"Wolfssonate" / variations sauvages = wilde Variationen: Hélène Grimaud hat sich an einer interessanten autobiographischen Themen-Doppel- und Dreifachführung versucht - wie es sich für gute Musiker gehört, die mit Bässen, Oberstimmen und füllenden Harmonien gleichzeitig zu hantieren stets imstande sind.
Mit der Beschreibung der Wildheit ihrer kindlichen Unruhe wird von Hélène Grimaud im Erzählstrang geschickt verflochten gleichzeitig die Dokumentation ihrer aufregenden Aufstiegs-karriere als Konzertpianistin. Sodann beschreibt sie als einen zu ihrer persönlichen Ausgeglichenheit stets notwendigen Gegenpol zur Berufswelt: Das Zusammensein mit ihren Wölfen.
Guckt sie jenen mit ihr vertraut gewordenen, von ihr gut gehegten Tieren in die Augen, meint sie, einem Teil von sich selbst zu begegnen: ihrem existentiellen Anfangspunkt näm-lich, jener emotional in ihr verkapselten Phase der noch vor jeglicher kreativen Explosion befindlichen, unausgegorenen und durch Unduldsamkeit geprägten Kindheit in ihrer Geburtsstadt Aix-en Provence.
In sich hatte sie damals zu integrieren eine Reihe sich gegenseitig bekämpfender Milieus: jenes ihrer korsischen Mutter, das ihres deutschstämmigen Vaters - sowie ihre aktuelle französische Schulumwelt.
Da war der inner-psychische Wellengang wohl hoch - Todessehnsucht angesichts einer gewissen Sisyphus-Aufgabe hatte sie da in sich: Sie fügte sich selbst Verletzungen zu, um sich zu spüren.
Als Pianistin wählt die nunmehr 34jährige u. a. Kompositionen von Serge Rachmaninoff oder besonders gerne eine Chopin-Sonate mit Trauermarsch: Dort begegnet sie endlich seelenverwandter Düsternis - welche von Präzision und Können gezähmt werden will.
Man staunt allseits, mit welch kraftvollem Anschlag die zart gewachsene Dame auf der Bühne agiert. Aber dann: Auge in Auge mit ihren Biestern entspannt sich die Schöne in ihrem Wolf Conservation Center in der Nähe von New York - jedoch spielt auch da nicht eine gewisse Todessehnsucht, zumindest aber beunruhigende Risikogier mit hinein?
"Media vita in morte sumus" - mitten im Leben sind wir gleichzeitig auch vom Tod bedroht. Mit dem gleichen Ernst, mit dem Hélène Grimaud auf der Konzertbühne zu bewundern ist, mit dem gleichen konzentrierten, ernsthaften Respekt nähert sie sich auch ihren letztendlich unberechenbaren Wölfen - und ihrer noch unterschwellig wie bei jedem Menschen permanent weiterbrodelnden Kindheit und psychischen Miss-Mixtur.
Hélène Grimaud gelingt, was sich einst der französische Philosoph Henri Bergson als Idealfall vorgestellt hatte: Dass man sich ständig aller Erlebnisschichten bewusst bleibe, welche ein Leben bisher durchlaufen habe, dass man also nicht eindimensional werde durch Beruf oder Lebensalter, dass man, ähnlich einer vierten Dimension, stets den ganzen Lebensbogen komplett emotional in sich trage.
Hélène Grimaud besitzt nicht nur die Kunst, auf dem Flügel interpretierende Akzente zu setzen - die Fähigkeit, tief beeindruckende Schwer-punkte zu setzen beherrscht sie auch bei der Gestaltung ihres emotionalen und schriftstellerischen Erfahrungshorizontes ...