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Tamar ist die Besitzerin des Hundes, dessen Nase und Gespür Assaf an Orte und zu Menschen führen, die bisher in seinem Leben keinen Platz gehabt hätten. Und doch hat er, so scheint es, genau diesen Menschen Stühle frei gehalten in seinem Inneren. Er erfährt bruchstückhaft das Leben von Tamar, plagt sich mit Fragen und schließlich mit einer unbändigen Vorfreude auf die Geheimnisvolle.
Der Tag, an dem Tamar unter unglaublich spannenden Umständen ihren Hund verliert, ist der Tag, an dem die Leben von Assaf und Tamar aufeinander treffen. Doch bricht der Autor Grossmann die Zeitschienen auf, lange vor diesem Tag kennen die Leser Tamar bereits, wissen, was sie seit Wochen durchgemacht hat, um ihr Ziel zu erreichen -- wissen, wieso sie seit Wochen als vermisst gilt und auf der Straße lebt.
Tamar und Assaf haben beide eine Aufgabe, deren Erfüllung zunächst unmöglich scheint: Sie will einen lieben Menschen aus einer nahezu aussichtslosen Lage befreien und bricht dafür unerschrocken mit allen Regeln, die bisher ihr Leben bestimmt haben. Assaf soll mithilfe eines -- zugegebenermaßen recht schlauen Hundes -- dessen Besitzerin finden und bricht ebenfalls aus seinem Leben aus -- auch wenn er das selbst erst spät merkt.
Obwohl von vorne herein klar ist, dass Assaf und Tamar, wenn sie sich denn finden sollten, wunderbar zueinander passen würden, wirkt die Geschichte nie platt oder durchsichtig. Dazu sind die Hauptpersonen zu spannend, die Geschichte zu abgefahren - da gibt es die weise Theodora, die seit 50 Jahren ihr Haus nicht verlassen hat, da ist Nashorn, der bärenstarke Fast-Schwager von Assaf und da gibt es Pizzabäcker und verrückte Sternenseher, die den Weg der beiden begleiten. Die Sprache Grossmans ist klar, sie lässt Gefühle deutlich werden, sie lässt Angst und Hoffnung der Beteiligten zum Leser gelangen.
Grossman, 1954 in Jerusalem geboren, gehört zu den bedeutendsten Erzählern israelischer Gegenwartsliteratur. --Petra Breitenbach -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Ein Roman (auch) für Erwachsene
von David Grossman
Ein Buch kann sein wie ein Strudel, ein Abgrund, ein Labyrinth oder wie ein Brief, der uns einholt am unmöglichen Ort zur richtigen Zeit. David Grossmans neues Buch ist ein solcher Brief. Während seiner Lektüre vergessen wir, uns darüber zu wundern, dass er uns überhaupt erreicht hat.
Die Fabel ist zwingend einfach und doch komplex: ihre losen Fäden werden durch eine gespannte Hundeleine miteinander verknüpft und verwebt. «Wohin du mich führst» ist die Geschichte eines Knaben, der während seines Ferienjobs bei der Stadtverwaltung den Auftrag erhält, einen entlaufenen Hund seinem unbekannten Besitzer zuzuführen und die Geschichte des Mädchens, das diesen Hund während einer abenteuerlichen Flucht verloren hat.
Assaf lässt sich, um fündig zu werden, von dem wilden und kräftigen Tier durch die Strassen Jerusalems ziehen. Und plötzlich öffnen sich ihm Türen in unbekannte Häuser und Welten. Den unterschiedlichsten Menschen ist dieser Hund bekannt, aber die, die ihn kennen, kennen einander nicht: der Pizzabäcker traf nie die alte Nonne, die Nonne nicht Matzliach mit dem verbrühten Gesicht, Matzliach nicht Sergej, das Kind in der Ruine, Sergej nicht Lea, die Restaurantbesitzerin. Aber zusammen bilden sie eine Kette, die für Assaf Aufklärung verheisst eine Kette von Worten, Einsichten, Bildern und Rätseln, an deren Ende ein Gesicht hell aufzuleuchten beginnt: das Gesicht des flüchtigen Mädchens. Und während Assaf noch im Dunklen tappt, dringt der Leser schrittweise ein in Tamars Geheimnis. Er begleitet sie bei ihren rastlosen Aktionen, wird konfrontiert mit ihrer Wirrnis und ihrem Stolz, wird mit hineingezogen in ihre «Rattengedanken». Er sieht zu, wie sie ihr Tagebuch im stinkenden Bahnhofsklo verschwinden lässt oder wie unter den Blicken alter Männer eine mutlose Schere sich in ihre Locken frisst, bis sie kahl und hässlich ist wie ein Ei.
Als sie den Friseur bezahlte, nahm er das Geld mit den Fingerspitzen. Er sah aus, als habe er Angst, sie könne ihn berühren. Sie ging bedächtig und kerzengerade, als balanciere sie einen Krug auf dem Kopf. Jede ihrer Bewegungen erweckte neue Gefühle in ihr, und das gefiel ihr. Die Luft vollzog einen seltsamen Tanz um ihren Kopf, als käme sie näher, um nachzusehen, wer sie war, zöge sich dann zurück und käme abermals näher, um sie zu befühlen.
So fängt die Geschichte von beiden Seiten zu brennen an. Der Erzähler ist Realist und Mythomane. Atemlos und von Sinnen kommen seine Helden aufeinander zu. Stationen auf ihrem Weg sind etwa eine verschollene Insel oder ein mafiotisches Heim für hoffnungslose Künstler; sie lernen die brutalen Arme der Polizei kennen, das Versteckspiel der Outlaws und die Sehnsüchte der Gleichaltrigen.
Tamar und Assaf sind sechzehn und siebzehn Jahre alt. Ergibt sich aus diesem Sachverhalt ein Einwand gegen das Buch? Vielleicht der, dass es nur ein Jugendbuch sei? Widerspricht Grossmans Optimismus der Erwachsenenperspektive? Entführt der Zickzacklauf des Hundes aus den Gefilden der hohen Literatur? Oder sind Bücher mit jugendlichen Helden automatisch Jugendbücher?
Grossmans «Wohin du mich führst» ist das Werk eines Künstlers, der Figuren von unerhörter Lebendigkeit schafft, sie in einem Strudel von Schmerz und Leichtigkeit bewegt, sie Erfahrung und seelische Balance gewinnen lässt auf ihrem Weg zwischen Kind- und Erwachsensein.
Warum wird ein junges Mädchen zur Strassensängerin? Warum provoziert sie ihre Entführung? Welchen Schimären rennt ein Siebzehnjähriger hinterher, der das Leben nicht kennt? Und wie sieht, nach all der rastlosen Suche, nach den Fata Morganen des fremden Gesichts, das endliche Ankommen aus? Kann ein Mensch den anderen finden? Oder ist dies Finden zur blossen Metapher geworden in unserer Zeit, zum Märchen?
Er sass einfach da und sah sie an und versuchte, ihr Aussehen mit allem, was er über sie wusste, und allem, was er fantasiert oder insgeheim gehofft hatte, in Einklang zu bringen, doch sie war vollkommen anders. Ihre Augen zum Beispiel, Theodora hatte etwas über sie gesagt, über den nackten, herausfordernden Blick, aber sie hatte kein Wort über die eigenartige Farbe, dieses Blaugrau, verloren (er hatte einmal eine ähnliche Farbe aufgenommen den Herbstnebel in der Morgendämmerung über dem Scopusberg). Und auch wie sie auseinander standen, ihre Augen, als ob sich zwischen ihnen ein Platz der Ruhe erstreckte, ein Freiraum.
Wenn Grossman ein Märchen geschrieben hat, so in jedem Fall ein radikales Märchen der Versöhnung: eines, das vor dem allgegenwärtigen Schicksal der Selbstentfremdung nicht kapituliert.
Kurt Kreiler -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
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