Aus der Amazon.de-Redaktion
In ihrer Autobiografie Wolfssonate umschreibt die heute 34 Jahre alte Künstlerin denn auch immer wieder diesen Zustand der Einsamkeit, der sie von Kindesbeinen an umgab. Überhaupt nimmt ihre Kindheit in ihren Erinnerungen einen breiten Raum ein. Ein hypernervöses Kind sei sie gewesen, das zur Sorge der Mutter nie mit anderen spielte; das Farben sah, wenn es Klänge hörte, das zornig, launisch, unberechenbar war, doch zugleich einen manischen Drang nach Ordnung an den Tag legte. Da die verzweifelten Eltern, beide Altphilologen an der Universität, nicht weiterwussten gaben sie ihr ein Klavier. Das war meine Rettung! Mit zwölf wurde sie als jüngste Studentin aller Zeiten am Pariser Konservatorium aufgenommen. Im Nu schaffte sie den Sprung in die internationale Musikelite, begeistert gefeiert von Kritikern wegen ihres "ungestümen und ausdrucksstarken Spiels".
Durchbrochen werden diese im poetisch philosophischen Stil dahin fließenden Erzählungen von Exkursen in die zuweilen skurrile Kultur- und Verhaltensgeschichte von Wölfen: Von der Lykanthropie, dem Glauben Menschen könnten sich in Raubtiere verwandeln, über die Ungeheuer von Gévaudan bis hin zu den Wolfskindern und der sinnlosen Jagd auf die Wölfe. Angefangen hatte Grimauds Liebe zu den Wölfen bei einem Spaziergang in Florida, wohin Hélène Grimaud ihrem Freund gefolgt war. Plötzlich stand sie einer Wölfin gegenüber, in deren Augen sie so etwas wie eine verloren geglaubte Seelenheimat zu erblicken meinte. Sie begann die Spezies zu erforschen, erarbeitete sich eine Wolfshalterlizenz. Heute ist sie stolze Besitzerin eines Wolfsgeheges unweit von New York. Die Hälfte des Jahres verbringt sie hier, im Engagement für eine vom Aussterben bedrohte Tierart. Die andere auf Konzertreisen. Wahrscheinlich haben mich nur die Wölfe davor bewahrt, ganz menschenfeindlich zu werden.
Ein außergewöhnliches Buch von überwältigender Diktion und dabei zutiefst berührend! --Teresa Pieschacón Raphael
Kurzbeschreibung
Für Helene ist die Musik wie eine Befreiung, und schnell wird ihr besonderes Talent sichtbar. Mit 12 Jahren wird sie am Pariser Konservatorium angenommen - als jüngste Studentin aller Zeiten. Nach vier statt acht Studienjahren verlässt sie die Hochschule - ohne Abschluss, aber mit einem Plattenvertrag, einem Engagement beim Orchestre de Paris und Einladungen zu großen Musikfestivals in der Tasche.
Dann begegnet Helene Grimaud in Florida einer Wölfin, mit der sie spontan eine Seelenverwandtschaft empfindet. Diese Begegnung verändert ihr Leben. Seit 1997 besitzt sie in der Nähe von New York ein Wolfsgehege und engagiert sich dort für die vom Aussterben bedrohten Tiere.
Helene Grimaud ist eine Ausnahmeerscheinung - selbst in der schillernden Welt der klassischen Musik: schön, eigenwillig, leidenschaftlich, engagiert und hochtalentiert. Die fesselnden Erinnerungen einer einzigartigen Frau, die ihr Leben zwei Leidenschaften widmet - ihrer Musik und ihren Wölfen.
Klappentext
LE MONDE DE LA MUSIQUE
"Eine faszinierende Autobiographie, die viel mehr ein Roman ist als die meisten Romane des Jahres!"
LE JOURNAL DE DIMANCHE
"Wenn es ein Lieblingskind in der Welt der schwarzen und weißen Tasten gibt, so ist es Hélène Grimaud. Feuilletons, Fernsehsender, ja selbst die Redakteure der Boulevardpresse stehen Schlange, um der Musik der französischen Pianistin zu lauschen und im Anschluss ein Interview zu ergattern."
MÜNCHENMUSIK
Über den Autor
Auszug aus Wolfssonate von Helene Grimaud, Michael von Killisch-Horn. Copyright © 2005. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Ein Paradies, begraben in meinem Innern.
»Sie ist niemals zufrieden!«
Tausendmal habe ich als Kind diese Worte aus dem Mund derer gehört, die mich betrachteten, auf mich aufpassten, Bemerkungen über mich machten, und lange bevor ich verstand, was sie bedeuteten, hatte ich mir aus ihnen eine Familie gebildet, wie mit meinen Stofftieren. Mit dem Familiennamen »Un«. Sie waren die Familie der »Un« und verfügten alle über die gleiche Macht: Verwunderung oder Besorgnis auf das Gesicht meiner Mutter zu zaubern. Allein in meinem Zimmer, sagte ich sie mir immer wieder vor, dabei betonte ich deutlich, was ich von ihren Silben behalten hatte. Ich erstellte einen Stammbaum für sie. Der Urgroßvater der Wörter (ich hatte selbst einen Urgroßvater, den ich abgöttisch liebte) war Un-gehorsam. Keine Urgroßmutter, dafür gab es keinen Grund, ich hatte ebenfalls keine. Übrigens hielt ich mich für ziemlich einzigartig: Meine seltenen Umfragen in der Schule hatten mich hinsichtlich dieses Schatzes beruhigt; keine, keiner von denen, die meine Eltern oder die Lehrerin meine »Kameraden« nannten, besaßen einen Urahn in ihrer Familie.
Auf Un-gehorsam folgte sehr häufig Un-zufrieden. Dann Un-bezähmbar. Oder Un-möglich. Un-diszipliniert. Un-ersättlich. Un-gezogen Un-erziehbar. Un-berechenbar.
»Lassen Sie sie Sport treiben.«
Irgendjemand musste ein Zuviel an Energie, einen Überschuss an Vitalität diagnostiziert haben, wofür die Kampfsportarten oder Tennis das richtige Ventil sein könnten. Ich machte beides, und außerdem noch Ballett, aber ich wurde für völlig »un-geeignet« für diese Kunst befunden. Meine Aversion ging über die schlichte körperliche Disziplin hinaus: Die ganze Ausstaffierung war mir zutiefst zuwider. Bodysuit oder Ballettröckchen, Ballettschuhe oder rosa Satin, nein, wirklich, nichts von all dem gefiel mir. Ich ähnelte erschreckend den Puppen, die man mir in ein paar unglücklichen Versuchen zu Weihnachten schenkte. Ich habe sie alle wütend an die Wand geknallt. Schon die Vorstellung, dass man darauf kommen konnte, mir so etwas zu schenken, entsetzte mich. Und jetzt sollte ich auch noch aussehen wie sie! Der Kampfsport bereitete mir dagegen ein gewisses Vergnügen, und Tennis spielte ich regelmäßig mit meinem Vater, wunderbare Augenblicke der Komplizenschaft mit ihm, der mit seinem kartesianischen Temperament, seiner Ordnungsliebe und Strenge und seinem Hang, alles durchzuplanen, von meiner hektischen Betriebsamkeit, meiner Sprunghaftigkeit und meinen plötzlichen Leidenschaften ganz schön genervt wurde.
Ich spürte genau, dass er, wenn er mich ertappte, verärgert war. An dieser Überraschung, deren Ausmaß ich in der starken Erweiterung der Pupillen meiner Mutter zu erkennen lernte, wenn sie entdeckte, dass ich es erneut getan hatte. Dann suchten beide, die besten Eltern der Welt, ein Ventil für dieses unvernünftige Verhalten. Aber nichts vermochte diese Vitalität einzudämmen, die ich gegen mich zu richten verstand. Ich hatte keine Spielkameraden. Nicht in der Schule, die für mich eine Prüfung war, und nicht in den außerschulischen Aktivitäten, die man mir vorschlug.
»Sehen Sie sich diese Zeichnung an.«
Die Lehrerin hatte meiner Mutter ein großes Blatt Papier gezeigt, auf dem sie nur ein Gitter aus Quadraten hatte erkennen können. Obwohl sie von Berufs wegen auf alle verrückten Einfälle vorbereitet war, da sie selbst Lehrerin war, erkannte sie die Falle nicht: »Ich verstehe nicht, was das sein soll.«
»Dabei ist es ganz einfach«, hatte meine Lehrerin geseufzt, »ich habe Hélène wie alle Kinder gebeten, Hühner in einem Hühnerhof zu zeichnen. Ihre Tochter hat ein Drahtgitter gekritzelt. Das ist sehr beunruhigend.«
Anschließend hatten sie miteinander getuschelt; die Familie der »Un« hatte sich auf ihren Lippen versammelt. Ratschläge. Unvermeidliches Stirnrunzeln.
»Stimmt es, dass du dich weigerst, in der Pause mit den anderen zu spielen? Erzähl mir nicht, dass es in der ganzen Schule nicht einen Jungen, nicht ein Mädchen gibt, das Gnade vor deinen Augen findet.«
Sie machte sich ständig Sorgen, meine Mutter. Ich rieb meine Wange an ihrer Hand. Sie hatte einen ganz besonderen Duft, eine Mischung aus Lavendel und Kreide, häufig übertönt von einem Hauch Knoblauch, den die Seife nicht vertreiben konnte. Der Knoblauch der Provence, wo ich geboren wurde, mit dem sie die Gerichte wie mit winzigen Kieseln in einem Wald von Gewürzen bestreute, während sie alte italienische Weisen für mich summte. Ich hasste es, wenn sie sich Sorgen machte. Das Stirnrunzeln, das den Ansatz ihrer Nase zerfurchte, gab mir einen Stich ins Herz. Ich hatte schreckliche Schuldgefühle. Ich hielt mich für böse. Dabei war diese Bosheit gar nicht ich. Nicht mein Wesen. Ich schleuderte die Puppen an die Wand, und mit ihnen zerschmetterte ich die liebevollen Gefühle derer, die sie mir schenkten, aber das war nicht ich, das war nur etwas in mir, das herauswollte, das sich ausdrücken, ausbrechen wollte.
»Was ist das, eine Grenze, Mama?«
»Etwas, das ein Ende markiert «
»Dann ist mein Körper also meine Grenze?«
Meine verhasste Grenze, die etwas in mir zu überwinden suchte. Böse? Die Kinder waren manchmal böse. Ich konnte die Augen schließen und die Bosheit in ihrem Lachen verkörpern und in den Schlägen, die sie ihrem Sündenbock in der Pause heimlich versetzten. Ihren Fußtritten in die Seite eines kranken Hundes. Und wie sollte ich ihr diese Aversion begreiflich machen, die ich gegen die anderen hatte, gegen ihre Art, sich zusammenzurotten und den Schwächsten zu schlagen oder anzugreifen. Ich fand sie erbärmlich. Ich fühlte mich vollkommen anders als sie. Und ich war es, nicht wahr?
»Nanou, du darfst nicht lauthals fragen, warum der Hausmeister humpelt. Er hinkt, weil er behindert ist, und er hat dich gehört. Das hat ihm wehgetan, und man darf die Leute nicht verletzen. Das ist grausam.«
Ich war drei. Am nächsten Tag sagte ich, als wir an derselben Stelle unserem Hausmeister begegneten, mit lauter Stimme:
»Siehst du, Mama, ich habe nicht gesagt, dass der Monsieur humpelt.«
Ich hatte diese Worte laut und vernehmlich ausgesprochen. Ich erinnere mich nicht an die Reaktion meiner Mutter. Ich erinnere mich nur an das, was ich selbst in diesem Augenblick empfand: Der Schmerz des Hausmeisters traf mich ins Herz, ich spürte ihn physisch, und er war durchdrungen von Traurigkeit, weil dieses kleine Mädchen, das er seit seiner Geburt kannte, der Grausamkeit der Taktlosigkeit, der Macht wehzutun nachgegeben hatte. Ich erinnere mich an das unmittelbare Entsetzen über meine Worte und meine Gewissensbisse, mein Leid. Es hatte den gleichen metallischen Geschmack, es löste die gleiche Explosion rötlich violetter Farbe aus, wenn ich den Kindern aus meiner Klasse zusah, wie sie einen anderen verspotteten, wenn ich ihre Gewalttätigkeit feststellte, die der Jungen vor allem, die immer in Gruppen waren, sich ständig anrempelten und brutal aufeinander losgingen. Und doch, wenn ich mit jemandem hätte spielen müssen, hätte ich sie gewählt. Besser als jeder andere erkannte ich auf den ersten Blick die besten Äste, um auf die Bäume zu klettern. Ich hätte sie alle im Klettern, im Laufen, im Ausweichen übertrumpft. Vor allem ihre Murmeln gefielen mir: das Spiel der Hände auf den Kugeln, diese Fingerchoreographie manchmal kraftvoll, manchmal behutsam und zart , sie führten ein faszinierendes Ballett in der Sonne auf, in der die Farben der Achate, der Wassertropfen, der Erdöltropfen, der Opale aufblitzten. Die Murmeln liebte ich bis in ihre Musik hinein, dieses leise Klirren in den Taschen, das dumpfe Schlagen, das den Sieg verkündete, wenn sie gegeneinander stießen. Aber weiß der Himmel warum, Murmeln und Mädchen passten nicht zusammen. Und es stimmt, das Murmelspiel verlangte ganzen Körpereinsatz, man durfte sich weder scheuen, sich hinzuhocken, noch sich zu verrenken. Und die Mädchen achteten stets auf ihre Bewegungen, verhielten sich unnatürlich, bemühten sich, ihren Rock nicht zu verknittern, ihre Strümpfe keine Falten schlagen zu lassen, während den Jungs ihre Kleidung vollkommen gleichgültig war. Sie beschmutzten oder zerrissen sie, ohne weiter darüber nachzudenken, mit einem Hochmut, der mich entzückte.
Dennoch fühlte ich mich nicht als »Junge«, ich war ein Kind und lehnte mich dagegen auf, dass man wegen meines Geschlechts ein vorherbestimmtes gekünsteltes Verhalten von mir erwartete, das meinem Wesen vollkommen fremd war. Zum Glück respektierte meine Mutter meinen Charakter und zwang mich niemals, diese verschmockten Röcke, Blusen oder Kleider anzuziehen.
In den Pausen versteckte ich mich, um den anderen aus dem Weg zu gehen, in den Klassenzimmern oder in den Gängen, hinter den Kleidungsstücken, die an den metallenen Kleiderhaken hingen. Es kam vor, dass jemand, der die Aufsicht hatte, mich fand und in den Hof schickte. Ich hatte dort mein Plätzchen, die Ecke einer hohen Mauer, die meinen Rücken beschützte, und reglos wie eine Eidechse beobachtete ich alles, was um mich herum geschah, vor allem bei den höheren Klassen.
Dort ging regelmäßig, stets von zwei oder drei anderen Mädchen begleitet, mit der Lässigkeit einer Königin Sabine unter den Kastanienbäumen spazieren. Ich beneidete diese Großen um ihr Lachen und ihre Vertraulichkeit im Umgang miteinander, um diese merkwürdige Atmosphäre, gewoben aus den Geheimnissen, die sie miteinander teilten und die ihr Gesicht röteten. Sabine war sehr groß, mit runden Wangen, ihr Gang hatte etwas ausnehmend Sanftes, und ihr Lächeln war besonders offen. Für mich hatte sie etwas Madonnenhaftes. Ich liebte den Rhythmus ihres Haars auf ihren Schultern, wenn sie ging, und vor allem diese Begabung, alle Geräusche die ganze Kakophonie eines Pausenhofs um sie herum zum Verstummen zu bringen, sobald sie auftauchte. Sie hielt die Klänge an. Ich bewunderte sie. Wenn ich an sie dachte, überfiel mich plötzlich eine heftige, brennende Ungeduld, älter zu werden, erneut dieses Verlangen, aus mir herauszutreten, meine Gliedmaßen in alle Richtungen zu schleudern, dieses Gefühl, das mich mit der Kraft eines fröhlichen Schluchzers aus der Welt hinausschleuderte.
Im Klassenzimmer gelang es mir ebenso wenig, mich mit meiner Umwelt zu vertragen. Meine Lehrer scheiterten bei dem Versuch, mein Temperament zu zügeln. Nicht dass ich eine schlechte Schülerin gewesen wäre, aber ich redete alle naselang dazwischen oder träumte vor mich hin, wenn ich aufpassen sollte; ich stellte unpassende Fragen und sprudelte ständig über vor Energie. Ich störte den Unterricht. Und zugleich war ich unglücklich darüber. Es gelang mir nicht, die Rügen, die auf mich herniederhagelten, als vollkommen ungerechtfertigt abzutun: Schuldgefühle nagten an mir, und lange habe ich nachts in meinen Träumen gespürt, wie das Heulen des Mistrals mich die riesige Schultreppe hinabschleuderte, die mein Albtraum ohne Geländer, ohne Halt errichtete, und ich stürzte in einem Schwindel erregenden Fall hinunter. Ich überstand ihn natürlich unverletzt, in Todesängsten und schweißgebadet, aber stets überrascht, in meinem Bett aufzuwachen, als müsste dieser Traum mich einem anderen Element, einem Anderswo überantworten, wo ich mich endlich zu Hause fühlen würde. Weiter weg. Größer als ich. Ich wusste nicht, wo, aber dieser Wunsch nach einem Anderswo steckte in mir, wenn auch als Hohlform, er war wie ein unabweislicher Mangel, und diese unaussprechliche Präsenz, ihre unsagbare Abwesenheit quälten mich, ließen mir keine Ruhe.
1532 veröffentlichte der Parlamentspräsident Barthélemy de Chasseneuz in Aix-en-Provence, der Stadt, in der ich geboren wurde, eine Sammlung seiner Gutachten, von denen die meisten die »gängigen Verfahren gegen schädliche Tiere« betrafen. Er hatte selbst, wie erzählt wurde, in einem glänzenden Plädoyer die Ratten verteidigt, die in die Stadt Autun eingefallen waren. In dieser Sammlung rekapituliert Chasseneuz alias Chassené die alltäglichen Fragen, die die verheerenden Taten der schädlichen Tiere aufwerfen, die er übrigens alle aufzählt: Ratten, Feldmäuse und Wühlmäuse, Rüsselkäfer, Nacktschnecken, Maikäfer, Raupen und anderes Ungeziefer, lauter Schädlinge, die die Ernten vernichten.
Muss man sie daher vor Gericht stellen?, fragt Chassené, der eine Bestandsaufnahme der damals gängigen Rechtsprechung unternimmt. Diese ist eindeutig: Die Tiere müssen vor einem Gericht erscheinen, und sie werden namentlich zu der Verhandlung vorgeladen. Und wenn sie nicht persönlich erscheinen können, wird von Amts wegen ein Anwalt bestellt, der sie vertritt. Diese Prozesse werden ausschließlich vor dem Gericht des Bischofs geführt; die gefällten Urteile verbannen die Schädlinge und das Ungeziefer von den bestellten Feldern, die sie ruinieren, da sie jedoch ihr natürliches und legitimes Bedürfnis, sich zu ernähren, anerkennen, gestatten sie ihnen, sich auf dem Brachland niederzulassen. Und wenn die angeklagten Tierchen den Anordnungen nicht Folge leisten, also praktisch immer, belegt der Richter sie mit dem Kirchenbann oder spricht die Exkommunikation aus. Auf diese Weise werden die Fliegen von Laon exkommuniziert, ebenso wie die Heuschrecken von Troyes und zahlreiche andere Raupen und Wildkaninchen.
Aber nicht alle Straftäter der Tierwelt werden exkommuniziert. Die Haustiere bekommen einen ordnungsgemäßen Prozess, allerdings vor einem weltlichen Gericht. Schweine, Rinder, Esel, Hunde oder Pferde, die sich schuldig gemacht haben, indem sie Läden oder Gärten verwüstet, Nahrung gestohlen, die Arbeit verweigert oder, weitaus schlimmer, einen Menschen ermordet haben, werden verhaftet und ins Gefängnis gebracht, wo sie auf ihr Urteil warten.
Wie bei jedem anderen Verbrecher nimmt die Polizei ein Protokoll auf, führt ihre Ermittlungen durch, lädt die Zeugen vor und hört sie an. Und dann der Urteilsspruch. Das Urteil wird gefällt und schließlich dem schuldigen Tier in seiner Zelle verkündet. Und so wurde 1386 in der Normandie eine zum Tode verurteilte Sau, von den Ohren bis zu den Füßen wie ein Mensch gekleidet, von einer Stute (eine absolut entwürdigende Behandlung!) zum Festplatz gezogen, wo sie hingerichtet wurde. Vor dem Vicomte de Falaise und seinen Bauern, die mit all ihren Schweinen zu ihrer größten Erbauung herbeigeeilt waren, und vor dem Besitzer der Sau, der in die erste Reihe gesetzt worden war, »um ihn zu beschämen«, schnitt der Henker der Sau die Schnauze ab und schlitzte einen Schenkel auf. Dann setzte er eine Menschenmaske auf die verstümmelte Schnauze und hängte das Tier an seinen Hinterbeinen auf, bis der Tod eintrat, wonach die Sau schließlich noch auf einem Scheiterhaufen verbrannt wurde.
Was hatte diese Sau verbrochen, um einen solchen Tod zu verdienen und ihre Artgenossen aus der Umgebung in dieses Schauspiel ihrer Hinrichtung hineinzuziehen? Nachdem sie ins Haus eingedrungen war, hatte sie das halbe Gesicht und den Arm eines drei Monate alten Säuglings gefressen, Jean le Maux, der in seiner Wiege lag und an seinen Verletzungen starb.
Ebenso wird in Gisors ein Ochse wegen schuldhafter Verfehlungen gehenkt; in Clermont-en-Beauvaisis wird eine Eselin mit der Arkebuse erschossen, weil sie ihre neue Herrin getreten hat; in Baugé henkt und verbrennt man ein Schaf in einem Sack zusammen mit seinem Besitzer wegen bestialischen Verhaltens. Tierprozesse sind an der Tagesordnung. Die Starrolle spielen in den Chroniken über Strafprozesse gegen kriminelle Tiere, die bis ins 17. Jahrhundert üblich waren, die Schweine, denn sie streifen damals nach Lust und Laune frei durch die Städte und auf dem Land herum, wo sie als Straßenarbeiter und Müllmänner fungieren und die Friedhöfe verwüsten, um die Leichen in Stücke zu reißen. Unter der Folter gesteht (sic!) eine andere Sau 1457 in Savigny-sur-Etang in der Bourgogne, dass sie den fünfjährigen Jehan Martin getötet und mit ihren sechs Ferkeln zur Hälfte aufgefressen habe
Warum diese Prozesse? Schlicht und ergreifend, damit die Tiere, deren Wesen zu bestimmen man immer noch zögert haben sie eine Seele oder nicht und wenn, was für eine? , unparteiisch und gerecht behandelt wurden. Wie jeder x-beliebige Mensch.
Manchmal war ich vollkommen glücklich. Immer dann, wenn meine Eltern plötzlich beschlossen, aus Aix-en-Provence zu fliehen, das kam einfach so über sie.
»Fahren wir?«
»Wir fahren.«
Keine Schule mehr, keine Nachbarn, keine Blicke mehr auf mich. Die Zwänge blieben an der Wohnungstür zurück. Jeder machte es sich in seinem Eckchen bequem, entspannt und unbewacht. Auf diesen kleinen Reisen in der Regel fanden sie am Wochenende oder in den kleinen Schulferien statt durchlebte ich Phasen vollkommener Glückseligkeit. Ich war endlich ganz bei mir, ganz ich, unteilbar, Gestalterin des Augenblicks und nicht mehr im Abseits, an den Rand gedrängt, während ich mit äußerster Aufmerksamkeit beobachtete, was um mich herum geschah, ohne dass es mir jemals gelang, daran teilzunehmen. Dieses Warten erschöpfte mich und lud mich zugleich mit einer gewittrigen Elektrizität auf, als würden die Elektronen des Kosmos miteinander streiten und mein Blut in Wallung bringen, schlechtes Blut, Blut einer Rebellin, aber woher hatte ich dieses Blut?