Kurzbeschreibung
Rotkäppchen lebt!
Trotz aller Aufgeschlossenheit und Liebe zur Natur haben die Menschen auch heute noch Angst vor dem Wolf. Diese Angst ist einer der Hauptgründe, warum immer wieder streng geschützte Wölfe in Deutschland erschossen werden. - Ist diese Angst berechtigt? - Wie gefährlich sind Wölfe? - Greifen Wölfe Menschen an? Diesen Fragen geht die Autorin und Wolfsexpertin nach, die viele Monate im Jahr in Nordamerika wilde Wölfe beobachtet. "Wolfsangriffe" ist ein Buch, das hilft, die Wölfe zu verstehen. Es ist sowohl ein Buch für alle die Menschen, die sich vor ihnen fürchten, als auch für die, die Wölfe lieben und sie schützen wollen.
Der Autor über sein Buch
Jahrelang haben wir Wolfsexperten immer wieder behauptet, dass noch nie ein wilder Wolf einen Menschen angegriffen habe. Dies ist aber so nicht korrekt. Es gab in der Tat Angriffe von Wölfen auf Menschen - und gibt sie immer noch. In meinem Buch gehe ich der Frage nach, unter welchen Umständen und warum Wölfe Menschen angreifen können. Ich untersuche aktuelle Fälle und gebe Verhaltenshinweise für Menschen, die sich in Wolfsgebieten aufhalten. Ich bin der Überzeugung, dass Ehrlichkeit der beste Weg ist, Wölfe langfristig zu schützen. Ein Leugnen spielt nur in die Hände der Anti-Wolf-Fraktion, die die Berichte von Wolfsangriffen oder Zwischenfällen nutzen werden, um zu zeigen, dass wir Wolfsfreunde absichtlich die Öffentlichkeit belügen. Die Wolfsgegner nutzen die Angst vor Wolfsangriffen, um die öffentliche Meinung gegen Wölfe zu beeinflussen. Ehrlichkeit und Fakten über bekannte Wolfsangriffe, ihre Gründe und wie wir sie vermeiden, sind der beste Weg, dagegen zu kontern. Die Menschen haben weniger Angst, wenn man ihnen Fakten statt Gerüchte in die Hand gibt. Die Wölfe sind nicht schlechter oder besser als wir Menschen, die sie zu schützen versuchen. Viele der im Buch erwähnten Konflikte beim Leben mit Wölfen werden weiter bestehen. Es nützt uns nichts, wenn wir das leugnen. Im Gegenteil, wir zerstören das Vertrauen und die Glaubwürdigkeit, die wir im Laufe der Jahre aufgebaut haben. Wir, die wir uns für Wölfe einsetzen, helfen ihnen nicht, indem wir weiterhin steif und fest behaupten, dass noch nie ein wilder Wolf einen Menschen angegriffen habe, sondern indem wir zugeben, dass die Wölfe nicht perfekt sind. Schließlich ist es gerade dieses nicht-perfekte, die Wildnis, was uns an den Beutegreifern anzieht und was uns zu ihrem Schutz motiviert.
Über den Autor
Elli H. Radinger (geboren 1951) ist Fachjournalistin und Expertin in Sachen Wolf. Seit 1991 ist sie Chefredakteurin einer Fachzeitschrift für Wölfe und hält sich in ihrer Freizeit in der Wildnis Nordamerikas auf, um dort Canis lupus zu studieren.
Auszug aus Wolfsangriffe - Fakt oder Fiktion? von Elli H. Radinger. Copyright © 2004. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Das Rotkäppchen-Syndrom
Seit Tagen schon hat es nicht mehr aufgehört zu schneien. Ein Blizzard hat das kleine Dorf in Sibiriens Taiga fest im Griff. Bei eisigem Sturm und Minustemperaturen um 40 Grad Celsius können die Bewohner keinen Schritt mehr aus dem Haus machen. Sie schaffen es noch nicht einmal mehr zu den Vorratshäusern, wo sie die magere Ernte der letzten Jahre in tief in die Erde eingegrabenen Räumen aufbewahren. Die Menschen haben Hunger. Aber nicht nur sie.
Draußen hören sie ein Heulen. Zunächst ist es nur ein einzelner Ton, aber in den nächsten Nächten werden es immer mehr - und sie kommen immer näher. Sobald es dunkel wird, sehen die Dorfbewohner die grauen Schatten um die Häuser huschen. Gelegentlich blicken glühende Augen in ihre Fenster hinein. Die Wölfe sind da! Sie haben das Dorf belagert, und sie haben Hunger ...
So oder so ähnlich können wir es immer noch in Büchern lesen - und nicht nur in alten Büchern. Auch Jagdzeitschriften lassen gelegentlich ein ähnliches Szenario auferstehen oder erzählen zum hundertsten Mal die Geschichte der russischen Troika, die von einem Rudel glutäugiger und blutrünstiger Wölfe verfolgt wird.
Wölfe weckten schon immer ambivalente Gefühle in uns Menschen. Wir kennen und fürchten sie von Kindesbeinen an durch Märchen wie "Rotkäppchen" oder "Der Wolf und die sieben Geißlein" - und dennoch sind sie uns so vertraut wie kein anderes Tier, denn ihre domestizierten Brüder und Schwestern leben seit Jahrtausenden gemeinsam mit uns in unseren Familien.
Dank steter Aufklärungsbemühungen gibt es heute zum Glück immer mehr Menschen, die von sich behaupten, Wölfe zu lieben und keine Angst vor ihnen zu haben. Fragt man aber einmal diese Menschen direkt, ob sie denn etwas dagegen hätten, wenn in ihrem Stadtwald ein Rudel Wölfe leben würde, dann kommt fast immer die Antwort: "Nein! So war das nicht gemeint. Im Stadtwald? Dann können wir ja mit den Kindern dort nicht mehr spazieren gehen!"
Wölfe ja, aber nicht vor der eigenen Haustür. So lautet die Devise. Jeder aufgeklärte Mensch weiß, dass Wölfe keine Menschen fressen. Gleichzeitig haben aber die meisten Angst davor, sie in ihrer Nähe zu haben, weil sie fürchten, dass der Wolf vielleicht doch einmal, "wenn er sich bedroht fühlt" oder "wenn er Hunger hat", einen Menschen angreifen könnte. Ist diese Angst berechtigt?
Seit Tagen schon hat es nicht mehr aufgehört zu schneien. Ein Blizzard hat das kleine Dorf in Sibiriens Taiga fest im Griff. Bei eisigem Sturm und Minustemperaturen um 40 Grad Celsius können die Bewohner keinen Schritt mehr aus dem Haus machen. Sie schaffen es noch nicht einmal mehr zu den Vorratshäusern, wo sie die magere Ernte der letzten Jahre in tief in die Erde eingegrabenen Räumen aufbewahren. Die Menschen haben Hunger. Aber nicht nur sie.
Draußen hören sie ein Heulen. Zunächst ist es nur ein einzelner Ton, aber in den nächsten Nächten werden es immer mehr - und sie kommen immer näher. Sobald es dunkel wird, sehen die Dorfbewohner die grauen Schatten um die Häuser huschen. Gelegentlich blicken glühende Augen in ihre Fenster hinein. Die Wölfe sind da! Sie haben das Dorf belagert, und sie haben Hunger ...
So oder so ähnlich können wir es immer noch in Büchern lesen - und nicht nur in alten Büchern. Auch Jagdzeitschriften lassen gelegentlich ein ähnliches Szenario auferstehen oder erzählen zum hundertsten Mal die Geschichte der russischen Troika, die von einem Rudel glutäugiger und blutrünstiger Wölfe verfolgt wird.
Wölfe weckten schon immer ambivalente Gefühle in uns Menschen. Wir kennen und fürchten sie von Kindesbeinen an durch Märchen wie "Rotkäppchen" oder "Der Wolf und die sieben Geißlein" - und dennoch sind sie uns so vertraut wie kein anderes Tier, denn ihre domestizierten Brüder und Schwestern leben seit Jahrtausenden gemeinsam mit uns in unseren Familien.
Dank steter Aufklärungsbemühungen gibt es heute zum Glück immer mehr Menschen, die von sich behaupten, Wölfe zu lieben und keine Angst vor ihnen zu haben. Fragt man aber einmal diese Menschen direkt, ob sie denn etwas dagegen hätten, wenn in ihrem Stadtwald ein Rudel Wölfe leben würde, dann kommt fast immer die Antwort: "Nein! So war das nicht gemeint. Im Stadtwald? Dann können wir ja mit den Kindern dort nicht mehr spazieren gehen!"
Wölfe ja, aber nicht vor der eigenen Haustür. So lautet die Devise. Jeder aufgeklärte Mensch weiß, dass Wölfe keine Menschen fressen. Gleichzeitig haben aber die meisten Angst davor, sie in ihrer Nähe zu haben, weil sie fürchten, dass der Wolf vielleicht doch einmal, "wenn er sich bedroht fühlt" oder "wenn er Hunger hat", einen Menschen angreifen könnte. Ist diese Angst berechtigt?