Das Auditorium Netzwerk stellt erfreulicherweise die klar gegliederte und detailreiche Anthropologie-Vorlesung, die Wolfgang Welsch 2006/2007 an der Friedrich-Schiller-Universität Jena gehalten hat, einem breiteren Publikum als Hörfassung zur Verfügung.
Dies bietet einem zum Beispiel so sinnvolle Möglichkeiten, wie die, während längerer Autofahrten statt der üblichen Musikberieselung eine aktuelle philosophische Hauptvorlesung anzuhören.
Welsch führt uns nacheinander den derzeitigen Stand des Wissens über die kosmische, die biologische und die kulturelle Evolution vor Augen, ohne dabei je die kritische Distanz zu den dargestellten Konzepten zu verlieren oder in unangemessene Analogien zu verfallen. Der sonst eher durch die Beschäftigung mit Hegel, der Postmoderne oder Fragen der Ästhetik aufgefallene Philosoph zeigt sich naturwissenschaftlich bestens informiert. Nur wenige Naturwissenschaftler dürften in ihrem eigenen Bereich in der Lage sein, einen derartigen Parforce-Ritt durch unser Wissen über unsere Stellung in der Welt mit einer so verschwindend geringen Zahl an (obendrein nicht wirklich weltbildrelevanten) Fehlern zu bewältigen. Besonders am Herzen liegt Welsch das Paradigma der Emergenz, also das Hervorgehen von Höherem aus Niedrigerem, wobei das Höhere konstitutiv und dauerhaft des Niedrigeren bedarf. Die Eigenschaften des Höheren sind dabei jedoch nicht aus denen des Niedrigeren ableitbar oder auf diese reduzierbar, sondern verlangen eigenständige Konzepte, um angemessen analysiert, erklärt und verstanden werden zu können. Relevant ist dieses Konzept zum Beispiel für die Entwicklung des Mentalen auf der Grundlage des Physiko-Chemischen. Großen Wert legt Welsch auch auf die Darstellung der protokulturellen Entwicklungsphase der Menschheit, jener Übergangsphase, in der die Anfänge der kulturellen Entwicklung noch in unmittelbarer Wechselwirkung mit der evolutionären Entwicklung insbesondere des Gehirns standen und so neue Fähigkeiten noch im Genom verankert wurden, während die spätere Kulturentwicklung ohne wesentliche weitere evolutionäre Veränderungen von Körperbau und Gehirn des Menschen erfolgte.
Ein kleiner Schönheitsfehler sind die vielen "ähs" im Vortrag des Autors. In Anbetracht der inhaltlichen Qualität ist dies aber schon eher kleinliche Mäkelei. Und passagenweise erreicht Welschs Vortragsstil dennoch eine beeindruckende Dichte und Spannung. 15 1/2 Stunden, die sich unbedingt lohnen!