Wenn die schon fast mythische Figur Maqroll des Kolumbianers Alvaro Mutis' mit dem heruntergekommenen Konsul auf dem Mescal-Höllentrip in Malcolm Lowrys Unter dem Vulkan verschmelzen würde, und das Ganze in der flirrenden, feuchten Hitze des oberen Amazonaslaufs im Dreiländereck Ecuador, Peru und Brasilien, dann käme wohl eine Figur heraus wie die des ziemlich abgehalfterten Diplomaten im zweiten Roman Carlos Franz': "Es ist dieser ältere einsame Mann, den wir stets rauchend auf den Bahnsteigen finden" - "ein berufsmäßiger Abschiednehmer", so schildert ihn seine 18jährige Tochter Anna, die ihn, wann immer es die Schule erlaubt, besucht auf seinen Außenposten der Zivilisation, die am Ende einer Diplomatenkarriere im Dienst einer namenlosen lateinamerikanischen Diktatur - Chile oder Argentinien zur Zeit der Militärs? - zu stehen scheinen, um dort noch einmal anzuknüpfen an die glücklichen Tage, die sie in vergnügter Komplizenschaft mit ihrem einst stattlichen Vater an den Stätten seines Wirkens verbrachte.
Anna berichtet aus der Retrospektive zehn Jahre später von diesem letzten Treffen mit dem vergötterten Vater in Iquitos, das in seinem von Nebelschwaden umwaberten rostigen Verfall nur noch ein trauriger Abklatsch des einstigen El Dorados - eben wo einst das Pardies war - ist und so meisterhaft das verrottete Innenleben des Konsuls spiegelt. Eine kleine diplomatische Verwicklung um den Hasardeur Enrico, dem der Konsul unter Landsmännern weiterhilft, scheint das Geschehen voranzutreiben, doch in Wahrheit ist es Anna, die früh- und gleichzeitig unreife Frau, die ihrem Vater nach der gescheiterten Ehe mit ihrer Mutter das späte Glück in den Armen der schönen Mestizin Julia nicht gönnen kann. Aus maßloser und gleichzeitig uneingestandener Eifersucht auf Julia, mit dem sie den Vater und später auch den Geliebten Enrico teilen zu müssen glaubt, mit dem sie nur eine romantisch überhöhte, aus Trotz vorangetriebene flüchtige Affäre ohne Tiefgang verbindet, reißt Anna alle ins Verderben.
Bar jeder Hast, fast auf den Nebeln schwebend, entwickelt sich das Geschehen mit fast schicksalhafter Zwangsläufigkeit, wie in einem Totentanz, den außerdem der undurchsichtge Polizeipräfekt Goncalves und der ehemalige Konkurrent des Konsuls, Rubiroza, bevölkern. Der Roman besticht durch seine Schilderungen der Athmosphäre, die förmlich Dekadenz zu atmen scheint und das Ende der Welt am Amazonas plastisch vor dem Leserauge erstehen lassen. Der pathetisch anmutende Konsul in seiner Schwäche und moralischen Fehlbarkeit erweckt eine Spur von Mitleid, und Anna, die als geläuterte Frau schwer an ihrer Schuld trägt, kann zwar nicht auf Verständnis oder gar Vergebung, aber doch auf Mitgefühl hoffen, während die anderen Figuren undeutlich, wie hinter einem beschlagenen Brillenglas bleiben.
Der chilenische Diplomatensohn und anerkannte Literaturkritiker Franz (*1959) wurde in Argentinien mit dem Premio Planeta für diesen Roman ausgezeichnet, der in der handwerklich sauberen, stilsicheren Übersetzung ins Deutsche von Willi Zurbrüggen definitiv ein Lesegenuß ist. Unbedingt lesen!