Die Tage in denen sich eine ganze Musikergeneration gewieft an der tragischen Dekade der 1980er bediente scheinen Geschichte zu sein. Zumindest, wenn man sich die frischesten Künstler der Gegenwart anschaut. Die New Yorker Hercules & Love Affair zum Beispiel, die auf ihrem aktuellen Album "Blue Songs" den Vocal House der 1990er heraufbeschwören und exaltiertes Voguing wieder salonfähig machen.
Auch der Österreicher Wolfram Eckert aka Wolfram, ein guter Freund der Amerikaner, widmet sich musikalisch dem Jahrzehnt der Generation X. Allerdings geht er nicht in den Houseclub sondern wirft sich in den Autoscooter und beschwört als erster mit filigranem Fingerspitzengefühl die Euro-Dance-Renaissance herauf. Als Autor seiner Leidenschaften lebt der Österreicher schon seit längerem sein Können als vielseitiger, trendresitenter Produzent aus. Unter dem Pseudonym Diskokaine rüttelt er regelmäßig den Dancefloor mit melodisch verspielten Disco- und Chicago- House-Tracks wach. Zuweilen allein, mal unter Mithilfe von Kollegen wie der Amerikanischen Sängerin Princess Superstar oder dem Niederländer Legowelt. Auch als Remixer von Popstars wie Moby konnte er sich schon als Diskokaine beweisen. Unter seinem bürgerlichen Vornamen Wolfram indes widmet sich der Wiener eher den verspielten Arrangements und produziert melodische Partypeitschen für Undergroundlabels wie Crème Organization aus Holland, Gomma Records aus München und Diskokaine. Letzteres gehört dem zwischen New York und Wien hinund her pendelnden DJ und Produzenten höchstpersönlich und hat seinen bis lang größten Coup veröffentlicht: das grandiose Eurobeat-trifft-Italo-Disco-Debütalbum "Disco Romance" der schwedischen Sängerin Sally Shapiro, das Wolfram nicht nur durch sein eigenes Label in die Plattenläden brachte, sondern auch als Executive Producer ästhetisch mitbestimmte.
Nun wagt der 28-jährige den Schritt hin zum eigenen Longplayer, veröffentlicht auf Permanent Vacation sein selbstbetitelten Debütalbum und lässt das Konzept des Tracks zu Gunsten des Songs hinter sich. Statt einer Ansammlung epischer Clubhits hat er sich auf das Format des 4-Minuten-Hits konzentriert und elektronischen Pop produziert, dessen Emotionalität weit über den Club hinaus wirkt. Dank eines Freundeskreises, der auch sonst gern ins Mikrophon haucht, fiel es dem Mann aus der Kaiserstadt nicht sonderlich schwer die richtigen Stimmen für den perfekten Vokalhits zu finden. Mit seinem New Yorker Kumpels Holy Ghost verbreitet er gleich zu Beginn der Platte mit "Hold My Breath" unwiderstehliche Pop-Emotionen und trägt das Chorus-Refrain-Schema so eindringlich in die Disco, das man sich wünscht jeder Wochentag wäre ein Samstag. Auch Andy Butler von Hercules & Love Affair konnte nicht anders, als für seinen Freund zum Mikro greifen. Auf dem von Euro-Dance infizierten Song "Fireworks" singt er mit seiner Bandkollegin Kim Ann atemberaubend emotionsgeladen und poliert das Genre des Torch-Songs vor dem Hintergrund perlender Synthesizermelodien zeitgenössisch auf. Grund für die Kollaboration war aber nicht allein die enge Freundschaft zwischen Wolfram und Butler, durch den der Amerikaner auch Patrick Pulsinger, den Produzenten des neuen Hercules & Love Affair Albums "Blue Songs", kennen lernte. Vor allem der Song "Out of Control", den Wolfram gemeinsam mit dem legendären kalifonischen Discosänger Paul Parker einspielte und der mit viel Glamour das Genre des klassischen Hi-NRG-Funk wiederbelebt, veranlasste das Mastermind von Hercules & Love Affair zur Mitarbeit. Schließlich ist Parker eine Ikone der Schwulen-Kultur und hat mit seinem von legendären Produzenten Patrick Cowley produzierten Hit "Right On Target" die ersten Disconächte von Butler maßgeblich versüßt.
Neben Parker ist mit Haddaway obendrein noch ein weiterer Popstar aus der Vergangenheit zu hören, den Wolfram zu einer Kollaboration überreden konnte. Der einst mit dem Eurodance-Hit "What is Love" weltberühmt gewordene Haddaway lebt mittlerweile nicht mehr in Köln sondern in Monaco und singt nur noch, wenn er wirklich die Lust dazu verspürt. Als der Wiener ihm ganz unverfroren auf digitalem Wege einen Track zukommen lies, sagt er zunächst gelangweilt ab. Doch Wolfram gab nicht auf und schickte dem exzentrischen Sänger ein zweites, vom 1990er Techno beeinflusstes Stück. Diesmal griff Haddaway gleich zum Hörer und sang dem Österreicher den Text zu "Thing Called Love" sofort mit viel Herz auf die Mailbox. Zwischen seinen sehr direkt angreifenden Vokalhits gelingt es dem Österreicher auch seine Passion für kosmische Sounds und experimentierfreudige Synthesizeratmosphärem lebendig zu halten. Vor allem mit der instrumentalen Ballade "Roshi" verneigt er sich vor alten Helden wie Tomita, Tangerine Dream und Vangelis. Und mit seinem Buddy Patrick Pulsinger serviert er unter dem Titel "Teamgeist" einen epischen Cosmic-Techno-Zwitter, der nach einem sphärisch verspielten Intro mit hymnischen Backgroundgesang, trockener Bassdrum, seichtem Acid-Knarzen und lässigen Claps zum sich Verlieren auffordert. Abwechslungsreiche Vielseitigkeiten, die Wolframs Debütalbum davor bewahren in einer x-beliebigem Retroschublade zu landen. Vielmehr bündelt er die besten Essenzen aus den letzten drei Dekaden Dancemusik zu einem poppigen Ganzen, das sich nicht scheut als Trash gebrandmarkte Stile wie 1990er Eurodance unwiderstehlich ins Hier und Jetzt zu retten oder, wie im Falle der entspannt treibenden Vocoder- Kollaboration mit Legowelt, den Horror-Sound eines John Carpenters mit dem New Age Atmosphäre einer Enya zu vereinen. Ganz versteckt und ungemein sexy schlisst die Platte schließlich mit dem fast 12-minütigen Instrumentalstück "Pianopella & Breathless" ab, das sich langsam zu einem glamourös melodischen Höhepunkt hochschraubt und die Discokugel am Ende einer melodieverliebten Hitparade noch mal mit ganz viel Hingabe rotieren lässt.