Man denkt ja bei jeder Neuerscheinung: Was NeunundzwanzigSechs diesmal abgeliefert hat, läßt sich nicht mehr toppen. Irrtum. Mit ,Unbekannte Pflicht' von Walter Wolfrum setzt der Verlag seine außergewöhnliche Biographienreihe auf dem gewohnt hohen Niveau fort. Wolfrum zählte zu den Jüngsten, die noch als Jagdflieger im Zweiten Weltkrieg zu großen Erfolgen kamen. Mit 19 Jahren wurde er 1943 zum Jagdgeschwader 52 auf die Krim versetzt, wo er unter Kommandeuren wie Steinhoff und Barkhorn flog. Ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen, schildert er seine Enttäuschung über das Menschlich-Allzumenschliche in den eigenen Reihen und die bohrenden Selbstzweifel angesichts der Tatsache, daß er über 100 Feindberührungen hatte, bis er zum ersten eigenen Luftsieg kam. Am Ende des Kriegs waren es 137, wobei er selbst 12mal abgeschossen und schwer verwundet wurde. Ende der Geschichte? Keineswegs. Es geht mit unverminderter Spannung und Klarheit weiter. Wolfrum wird nämlich Kunstflieger und später Nationaltrainer. Ein sehr erfolgreicher, obwohl ihm jede Menge Knüppel zwischen die Beine geworfen werden. Deutsche Meisterschaften und internationale Erfolge reihen sich aneinander, durchbrochen von Mißerfolgen und tödlichen Unglücken. Endlich kommt mal Licht in die Entwicklung des revolutionären ,Acrostar', eines Kunstflugzeugs, das in den 70er Jahren von Wofrum in die Luft gebracht wurde. Und erstaunlich auch, welche krassen - zum Teil lebensgefährlichen - Blüten der Sport in Zeiten des Kalten Krieges trieb. Wer über die Geschichte des modernen Kunstflugs mitreden will, kommt an diesem Buch nicht vorbei. Es ist selbstverständlich verfügbar, und zwar über die online-Präsenz von NeunundzwanzigSechs.
Geschrieben ist das Ganze ohne Schaumschlägerei. Darin erinnert es an die ebenfalls bescheidenen, aber gerade dadurch packenden Erinnerungen von Meimberg und Rall. Günther Rall hat wenige Tage vor seinem Tod auch das Vorwort zu ,Unbekannte Pflicht' beigesteuert. Walter Wolfrums Memoiren sind ein Muß für jeden, der sich über die Luftfahrtgeschichte Deutschlands in Krieg und Frieden ein profundes Urteil bilden will.