Die Entdeckung der Spiegelneuronen ist zu wichtig, um die Berichterstattung darüber den Wissenschaftsjournalisten allein zu überlassen. Denn es besteht die Gefahr, dass die Begriffspaare "komplex/kompliziert" und "Korrelation/Kausalität" nicht verstanden werden und eine neue Theorie dazu herhalten muss, alt bekannten Unsinn zu bestätigen. Weil die Spiegelneuronen beim sozialen Verhalten eine wichtige Rolle spielen, stoßen die Forschungsarbeiten an diesen Zellen auch bei vielen neurowissenschaftlichen Laien auf Interesse.
Als der Italiener Giacomo Rizolatti und sein Team vor gut zwanzig Jahren eine bisher unbekannte Neuronenart entdeckte, nahm man in der breiten Öffentlichkeit gerade wahr, dass Hirnforscher in der ganzen Welt am Glauben rütteln, der Mensch werde von der Vernunft gesteuert. In der Fachwelt weckten die Arbeiten an der Universität Parma ebenso viel Aufmerksamkeit wie Skepsis. Bevor Marco Iacoboni in die USA ging und eine Professur am Institut für Neuropsychiatrie an der medizinischen Fakultät der University of California in Los Angeles übernahm, war er lange ein Weggefährte von Giacomo Rizolatti. Er weiss daher bestens Bescheid, was damals in Parma wirklich entdeckt wurde und wie die Forschung weiterging. Zudem kann er sich verständlicher ausdrücken als sein berühmter Kollege. Allerdings hatte ich bei der Lektüre das Gefühl, seine englischen Satzkonstruktionen seien noch stark von seiner italienischen Muttersprache geprägt. Vor allem, wenn er ins Erzählen kommt und die Textform eines wissenschaftlichen Papers verlässt. Diese Wechsel wirken in der Übersetzung oft etwas holprig.
Da sich Marco Iacoboni primär als Wissenschaftler versteht, benutzt er häufig den Konjunktiv und vermeidet Formulierungen, die als Headlines in der Boulevardpresse stehen könnten. Zudem spricht er von Wahrscheinlichkeiten und nicht von Wahrheiten. Interessierte Laien mit einem minimalen Vorwissen über das menschliche Gehirn werden in diesem Buch mit dem neusten Stand der Forschung bekannt gemacht. Und die Aktualität ist dem Autor so wichtig, dass er einige Studien und Entwicklungen, die in seinem Manuskript nicht berücksichtigt werden konnten, in sein Nachwort aufnimmt. Die Vorläufigkeit vieler Ergebnisse lässt sich auch deshalb so gut nachvollziehen, weil Marco Iacoboni die wichtigsten Experimente und Versuchsanordnungen ausführlich erklärt. Instant-Wissenschaft ist zwar möglich und manchmal sogar sinnvoll, aber in der Regel wird in den Labors der Neurowissenschaftler ganz anders gearbeitet, als Außenstehende meinen.
Da ich die meisten Thesen und gesicherten Erkenntnisse bereits aus anderen Büchern, Fachzeitschriften und direkten Kontakten schon kannte, fand ich die Beschreibungen der Experimente am interessantesten. Zu erfahren, wie aufwendig und zeitraubend empirische Forschungsarbeit ist, wird mich bei der Lektüre populärwissenschaftlicher Verlautbarungen wieder etwas vorsichtiger machen. Mit Genugtuung nahm ich jedoch zur Kenntnis, dass sich trotz fehlender Beweisstücke Aussagen über grundsätzliche Funktionsweisen des menschlichen Gehirns treffen lassen, die mit hoher Wahrscheinlichkeit richtig sind. Was wir bisher über die Spiegelneuronen wissen, scheint zu bestätigen, dass unser Gehirn ein Datenverarbeitungssystem ist, das Informationen in Form von Geschichten wahrnimmt, speichert und abruft. Und dass solche Geschichten der Kitt für soziales Verhalten sind.
Mein Fazit: Spiegelneuronen werden mit größter Wahrscheinlichkeit unsere Bilder vom Menschen und von seinem Gehirn verändern. Marco Iacoboni, Weggefährte des Entdeckers und führender Neurowissenschaftler legt auf verständliche Weise dar, was wir über diese Wunderwerke der Natur schon wissen, was wir annehmen können und wie neue Erkenntnisse gewonnen werden. Wichtig ist dieses Buch auch, weil es einen Einblick in die Arbeitsweise seriöser Wissenschaftler gibt und Spekulatives von empirisch Gesichertem trennt.