Neue Zürcher Zeitung
Ein ewig Pubertierender
U. Sm. Eigentlich gibt es in Jewgeni Jewtuschenkos Biographie nur ein Ereignis, das man bedauern muss: Nachdem der 15jährige sein erstes Gedicht in einer sowjetischen Sportpostille veröffentlichen konnte, betrank er sich dermassen, dass er am nächsten Tag nicht als Torwart in eine bekannte Fussballmannschaft aufgenommen wurde. Hätte Jewtuschenko diese Prüfung bestanden, wäre die russische Poesie um einen der egomanischsten und lärmigsten Dichter ärmer und der sowjetische Fussball um einen passablen Torwart reicher. So aber blieb dem jungen Reimeschmied nur der Weg nach vorn, ins sowjetische Beamtendichtertum. Am Ende seiner offiziell geförderten Karriere in einer Situation mithin, in der Schweigen angezeigt gewesen wäre hält es Jewtuschenko nun auch noch für nötig, die Nachwelt mit seiner Autobiographie zu beglücken. Über das Wichtigste, nämlich Jewtuschenkos geschicktes Lavieren zwischen Servilität und Dissidenz, erfährt man wenig. Dafür protzt er mit seinem enormen Frauenverschleiss (darunter vier Ehen), seinen Auslandsreisen, seiner Datscha und vor allem mit seinen prominenten Bekanntschaften. Entstanden ist das Dokument einer peinlichen Selbstbeweihräucherung, das nach dem Muster «Ich und Pasternak», «Ich und Fellini» oder «Ich und Solschenizyn» gestrickt ist. Am Ende begreift man, wo das eigentlich Ärgerliche an diesem Buch liegt: Jewtuschenkos ganze Existenz ist darauf ausgerichtet, anderen zu imponieren. In diesem Sinne ist Jewtuschenko nie erwachsen geworden. Auch heute noch pubertiert er in seinem bequemen Eigenheim in Tulsa, Oklahoma, und richtet von dort aus poetische Sendschreiben nach Russland, dass man ihm in der Heimat kein Denkmal errichten müsse. Als ob das jemandem in den Sinn gekommen wäre.
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
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Pressenotiz zu : Neue Zürcher Zeitung, 03.06.2000
Wenig Sympathie bringt der Rezensent mit dem Kürzel U. Sm. dem russischen Schriftsteller Jewgeni Jewtuschenko entgegen, noch weniger seiner nun erschienenen Autobiografie. Diese sei nichts als "peinliche Selbstbeweihräucherung". Das kaum erträgliche Imponiergehabe erstrecke sich auf die Eroberung von Frauen und Prominenten gleichermaßen, zu seinem wenig heroischen Verhalten in der Sowjetunion ziehe es Jewtuschenko dagegen vor, Schweigen zu bewahren. Keine Frage: der Rezensent rät entschieden ab von diesem Buch.
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