael Chabon dringt tief in seine Figuren ein, die skuril und normal zugleich sind, aber immer noch etwas in der Hinterhand haben, was sie den Lesern zusätzlich anbieten können, sozusagen ein emotionales Feedback ermöglichend.
Leider baut das Buch nach der Hälfte erzählerisch ab, als eine Flucht zur Familie von Tripps frisch ausgezogener Frau mit einer Zelebrierung des jüdischen Passachfestes endet. Dieser Teil läßt den erzählerischen Fluß etwas stocken, wirkt überlang und drosselt das angekifft-flotte Tempo der Szenenabfolge. Erst gegen Ende hin nimmt das Buch wieder Fahrt auf (was vielleicht auch der Grund ist, warum die drosselnde Episode in der Verfilmung von "Wonder Boys" (****1/2) mit Michael Douglas entfällt) und bringt dann alles zu einem einigermaßen brauchbaren, aber nicht gerade herbeigewünschten Schluß, der jedoch im Sinne des Inhalts folgerichtig ist.
Wer also an interessanten Einfällen und literarischer Qualität des Gelesenen interessiert ist, der wird hier sein blaues Wunder erleben. Ein feines Stück Buch, daß nur inhaltlich manchmal zu sehr in die Breite geht. Aber das paßt auch, denn die Hauptfigur hat dasselbe Problem!