Der geistige Gehalt der Musik Johann Sebastian Bachs, der sich in ihrer polyphonen Struktur verbirgt, kann besonders im Fall der Klavierwerke auf unterschiedliche Weise hörbar gemacht werden. Ihre Substanz offenbart sich nicht ausschließlich durch eine spezielle Art der Darbietung, sondern sie befindet sich, vor allem Erklingen, in der Partitur. Daher kommt es, dass beispielsweise Bachs
Wohltemperiertes Klavier auch in der legendären Aufnahme von Glenn Gould, der Tempo und Artikulation vielfach geradezu gegen den Strich bürstete, ein Erlebnis ist: Gould gelingt es auf geniale Weise, wenn auch nicht mit historisch orientierten Mitteln, den Verlauf der einzelnen Stimmen transparent zu machen. Hinzu kommt die Faszination der entfesselten Virtuosität bei manchen Stücken, die -- objektiv betrachtet -- durch die rasend schnelle Ausführung beinahe zur Karikatur werden.
Eine historisch orientierte Interpretation wie etwa die vorliegende von Ton Koopman, der den zweiten Teil der Sammlung 1982 aufnahm, hat es nicht ganz leicht, gegen Goulds meisterhafte, exzentrische Einspielung anzutreten. Was Koopman bietet, ist eine an alten Quellen orientierte Gestaltung der Stücke mit nuancierter Artikulation (man beachte etwa -- eines von zahllosen Beispielen -- die unterschiedliche Gewichtung der ersten drei Achtel im Thema der f-moll-Fuge, die im ganzen Stück durchgehalten wird) und sensiblem Eingehen auf den ganz unterschiedlichen Charakter der einzelnen Präludien und Fugen.
Dieser Charakter ergibt sich bei einer historisierenden Aufnahme, die der Frage der richtigen Stimmung des Instruments Rechnung trägt, auch aus dem individuellen, für unsere Ohren teilweise recht gespannten Klang der einzelnen Tonarten. Andreas Werckmeister, jener Musiktheoretiker und Organist, dessen Erkenntnisse über eine temperierte Stimmung Bachs Zyklus wohl angeregt haben, verwendete nicht eine gleichschwebende Stimmung im heutigen Sinn (alle zwölf Halbtöne haben exakt denselben Abstand), sondern er entwarf unterschiedliche Systeme, die bei möglichst reinen Quinten ganz unterschiedliche, teilweise sehr große Terzen vorsahen. Leider spart sich das Booklet dieser CD jeglichen Hinweis auf die verwendete Temperierung, so dass ein unkundiger Hörer die deutlichen "Unsauberkeiten" vor allem im Bereich der Kreuztonarten schlicht als peinliches Versehen betrachten könnte. Schade, denn aus dieser Perspektive erschließt sich doch erst ein wirkliches Verständnis des kompositorischen Anliegens von Bach. Tatsächlich liegt wohl eine Werckmeister-III-Stimmung vor, und jede Tonart klingt anders: Das Präludium in Es-dur ist von bezaubernder Weichheit und Klangfülle, während etwa die Stücke in A-dur oder E-Dur ungewohnte Schärfen aufweisen.
Es gilt also, sich hineinzuhören in Koopmans engagierte und kompetente, weitgehend stimmige Interpretation. Bisweilen überrascht er mit ruhigen Tempi, beispielsweise in den Fugen in fis-moll und g-moll, die man, hat man Gould im Ohr, als sehr energische Stücke kennt. Schön sind die zahlreichen Verzierungen, die Koopman improvisierend anbringt, irritierend manchmal die hier und da etwas unmotorisch klingende Freiheit gegenüber dem Metrum. Einem so einzigartigen Werk wie dem Wohltemperierten Klavier kann man sich zweifellos auf ganz verschiedene Arten nähern. Koopmans Einspielung ist ein wichtiger Beitrag dazu, und sie sollte im CD-Regal des anspruchsvollen Hörers ebenso wenig fehlen wie diejenige von Glenn Gould. Michael Wersin