Bad Kreuznach und das angrenzende Bad Münster am Stein gehören zu meinen favorisierten Reisezielen für ebenso erholsame wie genussreiche Wochenendausflüge. Um so schwerer fällt mir die Vorstellung, dass in diesem von gepflegten Kurparks, Salinen, Wellness-Einrichtungen und gehobener Gastronomie geprägten urbanen Ambiente so etwas wie ein 'Wolfskind' herumstreunen könnte. Ein Mensch, der aufgrund jahrzehntelanger Isolation zum nichtsozialisierten Autisten wird, gehört einfach nicht zum heilen Bild einer immer noch vom Glanz des fin de siècle zehren wollenden Kurstadt.
Gerade diese Diskrepanz aber macht den tiefgründigen Reiz von Martina Deckers Regionalkrimi 'Wolfskind' aus. Das dunkle Geheimnis des aufgegriffenen jungen Mannes auf dem Entwicklungsstand eines Vierjährigen sprengt schnell die Fassaden der Wohlanständigkeit und führt die Kripo auf die Fährte einer sinistren Familientragödie. Den überraschenden Schluss, den die Autorin meisterhaft nach Art der legendären Krimi-Klassiker komponiert hat, will ich hier natürlich nicht verraten. Nur soviel sei angemerkt: Wolfskinder können überall auftauchen - nicht nur in Bad Kreuznach...