Die hilfreichsten Kundenrezensionen
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7 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Analys eines versierten Kenners, 24. Oktober 2008
der Autor kann seine Arbeit auf eine ueber 12jährige Korrespondententätigkeit in der Türkei abstützen. Der Leser spürt dies in jeder Zeile des Buches. Rainer Hermann zieht eine fundierte Bilanz und er kann uns Sachzusammenhänge darlegen und erklären, weil er sie eben durch und durch aufgefasst und verstanden hat.
Hermann hat sein Buch in drei Teile aufgeteilt. Sicher kommt es immer wieder zu Ueberschneidungen, aber insbesondere der dritte Teil, in welchem es um die Schwächen und Stärken der türkischen Gesellschaft geht, sei jedem Leser ans Herz gelegt. Da sind die Probleme durch eine zunehmende Gewaltbereitschaft, durch Terrorakte als ein Bruch mit dem starren nationalen Korsett aber die aufkeimende Bereitschaft zur echten Demokratisierung, die sich gerade in einem Aufbegehren gegen die Gewalttätigkeit zeigt.
Hermann bleibt nie an der Oberfläche. Er deckt Verstrickungen auf und nennt Namen. Dabei bleibt er angenehm sachlich. Nie lässt er sich zu Polemik hinreissen oder verfällt in flapsigen Stil. Trotzdem ist er nicht langweilig. Und damit hebt er sich wohltuend von vielen anderen Türkei Sachbüchern ab.
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10 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Türkei-Buch zum Weiterempfehlen!, 1. Dezember 2008
Warum würden manche westlich gekleidete und gebildete Türken am liebsten die demokratisch gewählte Regierung ihres Landes stürzen? Warum hat das Militär dort eine so starke Stellung und wird das Verbot religiöser Kleidung und Symbole sowie von Minderheitensprachen oder auch nur -namen so massiv durchgesetzt? Und warum wiederum loben Deutschland, die EU und auch die Kirchen in der Türkei die Reformanstrengungen ausgerechnet der regierenden, islamisch geprägten Partei? Sind deren Demokratisierungsinitiativen ernsthaft gemeint, oder nur Teil einer verborgenen Agenda?
Endlich kann ich Menschen mit solchen Fragen guten Wissens ein einziges Buch empfehlen, das den inneren Konflikt der Türkei zwischen nationalistisch-säkularen Oberschichten und aufstrebenden Mittel- und Unterschichten von der Endzeit des Osmanischen Reiches über Atatürk bis in die heutige Zeit hinein nachvollziehbar schildert. Dabei beschränkt sich der langjährige FAZ-Korrespondent und Islamwissenschaftler nicht auf die Politik, sondern bietet spannende Einblicke in Wirtschaft, Kultur, Religion(en) und die Situation auch der Minderheiten. Zum fünften Stern gefehlt haben m.E. lediglich ein paar wenige Grafiken beispielsweise zum (zunehmenden) Wirtschafts- und (abschmelzenden) Bevölkerungswachstum, der Arbeitslosigkeit, Wahlbeteiligung u.ä., um auch Neuinteressierten an der Türkei die Entwicklungsdynamik und Herausforderungen des Landes aufzuzeigen.
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2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Meine Informationen über die Türkei wurden aufgefrischt, 25. März 2009
Rainer Hermann versucht in seinem Buch Wohin geht die türkische Gesellschaft? Kulturkampf in der Türkei" ein umfassendes Bild von der türkischen Gesellschaft" zu malen. In diesem Sinne beinhaltet es umfangreiche Informationen aus verschiedenen Zeiten und Epochen. Doch ist die zentrale Frage in der Türkei die Diskrepanz zwischen Staat und Gesellschaft. Diese Frage zieht sich wie ein roter Faden durch alle Kapitel des Buches.
Das entscheidende Merkmal des Staates ist der kemalistische Nationalismus, verknüpft mit einem durch die Kemalisten bestimmten Verständnis vom Islam. Der Autor führt aus, wie der kemalistische Nationalismus von Anfang an dazu diente, das Wesen der anderen großen Volksgruppen wie der Kurden, Armenier, Tscherkessen und anderer zu leugnen. Zu diesem Zweck bedienen sich die Kemalisten einer Palette staatlich festgelegter Möglichkeiten. Darüber hinaus wird, wenn sie zu kurz kommen, das Militär tätig, das mittlerweile auf zahlreiche Putsche zurückblicken kann, wobei es sich zugleich als Bestandteil bzw. Garant des nationalistischen Staates versteht, bzw. ihm diese Rolle zugewiesen wurde. (So fand alle 10 Jahre ein Putsch statt z.B. 1960, 1971 und 1980.) Das Militär ist stets bereit, die Demokratie bzw. zivile Regierung außer Kraft zu setzen, wenn das Türkentum in Gefahr scheint.
Neben dem Militär wird die Judikative instrumentalisiert, um der Gesellschaft den Nationalismus aufzuzwingen, und wenn das nicht ausreicht, werden Kritiker bzw. Abweichler" durch bestimmte Gruppen, die einen Draht zum Kemalismus und Nationalismus haben, terrorisiert. Die Kemalisten instrumentalisieren auch den sunnitischen Islam, um die religiösen Minderheiten wie Aleviten, Jeziden, Christen und Juden als türkische Staatsbürger nicht zu akzeptieren. Hier wird deutlich, dass die Kemalisten, die sich selbst gern als Laizisten bezeichnen, ein anderes Verständnis vom Säkularismus haben, als es in den europäischen Ländern der Fall ist. Zum Konzept des kemalistischen Staates gehören also weder Freiheit noch Demokratie. Die kemalistische Staatsauffassung ist nichts anderes als eine Herrschaftsform, die sich je nach dem auf eine Partei oder das Militär stützt. Der Staat ist ein unantastbares Ganzheitsgebilde, das auf dem Türkentum basiert und über allen anderen gesellschaftlichen Instanzen steht.
Der Autor zeigt die Unterdrückungsmechanismen dieses blinden Nationalismus anhand zahlreicher Beispiele wie Putsche, Parteienverbote, Inhaftierung der Kritiker, Massenmorde an Kurden, Armeniern ... Straßenterror. Das Aufkommen der islamistischen und islam-orientierten Bewegungen, Parteien und Persönlichkeiten hält der Autor für glaubwürdige Indizien für den Übergang der Türkei zur Demokratie, die gerade die Türkei für den Integrationsprozess in die EU befähigt. Auch hat die Übernahme der Regierungsgeschäfte durch Islamisten und islam-orientierte Parteien der Türkei in den letzten Jahrzehnten wirtschaftliche Erfolge und eine Ausweitung der geschäftlichen Beziehungen mit der EU und insbesondere mit Deutschland beschert.
Das Aufkommen der neuen politischen Bewegung, die sich auf den Islam bezieht, sieht der Autor im Kontext der Peripherie-Zentrum-Theorie. Das Zentrum ist nichts anderes als eine kleine Gruppe von volksfernen urbanen Eliten, die immer noch stur an dem kemalistischen Nationalismus festhalten. Obwohl sich diese Eliten als westlich Orientierte über die Massen erheben, haben sie außer für ihre eigene Bereicherung zu sorgen, nichts zur Integration der Türkei in Europa beigetragen. Sie vergrößern, im Gegenteil, mit ihrem nationalistischen Getöse die Distanz von Europa, da sie durch die Integration in Europa das Türkentum gefährdet sehen. Diesen kleinen gescheiterten Eliten steht nun eine gewaltige neue Elite gegenüber, deren Wurzeln in der Peripherie, nämlich in Anatolien, liegen. Ausgerechnet diese Elite fordert mehr Freiheit und setzt auf die Demokratisierung der Gesellschaft und Enttabuisierung der Existenz der großen Volksgruppen wie zum Beispiel der Kurden. Bei den letzten Wahlen haben die Türken mehr und mehr Zustimmung zur AKP (Adalet ve Kalkýnma Partisi; deutsch: Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung) gezeigt, welche zurzeit diese neue Elite repräsentiert. Nach Meinung des Autors ist diese Partei keine islamistische Partei im Sinne ihrer Vorgängerin, sondern eher eine Partei, die auf konservative Werte und Demokratie setzt, vergleichbar mit der CDU in Deutschland.
Alles in allem ist die türkische Gesellschaft gekennzeichnet durch eine Vielfalt vorhandener Probleme wie der Kurdenproblematik, der religiösen Minderheiten, der Frauenfrage, der kulturellen und Meinungsfreiheit, die der Autor in verschiedenen Kapiteln immer wieder thematisiert. Obwohl Hermann in der Schilderung dieser Fragen sehr vorsichtig ist, zeigt sein Buch, dass die Türkei vor einem Berg von politischen und kulturellen Problemen steht, während die Gesellschaft weitgehend polarisiert ist. Eine Lösung dieser bestehenden Probleme ist nur auf demokratischem Wege möglich, was die Islamisten bzw. die islam-orientierten politischen Gruppen erkannt hätten. Das Buch ist in diesem Sinne sehr informativ. Es ist zu empfehlen, wenn sich jemand nicht durch ständige Zeitsprünge, wenig strukturierte Kapitel und Wiederholungen gestört fühlt. Das Buch schien mir sehr schnell aus verschiedenen voneinander unabhängigen Beiträgen zusammengestellt zu sein. Doch mich hat das nicht gestört, meine Informationen über die Türkei wurden aufgefrischt.
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