...und eine großzügige Prise Liebe noch dazu. Damit lässt sich in etwa die "Formel" für dieses locker-leichte Büchlein beschreiben.
Ich schreibe ganz bewusst "Büchlein", und nicht etwa "Roman". Denn ich habe wirklich mit mir gerungen, wie ich das Gelesene einordnen und bewerten soll. Da ist zum Einen der Aspekt der reinen Unterhaltung, und der schön geschilderten Atmosphäre. Von dieser Seite her ist das Buch sehr gelungen, wofür auch die kurze Lesezeit von nicht einmal zwei Tagen spricht. Dem widerspricht jedoch für mich die offensichtliche Absicht der Autorin, ihr Buch mit tiefgründigen Themen anzureichern - zerrissene Familien, gescheiterte Ehen, Todesfälle und Adoptionen. Und genau deshalb kann ich nicht anders, als eben auch Kritik anzubringen. Eine psychologische Familiengeschichte, die aber mit den Mitteln der seichten Frauenliteratur und der Liebesschnulze arbeitet...? Sicher gibt es immer Leser, die über solche "Stilbrüche" hinweglesen können, und das sollen sie auch. Für mich jedoch wirft das Fragen auf.
Das Büchlein hat sich einfach ein wenig viel vorgenommen. Da ist zum einen die Geschichte um Anna und Charlotte. Anna Bergman ist Journalistin, und möchte eine Biographie über die verhinderte Künstlerin Charlotte Mommsen schreiben, die sich auf Amrum das Leben nahm. Also reist Anna auf diese Insel, um dort Charlottes Leben nachzuspüren. Gleichzeitig leckt Anna eigene Wunden, da sie sich von einer gescheiterten Ehe erholt. Schon allein dieser Handlungsstrang hätte mühelos das ganze Buch füllen können! Man kennt das aus anderen Büchern, u.a. von Charlotte (!) Link: Eine Frau rekonstruiert das Leben einer Verstorbenen anhand ihrer Briefe oder Tagebücher.
Doch es kommt ja noch viel dicker. Nicht genug mit Anna und Charlotte. Nein, es wird auch noch die komplette Familiengeschichte um Anna und ihre Schwester Leona auf- und eingearbeitet. Leona ist mit dem Egoisten Christian verheiratet, für den sie ihre eigene Karriere als Musikerin aufgab. Plötzlich greift sie zum Telefon, um Anna auf Amrum um Hilfe zu bitten. Ihre Ehe zerbricht, Christian hat eine Affäre, und Leona will einfach mal raus. Also reist auch sie nach Amrum. Anna spielt nun also auch noch die Trösterin, und beobachtet gleichzeitig die ersten Versuche ihrer Schwester, erneut Männer kennenzulernen. Ganz zu schweigen davon, dass natürlich Erinnerungen an die eigene, selbstverständlich unglückliche, Kindheit wach werden... hier dachte ich schon manchmal, "too much". Vor allem deshalb, weil eben alles in diesem locker-leichten Ton bleibt!
Ihr denkt, das wäre es jetzt endlich? Weit gefehlt. Schon auf der Überfahrt nach Amrum lernt Anna einen attraktiven (!) Fotografen kennen, der aber leider in Berlin lebt. Die aufkeimende Beziehung zu diesem Paul nimmt einen nicht unerheblichen Teil des Buches ein. Sehnsüchte über Sehnsüchte, Telefonate, und gelegentliche gegenseitige Besuche sowie romantische Diners werden dem Leser zuhauf geboten.
In diesem Handlungsstrang fiel mir zum ersten Mal auf, dass mir Anna nicht wirklich sympathisch ist. Ihre Energie, diese Biographie über Charlotte Mommsen zu schreiben, und sich auf dieser doch recht kleinen und einsamen Insel zurechzufinden, hatte ich anfangs noch sehr bewundert. Doch nun geriet sie für mich zur Zicke, was ich total schade fand. Warum muss man sich einen ansonsten so runden Charakter derart verschandeln als Autorin? Also ehrlich, so war ich mit 20 schon nicht mehr - und Anna ist 42!! Hinter jeder weiblichen Stimme im Hintergrund eine Affäre zu wittern, oder mir für jedes Abendessen mit dem neuen Kerl ein neues Kleid zu kaufen... nee, das geht bei mir ja so gaaar nicht! Fürchterlich fand ich auch eine inhaltliche Inkonsequenz der Autorin. Sie bezeichnet ihre Heldin zwar als "Vegetarierin", lässt sie aber nach Herzenslust Fisch, Krabben und ähnliches verspeisen. Liebe Frau Engelmann, wenn man Tiere verspeist, ist man eben KEIN Vegetarier!
Was das Buch jedoch vollends überladen hat, war eine vierte (!) Handlung rund um die Patentochter von diesem Paul. Nelly verliert nämlich plötzlich ihre Mama, und so stellt sich dem frischen Paar Paul/Anna auch gleich die Frage, ob sie nicht mit diesem Kind gemeinsam eine Familie gründen sollen. Ufff... sicher, Nelly ist niedlich, und es ist rührend, wie Anna doch noch zur Mutterrolle findet. Aber hat es das im Rahmen dieses Buches wirklich "gebraucht"? Ich finde, nein.
Eigentlich habe ich sogar noch zwei Handlungen verschwiegen. Das glaubt ihr nicht? Doch, stimmt aber. Es gibt da einen dunklen Fleck in Annas Vergangenheit: sie wurde von ihrer Mutter einst gezwungen, ihr uneheliches Kind zur Adoption freizugeben. Deswegen ist sie ja auch so gerührt, als sie durch Pauls Patenkind Nelly doch noch Gelegenheit erhält, ihre mütterlichen Gefühle auszuleben. Und wie könnte es anders sein: gegen Ende des Buches erhält Anna auch noch einen Brief ihrer Mutter, in dem sich diese wortreich und schmalzig für ihr damaliges Verhalten entschuldigt. Das wirkte auf mich total aufgesetzt und "falsch", zumal die Mutter ansonsten im ganzen Buch nicht vorkommt...!
Nein, bitte nicht lachen, aber Anna "enttarnt" außerdem noch einen einstmals berühmten Maler, der sich schon seit Jahren inkognito auf Amrum versteckt... und selbstverständlich (!) bringt sie ihn dazu, wieder auszustellen...
Ich wollte ursprünglich vier Sterne verleihen, weil nämlich ganz einfach die Atmosphäre so schön beschrieben ist, und die Art und Weise, wie Anna mit den Inselbewohnern in Kontakt kommt. Die ersten Kapitel bis etwa zur Mitte des Buches fand ich großartig. Ich hätte am liebsten meine Koffer gepackt, und auch mit den Leuten Tee getrunken und Friesentorte gegessen. Doch dann nahmen halt diese ganzen übergestülpten Handlungen langsam zu, und das hat mich dann doch zu nur drei Sternen bewogen. Erschwerend kommt hinzu, dass mir die Schreibweise manchmal nicht einleuchtete: auf einmal sind, ganz ohne Grund, zwischen zwei Kapiteln eine oder mehrere Wochen vergangen. Das wirkte auf mich so, als wolle sich die Autorin um manche lästige Schilderungen "drücken".
Ich behalte von diesem Buch und dieser Autorin einen zwiespältigen Eindruck zurück. Ich ahne sehr wohl, dass man sich von dieser Schreibweise gut unterhalten fühlen kann. Das hat bei mir ja ansatzweise auch gut funktioniert. Aber man sollte wohl nicht so sehr Wert legen auf stringente Handlung, schlüssige Charakterstudien und logische Plots.