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In seinem frühen Roman schildert Heinrich Böll den Krieg als eine Krankheit. Es ist daher nur folgerichtig, daß er nicht die Mechanismen einer Schlacht beschreiben wollte, sondern den einzelnen Menschen in den Vordergrund stellt. Böll geht vom Detail aus und öffnet so den Blick auf das Ganze. Er zeichnet seine Gestalten, Landser und Generäle, SS-Führer und gehetzte Juden, Frauen und Mädchen im Hinterland, ohne zu verzerren oder zu idealisieren.
Viele Bücher sind gegen den Krieg geschrieben worden. Aber nicht alle wurden so verstanden. Ungewollt ließen sie einen Rest von Sinngebung oder gar eine Faszination am Grauen und an der zerstörenden Gewalt des Krieges zu. Bölls Roman ist unmißverständlich. So macht zum Beispiel die Geschichte eines Wachkommandos bei einer Brücke, die von Partisanen gesprengt und von den Deutschen wieder aufgebaut wird, um gleich wieder vor den anrückenden Russen gesprengt zu werden, die organisierte Sinnlosigkeit des Krieges deutlicher als jedes grausige Schlachtenpanorama. PUBCOMMENTS: »Heinrich Bölls Prosa gehört zu jener in Literatur verwandelten Wirklichkeit, die das Gedächtnis eines Volkes ausmacht.« Hans Schwab-Felisch
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„Wo warst du, Adam?" ist Bölls erster Roman, erschienen 1951. Es ist eine Kriegsgeschichte, die einzelne Soldatenschicksale zwischen 1943 und dem Frühjahr 1945 schildert. Der Autor benutzt die einzelnen subjektiven Kriegserlebnisse, um daraus ein Gesamtbild des Krieges zu kreieren. Der Titel des Buches bezieht sich auf ein Zitat aus den Tag- und Nachtbüchern des deutschen Kulturkritikers Theodor Haecker: „Eine Weltkatastrophe kann zu manchem dienen. Auch dazu, ein Alibi zu finden vor Gott. Wo warst du, Adam? Ich war im Weltkrieg." Der Krieg ist also ein Alibi für den Menschen, der sich von jeder Verantwortung für sein Tun befreit sehen möchte.
Der Roman ist in neun nur lose verknüpfte Kapitel eingeteilt. Ein allwissender Erzähler berichtet über den im Herbst 1944 bereits verlorenen Zweiten Weltkrieg am Südabschnitt der Ostfront. Die neun Kapitel des Textes sind verschiedenen Figuren gewidmet. Der Soldat Feinhals ist die wichtigste Figur, rückt aber erst im 5. und dann im 9. Kapitel deutlicher in den Vordergrund.
In „Wo warst du, Adam?" steht nicht die Schlacht im Vordergrund sondern der einzelne Mensch. Meiner Meinung nach war die entscheidende Frage für Böll: Wer sind eigentlich diese Menschen wirklich, die sich als grosse oder kleine Räder im unheimlichen, anonymen Getriebe des modernen Krieges drehen müssen? Ich denke, der Autor hat viele eigene Erfahrungen über den Krieg in den Roman eingebracht. So war er an vielen Kriegsschauplätzen des Buches selbst anwesend. Auch der Handlungshintergrund wie z.B. ein Lazarettaufenthalt oder Kampfhandlungen hat der Autor wohl erlebt. Böll hat mit dem Roman die Absicht, den Krieg nicht als Abenteuer, sondern als ansteckende Krankheit darzustellen. Diese Absicht ist aus einem Zitat am Romananfang von Antoine de Saint-Exupéry ersichtlich. Böll zeigt in den verschiedenen Episoden immer wieder die Sinnlosigkeit des Krieges und seiner Menschenopfer. Die Absurdität zeigt sich z.B. auch im Bau einer Brücke und der anschliessenden Sprengung derselben. Ich denke, die Sinnlosigkeit des Krieges kommt in diesem Roman besser zum Vorschein als in den grausigsten Schlachtpanoramen anderer Kriegsbücher. Die Sprache ist einfach, nüchtern, realistisch, mit wenigen deutlichen Symbolen versehen. Für mich wirkt seine präzise und harte Sprache manchmal sogar brutal, was aber passend zum Thema des Buches ist. Der Autor kann mit wenigen Worten eine Situation oder eine Person so darstellen, dass sie einem deutlich vor Augen erscheint. Seine Bilder vermitteln mir als Leser meistens die Stimmung des Todes und der Trostlosigkeit. Die Bilder sind so scharf und von Spannung erfüllt, dass man die Sätze nicht vergessen kann. Es braucht nur ein Stichwort, und ich habe die ganze Thematik wieder vor Augen. Des Inhalts und der Sprache wegen ordne ich den Roman der Trümmerliteratur zu. Im ersten Kapitel gibt es eine Situation, wo die Truppe aufgeteilt wird und deshalb immer kleiner wird, bis nur noch einer übrig bleibt (Feinhals). Für mich bedeutet dies ein Symbol für den weiteren Verlauf des Romans, wo viele den sinnlosen Tod finden. Es zeigt aber auch, dass die Soldaten als „Menschenmaterial", sozusagen als Verbrauchsgegenstände verwendet werden. Der Roman hat einen pessimistischen Grundton, positive Aspekte sind selten. Böll zeigt jedoch mit seinen Figuren im Roman, dass es auch gute, anständige Menschen im Krieg gab. Dabei denke ich vor allem an die rangniederen Soldaten, die ihren Vorgesetzten gehorchen müssen. Bezeichnend ist auch, dass die Offiziere häufig fliehen können und überleben, die eigentlichen „Helden" aber zum Untergang verurteilt sind. Durch die Jüdin Ilona wird ein gläubiger Bezug zum christlichen Gott hergestellt. Sie betet „um Gott zu trösten". Ich finde, durch das Studium dieses Buches kann man sich gut vorstellen, wie es im 2. Weltkrieg wirklich war. Andere Bücher konzentrieren sich auf genaue Daten und Darstellungen von Schlachten. Was aber in der Psyche der Menschen im Krieg vorgehen muss, kommt bei diesem Roman viel besser zur Geltung. Die Lektüre dieses Buches hat mir im Nachhinein sehr viel zu denken gegeben. Denn Böll stellt eine Wirklichkeit dar, die sehr grausam ist. Man kann heute leicht sagen: „Das ist vor 50 Jahren geschehen". Aber der Inhalt dieses Buches lässt sich auf alle Kriege anwenden, und die haben wir heute wie früher. Meiner Meinung nach brauchte es Mut, schon 1950 als Deutscher so negativ über den Krieg und die höheren Offiziere zu schreiben. Böll ist auch der erste, der in der Nachkriegszeit eine KZ-Szene schildert. Was mir an „Wo warst du, Adam?" besonders gefällt, ist, dass Böll die Wirklichkeit nicht verzerrt und idealisiert wie andere Autoren in dieser Zeit. Denn kein Schweigen kann die Vergangenheit ungeschehen machen.
Heinrich Böll ist mit „Wo warst du, Adam?" ein ausserordentlich gutes Buch gelungen. Der Roman ist eine Anklage, ein Mahnruf gegen den Krieg. Er deckt bittere Wahrheiten auf, an die manche Leute nur ungern erinnert werden möchten. Wegen seines einfachen Stils und seines Inhalts kann ich das Buch jedem sehr empfehlen!
Gian Andrea Prevost, Kantonsschule Chur
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