Die Handlung des Buches ist schnell erzählt: Die todkranke Abbie will eine Liste mit Dingen, die sie vor ihrem bevorstehendem Tod noch einmal erleben möchte, abarbeiten. Dabei hilft ihr ihr Mann Chris. Verrückterweise steht auf der Liste eine lange und gefährliche Flussfahrt, doch in dem Bewusstsein, das alles besser ist, als zu Hause vor sich hin zu siechen und auf den Tod zu warten, machen sich die beiden auf den Weg.
Bei der Beschreibung der Flussfahrt, die im Kanu bewältigt wird, möchte der Autor meiner Meinung nach ein bisschen viel unter einen Hut bringen: Einerseits erzählt er die rührende Liebesgeschichte zweier Menschen, die in guten wie in schlechten Zeiten (die leider überwiegen) zueinander stehen. Doch das allein reicht ihm nicht. Dazu kommen lange Beschreibungen des Flussverlaufes und der wechselnden Uferabschnitte. Das ist über große Teile nicht wirklich spannend. Da leider keine Karte des Flusses im Buch abgedruckt ist (wäre sehr hilfreich gewesen, dafür hätte ich gerne auf das kitschige Bild des Autors verzichtet!), kann man den anhand der Himmelsrichtungen beschriebenen Verlauf nur schlecht nachvollziehen. Auch die Namen der Pflanzen, Brücken und Dörfer sind nicht allzu interessant.
Neben Liebesgeschichte und Reiseführer ist "Wohin der Fluss uns trägt"aber auch noch ein Abenteuerroman. Abbies Vater lässt die beiden mit allen Mitteln verfolgen (Abbie ist eine Berühmtheit und ihr Mann Chris in Augen des Vaters ein Verrückter), außerdem gibt es noch eine vierköpfige Bande von sehr brutalen Kerlen, von der Abbie und Chris mehrmals ausgeraubt werden. Das geht bis hin zu einer Beinahe-Vergewaltigung der kranken Abbie, die kahlköpfig, ohne Brüste und nur noch aus Haut und Knochen bestehend scheinbar trotzdem kein Mitleid sondern sexuelle Gelüste erregt. Tut mir Leid, aber diese Szene ist wenn nicht unglaubwürdig, dann zumindest extrem geschmacklos.
Meiner Meinung nach hätte es der Beschreibung der Kanufahrt gute getan, wenn sich der Autor auf einen Aspekt beschränkt hätte. Die Gefühle von Chris (aus dessen Perspektive der Roman erzählt wird) hätte man beispielsweise noch viel genauer ausarbeiten können, sie bleiben oft etwas einseitig.
Abwechselnd mit den Kapiteln zur Reise wird rückblickend die Geschichte des Paares erzählt: Vom Kennenlernen über die Schwierigkeiten, die ihnen Abbies Familie bereitet, bis hin zur Krebserkrankung von Abbie. Diese Kapitel haben mir persönlich besser gefallen, da sie nicht so abgehoben waren (eine Kanufahrt mit einer Todkranken ist nun einmal verrückt) und man sich leichter in die Personen hineinversetzen konnte.
Leider ist in meinen Augen Abbie nicht sonderlich sympathisch gezeichnet. Besonders unangenehm aufgefallen ist mir ihre Forderung am Ende der Reise, dass ihr Mann nicht sein Versprechen brechen soll und die letzten Kilometer trotz der lebensbedrohlichen Gefahren in Angriff nehmen soll (S. 403). Für sie war der Tod innerhalb weniger Stunden absehbar, aber riskiert ein liebender Mensch wirklich den Tod seines gesunden Partners, nur um das eigene Unterfangen beenden zu können? Was machen die wenigen Kilometer mehr oder weniger schon aus? Das, was die beiden durch die Reise lernen konnten, liegt bereits hinter ihnen.
Stellenweise hatte ich Schwierigkeiten mit Charles Martins Erzählweise. Er erwähnt oft Einzelheiten, wahrscheinlich um die Geschichte anschaulicher zu machen, lässt diese dann aber ohne Fortführung wieder fallend. Beispielsweise bei der Beschreibung des Ringkaufs: Chris probiert seinen Ring an, er ist jedoch zu eng und er kann ihn nicht mehr abstreifen (S. 194). Wenige Sätze weiter erzählt Chris, wie er die beiden Ringe in seine Hosentasche steckt (S. 195). Wie das, ich dachte, der Ring sitzt am Finger fest?
Das ist aber noch nichts gegen einen anderen Fauxpas, der dem Autor unterläuft: Kurz nachdem Chris Abbie kennengelernt hat, erzählt er ihr: "Ich habe dich diese Woche bei Google nachgeschlagen." (S. 116) Der Hochzeitsantrag von Chris kam im Jahr 1992, das Kennenlernen war also kurz davor. Blöd nur, das Google erst 1998 online ging! Es mag Leser geben, die über solch offensichtliche Fehler hinwegsehen können, mir verderben solche Unachtsamkeiten den Lesespaß, da erwarte ich mir von Autor und Lektoren mehr!
Fazit: Wer an sentimentalen Liebesromanen mit Naturbeschreibungen Gefallen findet, soll das Buch lesen. Allen anderen, die an einer etwas anderen Auseinandersetzung mit der Thematik Krebstod eines geliebten Menschen interessiert sind, empfehle ich das Buch "Mitten ins Gesicht" von Kluun. Dort ist der Mann nicht nur liebevoller, fürsorglicher Pfleger, sondern gesteht sich auch zu, an der Situation zu verzweifeln, keine Lust mehr auf die Pflege zu haben und endlich wieder ein normales Leben führen zu wollen.
Diese Aspekte fehlen bei "Wohin der Fluss und trägt" leider völlig und machen das Buch nur zu einem sehr seichten Lesevergnügen.