Kurzbeschreibung
Umschlagtext
Über den Autor
Auszug aus Wolftagebuch. von Brian A. Connolly. Copyright © 2004. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Im Juli 1997 verbrachte ich zwei kalte Nächte und drei verfrorene Morgen in Yellowstone in der Nähe des Zusammenflusses vom Soda Butte Creek und dem Lamar River in der Hoffnung, einen Blick auf einen der Wölfe zu erhaschen, die während des Wiederansiedelungsprogramms 1995/96 in den Nationalpark freigelassen worden waren. Die Temperaturen am frühen Morgen waren weit unter Null Grad Celsius. Das Lamar Valley liegt etwa in 2300 Meter Höhe und ist von Bergen umgeben, die sich auf beiden Seiten um weitere 900 Meter erheben. Es ist offenes Weideland mit trockenen Gräsern und Salbeibüschen und eignet sich hervorragend für Wildbeobachtungen. Die Berge sind mit Douglasien und Espen bewachsen, und oberhalb der Baumgrenze liegen Felsenklippen frei.
Mit ein paar anderen Beobachtern wartete und wartete ich. Wir sahen einen Steinadler, einen Weißkopfseeadler, mehrere Raben, einen Schwarzbären, eine kleine Herde Bisons und ein paar Hirsche und Gabelantilopen. Sogar einige Kojoten. Aber kein Zeichen von einem Wolf. Unten an den Flüssen schrieen mit heiserer Stimme Kanadakraniche. Entlang der Flussufer vergnügten sich Flussotter in rutschigen Spielen.
Am Morgen des dritten Tages kam ich gegen vier Uhr im Lamar Valley an. Dies sollte mein letzter Tag im Park sein. Um fünf Uhr kamen weitere Frühaufsteher hinzu. Seit zwei Stunden hatte ich still gestanden und geschaut; mein Atem hing in der gefrorenen Luft, als ich das erste Heulen hörte. Es kam aus den dichten Kiefern am Fuße des Druid Peak, wo die Biologen eine Wolfshöhle entdeckt hatten. Diesem ersten Heulen, lange und klagend, schloss sich ein zweites, ein drittes, dann zwei oder drei mehr an. Die Gesänge erfüllten den Wald wie ein Chor in einer großen Kathedrale. Das Heulen dauerte etwa fünfzehn Minuten, gefolgt von fünf Minuten Stille. Dann erschien eine Wölfin auf dem Bergkamm über uns, mehrere hundert Meter entfernt. Sie war grau mit etwas braun und weiß und wog vermutlich 40 Kilo. Sie lief durch das trockene Gras und die Salbeibüsche bis zu einem sonnigen Fleck, wo sie sich auf die Seite ausstreckte. Bald waren vier Welpen bei ihr, drei graue und ein schwarzer, je etwa zwölf Kilo, die im April geboren worden waren. Sie sprangen auf ihre Mutter und aufeinander, bissen sich gegenseitig in ihre Schwänze und Ohren und kämpften um Stöcke und Tannenzapfen.
Ich war überwältigt. Ich habe schon viel Zeit in der Wildnis verbracht, aber ich habe nie gedacht, dass ich so etwas je sehen würde. Zwischen diesen Wölfen und mir war nichts außer Wildblumen. Und obwohl Tränen in mir aufstiegen, konnte ich nicht aufhören, zu lächeln. Ich blieb noch weitere zehn Tage im Park. Seit diesem Morgen habe ich bei jedem Besuch mehrere hundert Sichtungen notiert und mich gefragt, wie es wohl wäre, wenn die Wölfe, die ich jetzt sah, dort, wo ich aufgewachsen bin, leben würden, in den Allegheny Mountains von Pennsylvania.
Seitdem zelte ich jeden Sommer auf dem Pebble-Creek-Campingplatz im Lamar Valley. Und es war auch in einem Zelt, wo dieser Roman geschrieben wurde. Obwohl die Geschichte keine direkte Verbindung zu den Yellowstone-Wölfen hat, so ist "Wolftagebuch" meine Reaktion auf jenen kalten Morgen, als ich meinen ersten Wolf in der Wildnis sah...
Kapitel 2
Aaron hob die Hand. Die Klasse war still.
"Ja, Aaron?", fragte Mr. Fletcher, sein schlanker Englischlehrer.
"Was Sie also sagen wollen ist, dass wir ein wöchentliches Tagebuch führen sollen zu irgendeinem Thema, das wir uns selbst aussuchen. Ich könnte also über Fahrräder, übers Angeln oder über Mädchen schreiben!" Er hob beide Augenbrauen und lächelte Sara an.
"Richtig, Aaron, obwohl du noch ein paar Jahre warten solltest, bevor du über Mädchen schreibst." Einige Jungen kicherten.
"Wir werden niemals so viel zu einem einzigen Thema sagen können, Mr. Fletcher", sagte Sara und warf ihre roten Locken zurück.
"Ihr werdet genug zu sagen haben, wenn ihr euch das richtige Thema aussucht. Es muss etwas sein, das euch wirklich interessiert, etwas für das ihr leidenschaftlich empfindet - mit Ausnahme des anderen Geschlechts."
Mr. Fletcher schaute Aaron an. "Alle deine bisherigen Tagebucheinträge seit September handeln von unterschiedlichen Dingen. Jedoch haben wir, wenn wir nur eine oder zwei Seiten schreiben, keine Möglichkeit, uns mit irgend etwas intensiver zu befassen. Diese wöchentliche Themenstellung hilft uns, Oberflächlichkeiten in unserem Schreiben und Denken zu vermeiden, hilft uns, etwas, was uns wirklich wichtig ist, zu erforschen. [...]
Damit ihr nun herausfindet, was euch am meisten interessiert, schreibt die Zahlen eins bis zehn auf euren Block. Zählt zehn Dinge auf, die ihr besonders mögt. Schreibt nicht einfach nur Tiere', das ist zu allgemein. Schreibt Wolf'!" Jimmy schaute mit großen Augen auf. Er hatte bereits Wolf aufgeschrieben. Er fragte sich, ob Mr. Fletcher sein Geheimnis kannte.
"Mir fallen nur fünf Dinge ein", rief Ricky aus dem hinteren Teil des Zimmers.
Susan flüsterte: "Schreib auf: Nachsitzen."
"Gar nicht lustig", sagte Ricky.
Mr. Fletcher fragte: "Hast du Musik, Kunst, Autos, Angeln, Rennen, Tennis, Kochen, Baseballkarten oder Zaubern aufgeschrieben? Was ist mit Jonglieren? Wenn du deine Liste fertig hast, kreise die besten Themen für dich ein."
Der Lehrer ging zwischen den Tischreihen auf und ab und schaute sich die Listen an, während er Vorschläge machte. "Jimmy, du hast nur ein Thema auf deiner Liste", sagte er.
"Ich weiß", sagte Jimmy, "darüber möchte ich schreiben."
"Ich mach dir einen Vorschlag", sagte Mr. Fletcher. "Wenn du, nachdem du weitere neun Themen aufgeschrieben hast, immer noch Wölfe machen willst, dann kannst du das tun. Abgemacht?" "Abgemacht!", sagte Jimmy.
Mr. Fletcher fuhr fort: "Also, in diesem Tagebuch werdet ihr ins Detail gehen. Ihr werdet eine Menge Fakten über euer gewähltes Thema einfügen, aber was ich wirklich möchte ist, dass ihr über diese Fakten hinaus geht. Erforscht, warum euch das Thema oder Subjekt, das ihr gewählt habt, so anzieht. Was zieht euch dort hinein? Was ist die Quelle dieser Macht? Erweckt das Thema eure Einbildungskraft, und wenn ja, wohin führt euch diese Imagination? [...]
Jimmy schaute hoch in die nächste Reihe zu Sherry. Ihr blondes, seidiges Haar fiel in Locken über ihre Schultern und fing das Licht ein wie ein Wasserfall in der frühen Morgensonne. Als ob sie seine Augen auf sich fühlen könnte, drehte sie sich um und schaute ihn an. Er drehte sich schnell weg und merkte, wie er errötete. Um seine Unsicherheit zu verstecken, hob Jimmy die Hand. "Ich habe jetzt zehn Dinge aufgeschrieben und will immer noch die Wölfe machen. Ist das okay?" "Ja, Jimmy", antwortete Mr. Fletcher.
"Hey, Jimmy", sagte Big Charlie. "Mein Vater meint, dass Wölfe Teufel sind. Der beste ist der, dem man eine Kugel in den Kopf schießt!" Er lachte.
Fletcher schaute ihn streng an. "Dein Vater schreibt kein Tagebuch! Lass mich deine Liste sehen, Charles. Sehr gut: Ballett, Nähen, Plätzchen backen." Jeder, mit Ausnahme von Big Charlie, lachte. "Das ist nicht, was ich aufgeschrieben habe", murmelte er.
Fletcher sagte: "Siehst du, Charlie, es ist nicht nett, wenn man sich über das Thema eines anderen lustig macht." Das Gesicht von Big Charlie rötete sich, und er brütete über seinem Papier.
Jimmy sagte: "Es ist schon okay, Mr. Fletcher. Ich kümmere mich nicht um ihn. Ist es in Ordnung, wenn wir einige Bilder in unser Tagebuch malen, um zu illustrieren, über was wir schreiben?" Er hatte bereits eine Skizze begonnen von einem Wolf, der durch den Wald rannte.
"Das ist okay, so lange deine Einträge einige Seiten Text beinhalten. Vergiss nicht, Schreiben ist es, was ein Tagebuch ausmacht."
"Oh, Mr. Fletcher", fuhr Jimmy fort, "ich habe ein Tagebuch zu Hause, das ich im letzten Sommer gemacht habe. Ich habe noch nichts reingeschrieben. Kann ich das benutzen?"
"Was meinst du mit gemacht'?", fragte Fletcher.
"Naja, ich habe nur den Umschlag selbst gemacht. Meine Mutter hat das Papier geschnitten und hineingenäht, so dass ich darauf malen und schreiben kann. Es hat dieselbe Größe wie ein ganz normales altes Schulheft."
Fletcher sagte: "Ich glaube, je persönlicher euer Tagebuch ist, um so besser. Nur zu, nimm es."...