In 'Wolfskinder' geht es um zwei Mädchen; Theres und Teresa. Von beiden erzählt Lindqvist die Lebensgeschichte ab ihrer Geburt bis zum Alter von ca. 14 Jahren. (Schön: Wenn die Handlungsstränge parallel verliefen, freute ich mich jedes Mal über den Wechsel zum jeweils anderen, denn beide waren spannend, und ich habe keinen bevorzugt.)
Von Theres ist bereits in der offiziellen Inhaltsangabe die Rede: Sie wird als Säugling halb vergraben in einer Tüte im Wald gefunden und von zwei B-Promis der schwedener Schlagerszene verborgen aufgezogen. Damit das funktioniert, erschaffen diese ein Weltbild, in dem es die großen und die kleinen Menschen gibt, wobei erstere die letzteren fressen wollen. Das ist u.a. dafür verantwortlich, dass Theres (und Teresa) später einige schreckliche Dinge tun.
Von Anfang an legt Theres ein merkwürdiges Verhalten an den Tag, was sie auch beibehält; sie ist abwesend, redet erst gar nicht, dann kaum, durchsucht immer wieder ihr Zimmer usw. Aber sie kann singen!
Später nimmt sich der erwachsene Sohn der B-Promis ihrer an, der früher auf die schiefe Bahn geriet, jedoch noch halbwegs die Kurve kriegt und später sogar eine Frau trifft ' Zusammen mit Theres schreibt er Lieder, und schließlich kommt es dazu, dass Theres in einer Casting-Show auftritt, sie Stress mit einem Musikproduzenten bekommen, und sich nebenbei eine Gemeinde aus Mädchen um die seltsame Theres schart.
Unter ihnen und an erster Stelle: Teresa.
Teresa wächst mit typischen Problemen auf, die bei ihr jedoch verstärkt auftreten. Hier trifft man auf lindqvisttypische Themen wie Einsamkeit, das Gefühl des Nichtdazugehörens, Mobbing usw.
Teresa fühlt sich zu Theres hingezogen und tatsächlich verbindet die beiden ein Band '
Die Haupterson Theres ermöglicht es Lindqvist, durch ihre seltsame, reduzierte Art, einen unvoreingenommenen Blick auf das Verhalten der Menschen zu werfen, uns auf interessante Weise den Spiegel vorzuhalten.
Eine Große Rolle spielt in diesem Roman die Musik, von der Lindqvist ja ein großer Freund ist (zu sehen nicht nur daran, dass er gerne, wie z.B. Stephen King, Songzitate in seine Werke einbaut). Da ist schon einige Male die Rede vom absoluten Gehör, von Sinustönen, ein paar Gitarrenbegriffen usw.
Schwedische Künstler und Songs aus der Schlager-/Hitparadeszenewerden genannt, Teile des Buchs durch Lyricausschnitte eingeführt.
Eine weitere nicht unwichtige Rolle spielt in 'Wolfskinder' moderne Poesie. Die melancholische/depressive Teresa liest Gedichte und beginnt später, selbst welche zu schreiben, die dann in Songs von Theres Verwendung finden. Von denen befinden sich einige im Buch.
Sollte man an einem von beiden Themen nicht im Mindestens interessiert sein, kann es evtl. die eine oder andere etwas langweilige Stelle geben.
Was ich auch mag, ist Lindqvists Verwendung von bekannteren Unterhaltungsmedien: Habe ich mich bei 'So ruhet in Frieden' über die Erwähnung von Resident Evil gefreut, werden in 'Wolfskinder' u.a. die Videospiele Max Payne und Tekken 4 sowie die Filme Hostel, Saw und Cannibal Holocaust erwähnt. Nett!
Die Geschichte ist komplex, dicht und fesselnd. Lindqvist hat eine ganz eigene Art zu erzählen, und falls Sie ihn noch nicht kennen, kann ich nur raten: Probieren Sie ihn aus!
In meinen Augen verdient er mehr Beachtung, denn er gewinnt auf seltene und angenehm anspruchsvolle Art der Phantastik neue Seiten ab. Man kann seine Werke als reine Unterhaltung lesen oder anschließend darüber nachdenken, und dann geht es los! Aufgrund dieser Vielschichtigkeit empfinde ich es auch als sehr schwierig, eine Rezension zu 'Wolfskinder' zu verfassen, die der Geschichte als Gesamtwerk gerecht wird - daher nochmal der Tipp: einfach ausprobieren!
Ich habe übrigens die Kindle-Version gelesen; einwandfrei, keine Formatierungsfehler o.Ä.
FAZIT:
Für Lindqvistmöger und nicht zart besaitete Leute, die anspruchsvolle, eher schwermütige Phantastik mögen und Musik sowie moderner Poesie nicht gänzlich abgetan sind, ein absoluter Pflichtkauf!