Selten äußert sich ein Autor über seine Absichten so ehrgeizig wie David Landes. Schon auf der ersten Seite teilt er seinen Lesern mit, daß er in diesem Buch beabsichtige, "Weltgeschichte zu schreiben". Nicht im Sinne eines Gesamtpanoramas der Jahrtausende, sondern in Gestalt des Versuches, die drei aus seiner Sicht wichtigsten historischen Fragen zu beantworten: Worin liegen die Ursachen der Industriellen Revolution, warum begann diese beispiellose Umwälzung aller gesellschaftlichen Verhältnisse gerade im England des ausgehenden 18. Jahrhunderts, und weshalb gelang es bislang nur wenigen Ländern, dem englischen Beispiel zu folgen?
Leichten Herzens überspringt Landes in seiner Darstellung ganze Epochen und konzentriert sich gezielt auf jene Knotenpunkte der Geschichte, an denen die Entscheidung über die Industrialisierung einer Gesellschaft fiel oder vorbereitet wurde. So gerät England nur für die Zeit des Hundertjährigen Krieges und etwas ausführlicher im ausgehenden 18. und beginnenden 19. Jahrhundert in den Blick, Spanien in der frühen Neuzeit, Japan im 19. und frühen 20. Jahrhundert und China zu Beginn seiner Geschichte sowie in der Mandschu-Zeit.
Diese selektive Vorgehensweise ermöglicht es Landes, sein literarisches Talent ungehindert zur Geltung zu bringen. Für die ausgewählten Perioden zeichnet er ein umfassendes Bild der jeweiligen Gesellschaft, wobei er es meisterhaft versteht, allgemeine Tendenzen durch unterhaltsame Geschichten zu veranschaulichen. Der Leser wird packend über die Qualen der transatlantischen Sklaventransporte unterrichtet, er erfährt, daß die aztekische Religion ihren mörderischen Zug dem Hohepriester Tlacallel verdankte, er kann die Reise Mansa Musas, des sagenhaft reichen Königs von Mali nach Mekka verfolgen, er wird zum Zeugen der Taten Robert Clives beim Kampf um die englische Vorherrschaft in Indien, usw.
Solche Erzählkunst mag für Landes' Argumentation nebensächlich sein, liefert aber derart interessanten Lesestoff, daß dieser allein schon die Lektüre lohnt. Seit Ranke, Mommsen und Michelet ist Geschichtsschreibung auf hohem literarischen Niveau selten geworden. Weil die meisten zeitgenössischen Historiker sich verpflichtet fühlen, ihr Publikum zu langweilen, vergessen wir zunehmend, wie farbig die Vergangenheit war, und wie faszinierend die Menschen, die sie gestalteten. Allein der Umstand, daß Landes uns dies wieder in Erinnerung ruft, macht sein Buch zu einem ungewohnten geistigen Genuß.
Darüber hinaus ist es auch wissenschaftlich ergiebig. Landes arbeitet zunächst heraus, welche Faktoren für den Aufstieg Englands und Europas aus seiner Sicht KEINE Rolle spielten. Hier sei vor allem an koloniale Ausbeutung, militärische Gewaltanwendung, den Zugriff auf Rohstoffe sowie große Geldvermögen zu denken. Die Unterwerfung der Azteken und Inkas habe die Spanier zwar sagenhaft reich gemacht, ihnen jedoch nicht zu dauerhafter ökonomischer Entwicklung verholfen. Spanien, so stellt Landes fest, wurde letztlich arm, weil es zeitweise ZU viel Geld hatte. Das Gegenbeispiel sei England, dessen Industrialisierung von kleinbürgerlichen Pionieren angestoßen wurde, deren Investitionskapital fast ausschließlich aus den eigenen Ersparnissen stammte. Erst NACHDEM die neuen Fabriken anfingen, Profite abzuwerfen, seien die Finanzmagnaten der Zeit auf sie aufmerksam geworden.
Diese Gegenüberstellung illustriert den grundlegenden Gedanken des Buches: Der Industrialisierungsprozeß, so Landes, ist primär gesellschaftsINTERN bedingt, und seine entscheidende Ressource liegt in der Arbeitsleistung der eigenen Bevölkerung.
Allerdings komme es darauf an, diese Leistung optimal zu nutzen. Gerade hier sieht Landes die Besonderheit Europas. Seine Vorteile ließen sich in fünf Voraussetzungen zusammenfassen:
1) Eine günstige geographische Lage (gemäßigtes Klima, fruchtbarer Boden, reichlicher Niederschlag).
2) Geeignete politische Rahmenbedingungen (politische Fragmentierung und relative Schwäche hinderten die europäischen Staaten daran, die eigene Bevölkerung unbegrenzt auszubeuten. So entstanden gesicherte Eigentumsrechte, Freiheitsspielräume für die Individuen sowie inner- und zwischengesellschaftliche Konkurrenz).
3) Relativ geringe soziale Ungleichheit, verbunden mit hohen Arbeitslöhnen. Daraus ergaben sich ein beachtlicher Lebensstandard der arbeitenden Bevölkerung und Massenkaufkraft. Dies wiederum schuf den Anreiz für technische Neuerungen.
4) Außergewöhnliche wissenschaftlich-technologische Innovationsfähigkeit (Europa holte nicht nur den zeitweiligen technologischen Vorsprung Chinas auf, sondern brachte auch als einzige Hochkultur die moderne Wissenschaft hervor).
5) Eine Wertesystem, das rastlose Berufstätigkeit und sparsames Leben erstrebenswert erscheinen ließ (Landes bekennt sich ausdrücklich zu Max Webers Deutung der protestantischen Ethik als eines Motors der Industrialisierung).
Allein in Europa und Japan war Landes zufolge dieses Faktorenbündel vorhanden. Daher hätte sich Japan als einziges außereuropäisches Land auch ohne westliche Vorbilder industrialisieren können (hier sind Zweifel angebracht - wo war das japanische Gegenstück zur modernen Wissenschaft?), während China dazu die politischen und kulturellen Voraussetzungen, Indien und der islamischen Welt zusätzlich auch die technologische Kapazität fehlten.
Der Eigenart seines Buches entsprechend, fließen die fünf Bedingungen ganz zwanglos in Landes' Erzählung ein, ohne je systematisch miteinander in Beziehung gesetzt zu werden. In gewisser Weise schlägt hier der große Vorzug des Buches, seine literarische Souveränität, in einen Nachteil um, denn Landes muß viele Fragen unbeantwortet lassen, die eine theoretischere und analytischere Stoffpräsentation hätte klären können. Handelt es sich bei den genannten Faktoren um hinreichende oder lediglich um notwendige Bedingungen der Industrialisierung? Sind einige grundlegender als andere? Welche Zusammenhänge bestehen zwischen ihnen?
Nur indirekt läßt Landes erkennen, daß er wohl der Kultur, deren Bedeutung im zweiten Teil des Buches zunehmend unterstrichen wird, den zentralen Stellenwert im kausalen Bedingungsgefüge einräumt. Während er in Bezug auf Europa weitgehend Max Webers klassischer Studie über die protestantische Ethik folgt, beschränkt er sich hinsichtlich anderer Kontinente allerdings auf Andeutungen, und unternimmt nirgends den Versuch, die Kultur selbst zum Erklärungsgegenstand zu machen.
Landes' Erklärung für Reichtum und Armut der Nationen wird durch diese Schwächen seines Buches zwar nicht prinzipiell in Frage gestellt, doch um einiges geschwächt. So ist es ihm, bei aller schriftstellerischen Brillanz, nicht gelungen, das Potential seines Ansatzes auszuschöpfen. Dennoch hat er eine eindrucksvolle Synthese vorgelegt, die zu den großen Leistungen der Geschichtsschreibung des 20. Jh. zählen dürfte.