Warum die einen reich und die anderen arm
sind
David S. Landes' Entwicklungsgeschichte der modernen Welt
pra. Generationen von Wirtschaftshistorikern haben seit Ende der sechziger Jahre die Geschichte der industriellen Revolution in Europa anhand von David S. Landes' Standardwerk «Der entfesselte Prometheus» studiert. Wenn nun derselbe Autor, Jahre nach seiner Emeritierung in Harvard, abermals ein monumentales Werk zur Wirtschaftsgeschichte präsentiert, das diesmal bis in die Gegenwart reicht, den ganzen Globus umfasst und sich auch noch mit einem unmissverständlich an Adam Smith angelehnten Titel ziert, weckt dies hohe Erwartungen.
Selbstbewusste Streitlust
Das Buch kommt leichter daher als der «Prometheus». Landes gönnt es sich und dem Leser, auf einen Teil der damaligen akribischen Detailtreue in der Beschreibung der technikgeschichtlichen Fortschritte zu verzichten. Dafür merkt man dem begnadeten Stilisten mitunter die Lust am Provozieren gegenwärtiger Vertreter der Political correctness oder der letzten verbliebenen Anhänger der Dependenz-Theorien aus den siebziger Jahren an. Wissenschafter, die andere Interpretationen vertreten, werden da schon mal als «Klugredner» abgetan, die Vertreter der «New Economic History» werden des Aufbauschens von Wachstumszahlen bezichtigt, oder es wird einer ganzen Generation von Sinologen politische Linientreue unterstellt.
Der theoretische Ausgangspunkt ist umstritten. Landes hält stoisch durch das ganze Buch hindurch an der heissen Kartoffel des Kulturvergleichs fest, die viele Wirtschaftshistoriker und Ökonomen gar nicht erst anzufassen wagen. Auch wenn er monokausale Erklärungen ablehnt, erweist sich doch die Kultur als wichtigster Bestimmungsgrund von Leistung und Wohlstand der Nationen. Welche Kultur? Landes macht kein Hehl daraus, dass es die westliche Zivilisation ist, die im zu Ende gehenden Jahrtausend die treibende Kraft von Entwicklung und Modernisierung war. Dass ihm dieser Schluss den Vorwurf des Eurozentrismus einbringen kann, vermag ihn überhaupt nicht aus der Fassung zu bringen.
Das blendende Vorbild England
Die Weichen zur europäischen Erfolgsgeschichte wurden bereits im Mittelalter gestellt; deren Wurzeln reichen jedoch viel weiter zurück. Europa hatte im Gegensatz zum damals noch technisch überlegenen China das Glück, in eine unübersichtliche Menge von rivalisierenden Gebietskörperschaften zerfallen zu sein. Der daraus folgende permanente Wettstreit um die Macht führte dazu, dass die europäischen Herrscher ihren Untertanen nach und nach Eigentumsrechte Freiheiten und Privilegien gewähren mussten, um die notwendige wirtschaftliche Stärke zu erlangen. In dieser Zeit setzte die «Erfindung des Erfindens» ein, wobei so unspektakulären Innovationen wie der Uhr oder der Brille höchste Bedeutung beigemessen wird.
Landes skizziert die ideale Wachstumsgesellschaft: Sie weiss, wie man die Produktionsmittel einsetzt, kann ihr Wissen an jüngere Generationen weitergeben, verteilt Arbeit und Beförderungen allein nach Sachkompetenz und Verdiensten, gibt dem Unternehmergeist jede denkbare Chance und überlässt den Menschen die Früchte ihrer Arbeit. Eine solche Gesellschaft würde die Geschlechter gleichstellen, niemanden diskriminieren, soziale und geographische Mobilität erlauben, auf Aberglauben und Magie verzichten und einen Katalog von Institutionen einsetzen, der heute gemeinhin mit dem Stichwort «good governance» umschrieben wird: Privateigentum, Freiheitsrechte, Vertragsrechte und eine stabile, unbestechliche und leistungsstarke Regierung. Kein Land hat dieses Ideal erreicht. Doch England kam als erste Nation am nächsten daran heran. Und dieses England war es, das sich im Verlauf der industriellen Revolution zur weltweiten Führungsmacht aufgeschwungen hatte. Dem blendenden englischen bzw. europäischen Vorbild hält Landes die andern Weltregionen entgegen und arbeitet in der vergleichenden Analyse deren hier verkürzt dargestellten Eigenschaften heraus, die eine ähnliche Entwicklung verhinderten: Dem alten China standen dessen Zentralismus und Überheblichkeit im Wege, Südamerika hatte das Pech, von den Spaniern und Portugiesen kolonisiert zu werden, die arabische Welt wurde und wird durch ihr Misstrauen gegenüber westlichen Techniken und Ideen sowie durch die Diskriminierung der Frauen zurückgebunden, und das postkoloniale Afrika braucht zum Aufbau der notwendigen gesellschaftlichen Institutionen wie einst auch Europa viel mehr Zeit. Nur dem «Sonderfall» Japan wird zugebilligt, dass dieses Land auch ohne das europäische Beispiel eine ähnliche Entwicklung durchgemacht hätte. Der Japan-Kenner leuchtet den beispiellosen, von Nationalismus und Machtstreben angetriebenen Aufholprozess aus und betont, dass trotz günstiger Regierungstätigkeit auch die japanische Erfolgsgeschichte mit grössten Anstrengungen und Entbehrungen der duldsamen Bevölkerung, mit härtester Arbeit sowie der Ausbeutung von Frauen und Kindern verbunden war.
Vieles von der historischen Darstellung hat man schon irgendwo zum Teil bei Landes selbst gelesen. Was jedoch das Buch besonders interessant macht, ist die virtuose Verknüpfung der Geschichte über die Jahrhunderte sowie die bis in die Gegenwart reichende vergleichende Perspektive. Wer sich davon Lehren für die Entwicklungspolitik verspricht, wird allerdings und mit guten Gründen enttäuscht. Der Historiker Landes lehnt es ab, aus dem Blick in die Vergangenheit Rezepte oder Prognosen für die Zukunft abzuleiten. Von Entwicklungsprojekten hält er nicht viel. Eine Konvergenz der weltweiten Entwicklung hält er für möglich, aber nicht für gesichert. Eine Lehre aus der der Geschichte lässt er aber gelten: «Kultur macht den entscheidenden Unterschied». Die besten Heilmittel der Armut kämen nämlich aus den einzelnen Ländern selbst, was zähle, sind «Arbeit, Sparsamkeit, Redlichkeit, Geduld, Beharrlichkeit».
Kaum eine Frage unserer Zeit ist umstrittener und stärker mit Ideologie befrachtet als die, warum einige Nationen ein hohes Maß an wirtschaftlichem Erfolg erreichen, während andere in quälender Armut steckenbleiben, unfähig, wirtschaftliches Wachstum in Gang zu bringen. Liegt es am Klima? An der Kultur? An der Politik? Oder ist es einfach Glückssache?
David S. Landes, einer der führenden amerikanischen Wirtschaftshistoriker, der bereits mit "Der entfesselte Prometheus" einen Klassiker über die Industrialisierung in Europa vorlegte, kommt in seiner groß angelegten Geschichte über die Weltwirtschaft der letzten 600 Jahre zu provozierenden Antworten.
Die Wurzeln der Ungleichheit, so Landes, liegen in einem komplexen Zusammenspiel aus geographischen Gegebenheiten, historischen Grundbedingungen und kulturellen Gewohnheiten. Entscheidend aber ist die Kultur: die Einstellung zu Arbeit und Leistung, die Regelung von Eigentumsrechten, also die Frage, ob die Menschen die Früchte ihrer Arbeit genießen können, die Haltung gegenüber Zukunft und Fortschritt. Wie Nationen es damit halten, war und ist ausschlaggebend für die Ankurbelung wirtschaftlichen Wachstums und - in modernen Zeiten- das Gelingen der industriellen Revolution.
"Wohlstand und Armut der Nationen" ist eine Geschichte über Erfolg und Versagen, darüber, ob man aus seinen Fehlern lernt oder sie ignoriert, über Entdeckungen und die harte Arbeit, die gewonnenen Erkenntnisse in wirtschaftlichen Gewinn, Macht und Imperien umzusetzen. In klarer, kraftvoller Prosa führt uns Landes durch die Jahrhunderte und entwirft "ein Bild von enormer Breite, voller brillanter Einsichten" (Kenneth Arrow). Die amerikanische Presse nannte das Buch das kühnste und ehrgeizigste Geschichtswerk seit Jahrzehnten, ein "Werk von enormer Bedeutung für alle, die sich auf intelligente Art mit der Geschichte der Weltwirtschaft befassen möchten" (Worth Magazine).
WORUM GEHT ES IN DIOESEM BUCH?
Diese Buch geht der Frage nach, warum manche Länder reich, häufig sehr reich sind, und warum andere unfähig sind, es ihnen gleich zu tun - und wie wir zu dem wurden, was wir sind. Es handelt von der großen Anstrengung, zu Wohlstand zu kommen. Es beschäftigt sich mit materiellen Fragen, nicht mit geistigen. Es behauptet nicht, daß manche Menschen besser oder schlechter sind als andere - in einem geistigen Sinn.
WARUM SIND EINIGE LÄNDER SO REICH?
In einem hinein maße sind die Einstellung zu Arbeit und Leistung, das Recht der Menschen darauf, die Früchte ihrer Arbeit zu genießen, und die Haltung gegenüber Zukunft und Fortschritt dafür verantwortlich. Das klingt nach Klischees, doch in der Geschichte der Menschheit sind diese Werte keine Selbstverständlichkeiten. Europa mußte einige jener alten Strukturen aufbrechen, die Nationen oft ins Hintertreffen gebracht haben.
KÖNNEN SIE UNS EIN BEISPIEL NENNEN?
Das breite Feld der Eigentumsrechte spielt eine wichtige Rolle. Die klassische Rechtsidee kennt kein Recht auf Eigentum. In Europa jedoch mußten die Mächtigen feststellen, daß jeder Versuch, Besitz an sich zu reißen, auf offene Feindschaft stieß - und zwar in einem Maße, dem man nicht Herr werden konnte. In Asien, wo die Herrscher sich alles nahmen, was sie wollten, haben die Menschen gelernt, Reichtum zu verheimlichen, besonders dann, wenn Menschen starben. Sie versuchten, ihr Vermögen vor dem zu schützen, was wir heute Erbschaftssteuer nennen.
Die Verschleierung von Vermögensverhältnissen aber behindert wirtschaftliches Wachstum, weil sie Investitionen erschwert. Wenn man keine Möglichkeit hat, von den Erträgen der eigenen Arbeit zu profitieren, wird man zumindest nicht so viel leisten, wie man könnte.
WARUM IST AFRIKA ZUM BEISPIEL SO ARM?
Afrika ist ein Beispiel für ein wirkliches Desaster. Der Kontinent ist von Natur aus ernsthaft benachteiligt. Es ist schwer, hart und erfolgreich zu arbeiten, wenn man unter Hitze und Seuch en leidet, zumal weil sich Krankheitserreger in den Tropen und Subtropen häufig als resistent gegen neue Errungenschaften von Medizin und Wissenschaft erweisen.
Trotzdem hat Afrika große Erfolge erzielt. Aus teilweise denselben klimatisch bedingten Gründen ging früher auch in den USA die wirtschaftliche Entwicklung in den Nord- und Südstaaten auseinander. Wenn die afrikanische Länder an Wohlstand gewinnt, werden sie einige dieser Nachteile bekämpfen können, mit Einrichtungen wie der Klimaanlage zum Beispiel. Natürlich hat Afrika auch fruchtbare politische Probleme - das ist das Erbe des Europäischen Imperialismus. Doch ich bin ein Optimist.
Afrika ist jetzt der ärmste Teil der Erde, und es hat einen weiten Weg vor sich. Schließlich wird es aber seine Probleme lösen und hochkommen.
WELCHE REAKTIONEN GAB ES AUF IHR BUCH?
Die besondere Hervorhebung Europas hat bei einigen Unmut ausgelöst. Sie sind der Meinung, Europa müßte in seine Schranken verwiesen werden. Eurozentrismus ist in ihren Augen ein schmutziges Wort. Aber der multikulturelle und multinationale Ansatz stößt sich in Grunde an den Fakten. Europa hat sehr früh die Fähigkeit entwickelt, an jeden Punkt der Erde zu gelangen, und zwar dank überlegener Navigation und Bewaffnung.
Europäer haben das drucken gelernt, und das hat ihnen enorm bei der Verbreitung von Bildung geholfen. Die Chinesen konnten aus einem einfachen Grund aus der Drucktechnik niemals den selben Nutzen ziehen wie die Europäer: Ihnen fehlte das Alphabet. Daß Europa so zersplittert ist, geschaffen von noch kleineren Einheiten, hat sich ebenfalls als Vorteil erwiesen: So konnten Anstöße und Entwicklungen von verschiedensten Punkten ausgehen, und außerdem mußten sich die Herrscher besser benehmen, weil die Menschen fortgehen konnten. Ein Großteil der europäischen Geschichte handelt von Migrationen und Abschieden. China dagegen ist eine in sich geschlossene Welt. Vieles geschieht auf staatliche Initiativ e hin. China verfügt über Erfindungsgabe, aber nicht über den Wettbewerb des Marktes.
VIELE WIRTSCHAFTSEXPERTEN REDEN UNGERN ÜBER KULTUR:
Sie mögen Kultur nicht, weil sich Kultur nicht für Programme, Verwaltung und Kontrolle eignet. Kultur ist etwas sehr Menschliches. Sie ist nicht unveränderlich, aber sie verändert sich auch nicht über Nacht. Wirtschaftsleute mögen Dinge, die sich schnell in Ordnung bringen lassen, wie etwa Zinssätze, Währungskurse und Preise. Sie sagen: "Wie kann der Kultur Bedeutung zukommen?
Sieh dir Nord- und Südkorea an: dieselbe Kultur, dieselbe geographische Beschaffenheit - und sehr unterschiedliche Geschicke." Ich behaupte nicht, daß eine schlechte Regierung keine schädlichen Effekte erzielen kann. Doch darf man mit Sicherheit die Kultur nicht außer acht lassen.